Wenn dennoch korrekte Darstellungen in Umlauf waren, achtete man wenigstens darauf, dass sie rechtzeitig wieder verschwanden. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs waren Karten des bedeutenden deutschen Militärhafens Wilhelmshaven auf einmal vergriffen. "Offensichtlich hatten interessierte Stellen sie aufgekauft", sagt Brunner. Und vor dem Falkland-Krieg 1982 waren sämtliche britische Seekarten des Südatlantiks ausverkauft.

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Diese spätere Karte wies an dieser Stelle eine Brachfläche aus. (© Bild: Brunner)

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Landkarten wegzuschließen, hat ebenfalls eine lange Tradition. Bereits die ersten Aufzeichnungen, die der Entdecker Christoph Kolumbus aus der Neuen Welt mitbrachte, verschwanden umgehend in Geheimarchiven. Den Schlüssel dazu verwahrte der oberste Kartograph Spaniens.

Phantasie-Karte als Köder

Nicht immer dienen Fälschungen politischen Zwecken. Die ersten europäischen Einwanderer in Australien etwa köderten neue Arbeitskräfte aus der Heimat, indem sie eine Phantasie-Karte Australiens verschickten. Der karge Kontinent wurde darauf als ein verlockendes Land mit großen Flüssen, ausgedehnten Seen, Wäldern und Bergen dargestellt. Heutzutage werden Landkarten ebenfalls ohne militärischen Grund systematisch verfälscht. Um beispielsweise Denkmäler in den USA vor Vandalen zu schützen, sind sie oftmals nicht verzeichnet.

Verlage nutzen zudem bewusst eingebaute Fehler, um Plagiatoren auffliegen zu lassen. Sie zeichnen Stichstraßen, die es gar nicht gibt, an einsame Orte in die Karten ein, an die kaum jemand fährt. Konkurrenten, die die Pläne einfach kopieren, können anhand der Besonderheit leicht überführt werden.

Doch nicht alle Fehler sind gewollt. "Manche Mängel überdauern Jahrzehnte", sagt Mark Monmonier. Eine Eisenbahnlinie in Pennsylvania etwa, die es gar nicht gab, fand sich irrtümlich 20 Jahre und vier Ausgaben lang in einem Regionalatlas, der ausgerechnet von einem Militär-Kartographen erstellt worden war.

Solche Ungenauigkeiten können schwere Folgen haben. 1988 alarmierte ein philippinischer Marineoffizier seine Regierung, Malaysia habe die Turtle Islands annektiert. Er hatte einen ungewöhnlichen Strich auf einer Seekarte falsch interpretiert. Eine Linie, die eine empfohlene Schiffsroute markieren sollte, hielt er für einen neuen Verlauf der Staatsgrenze. Mit seiner Warnung, Malaysia habe die Grenze verschoben und sich die Inseln einverleibt, löste der Offizier beinahe eine schwere Krise aus.

Solch ernste Irritationen verursachte der kartographische Zeichner Richard Ciacci mit seinem Streich nicht. Der Behörden-Angestellte in Boulder hatte in die Karte des US-Bundesstaates Colorado einen fiktiven Berg namens "Mount Richard" eingezeichnet, um sich damit ein persönliches Andenken zu verschaffen. Es dauerte zwei Jahre, bis die Fälschung entdeckt wurde. "Es stellt sich die Frage", sagt Mark Monmonier, "wie viele solcher Possen wohl noch in Landkarten schlummern."

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(SZ vom 10.12.2008/mcs)