Fußball und Zufall Zerstörte Bundesliga-Mythen

Besonders gut spielt es sich im eigenen Stadion und vier Siege in Folge lässt die Spieler auf einer Welle des Erfolges schwimmen - denken viele Fans. Doch die Wahrheit sieht anders aus, sagen zwei deutsche Wissenschaftler.

Von Frank Grotelüschen

Manche Bundesliga-Teams gelten als ausgesprochen heimstark. Andere erleben gerade eine Siegesserie und sind dadurch offenbar unschlagbar. Und am Ende der Saison wird die beste Mannschaft Deutscher Meister.

Unsinn - sagen zwei Physiker, nachdem sie das Bundesliga-Geschehen mit den Methoden der Mathematik analysiert haben. Behalten sie Recht, müssen sich Fußball-Fans von einigen lieb gewonnenen Mythen verabschieden. Ihre Resultate haben die Forscher auf der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in der vergangenen Woche in Berlin vorgestellt.

Heimstark? Bei diesem Wort kann Andreas Heuer nur milde lächeln. Mit den unbestechlichen Methoden der Statistik hat der Physiker der Universität Münster sämtliche Spiele der Bundesliga seit ihren Anfangstagen durchforstet - insgesamt mehr als 12.000 Begegnungen. Was er tatsächlich gefunden hat, ist der Heimvorteil.

In Zahlen: Im eigenen Stadion schießt jedes Team der Bundesliga im Schnitt 0,7 Tore mehr als auswärts. Aber um in der Liga als "heimstark" aufzufallen, müsste das Team zu Hause noch besser sein als dieser Durchschnitt und beispielsweise 1,2 Tore mehr schießen als in fremden Stadien.

Nach eben solchen Beweisen für die Heimstärke fahndete Heuer in seinen Zahlenkolonnen. "Aber die gibt es nicht", sagt der Physiker. "De facto haben alle Teams der Liga den gleichen Heimvorteil."

Egal, ob Spitzenteam oder Abstiegskandidat, ob viele Zuschauer oder wenige - statistisch gesehen ist der Heimvorteil bei allen Vereinen gleich groß. Keiner zeichnet sich, zumindest über einen Zeitraum von einer Saison oder länger, als besonders heimstark aus, sagen die Zahlen aus gut 40 Jahren Bundesligageschichte.

Tipps für Trainer

Als eine mathematische Mär erweist sich auch der Begriff der Siegesserie. Gerne sprechen Fans und Sportreporter davon, dass ein Team nach vier Siegen auch das folgende Match mit hoher Wahrscheinlichkeit gewinnt. Schließlich schwimmt es auf einer Welle des Erfolges. Die Spieler traben mit breiter Brust auf den Platz - die Mannschaft hat einen Lauf.

Doch die Statistik widerspricht: Kein Verein eilt von Sieg zu Sieg und wird dabei immer stärker. "Es hat sich sogar gezeigt, dass ein Team im Schnitt nach vier gewonnenen Begegnungen schlechter spielt, als es seiner eigentlichen Leistungsfähigkeit entspricht", erklärt Heuer.

Diese Normalform hat der Physiker als mehrjähriges Mittel über die Platzierung am Saisonende berechnet. "Nach den Siegen braucht das Team ein paar Spieltage, bis es auch nur sein normales Niveau wieder erreicht hat."

Wie lässt sich das erklären? Da kann der Statistik-Experte Andreas Heuer nur spekulieren - so wie es Fußball-Fans tun. "Vielleicht ist es Übermut. Und vielleicht ist der jeweilige Gegner immer dann besonders motiviert, wenn er gegen eine Mannschaft antritt, die gerade eine Siegesserie hingelegt hat."

Die Erkenntnis ist jedenfalls für die Trainer der Bundesliga relevant: Der Coach sollte seine siegreichen Schützlinge noch stärker als bislang davor warnen, kommende Gegner auf die leichte Schulter zu nehmen. Den Fluch, den man gemeinhin mit einer Negativserie assoziiert, konnte Heuer durchaus in seinen Daten aufspüren: "Teams, die ein paar Mal in Folge verloren haben, spielen im Mittel tatsächlich schlechter, als es ihrer Leistungsfähigkeit entspricht."