Frage der Woche Warum ist Gähnen ansteckend?

Kaum bleckt einer gähnend seine Zähne, geht es reihum. Aber welchem Zweck dient das synchrone Aufreißen von Mündern eigentlich?

Von Markus C. Schulte von Drach

Wir gähnen, wenn wir müde sind, uns langweilen - oder angegähnt werden. Diese Auslöser sind hinreichend belegt. Doch welchen Zweck das weite Aufreißen des Mundes hat, ist noch nicht eindeutig geklärt. Sicher scheint nur eins: Eine Reaktion auf Sauerstoffmangel ist es - anders als häufig behauptet wird - nicht.

Und noch etwas ist klar: Wer gähnt, während wir unsere 3000 phantastischen Dias vom Campingurlaub an der Mittelmeerküste vorführen, ist unser Freund nicht länger.

Doch Vorsicht: Vielleicht ist unser Urteil verfrüht.

Erst kürzlich meldeten Forscher von der State University of New York in Albany, dass Gähnen den Wärmeaustausch im Gehirn fördert. Andrew und Gordon Gallup haben beobachtet, dass Versuchspersonen, die durch die Nase atmen, sich vom Gähnen nicht anstecken lassen - im Gegensatz zu Probanden mit Klammern auf der Nase. Und auch ein kalter Gegenstand an die Stirn gedrückt, verhindert die "Gähn-Infektion".

Wir gähnen, wenn unsere Hirntemperatur steigt, schließen die Forscher - und vermuten, dass wir dadurch kühles Blut ins Gehirn pumpen, um optimale Denkleistungen zu gewährleisten (Evolutionary Psychology, Bd. 5(1), S. 92, 2007).

"Es ist eine weitverbreitete Annahme, Gähnen sei anderen gegenüber respektlos und ein Zeichen von Langeweile", so die Gallups. "Doch es spiegelt offenbar einen Mechanismus wieder, mit dem Aufmerksamkeit aufrechterhalten wird."

Und auch zur Frage auf die Ursachen der Ansteckung bieten die Wissenschaftler eine Antwort: "Wenn jemand in einer Gruppe gähnt, weil seine Denkleistung nachlässt, könnte sich die ansteckende Wirkung entwickelt haben, um die Wachsamkeit der Gruppe aufrechtzuerhalten."

Damit widersprechen die US-Forscher allerdings ein Stück weit der Erklärung, die Ronald Baenninger von der Temple University in Philadelphia angeboten hatte. Baenninger zufolge könnte die ansteckende Wirkung des Gähnens einen synchronisierenden Effekt auf den Wechsel von Ruhe und Aktivität in einer Gruppe haben - nach dem Motto: Einer müde - alle müde. Folgt man jedoch den Gallups, würde das Gähnen zwar auch zu einer Art Synchronisation führen - allerdings im Bemühen, wach zu bleiben.

Ein Zeichen von Empathie

Einen anderen Ansatz verfolgen Forscher der University of Leeds. "Wir glauben, dass ansteckendes Gähnen auf Empathie hinweist", berichteten Catriona Morrison und ihr Team laut BBC jetzt auf dem British Association Festival of Science in York. "Es deutet darauf hin, dass dem Verhalten und der psychischen Verfassung anderer Menschen große Bedeutung beigemessen wird."

Die britischen Wissenschaftler hatten Testpersonen in einen vollen Warteraum gesetzt. Dort wurden sie der massiven Gähn-Attacke eines Leidensgenossen ausgesetzt. Was die Probanden nicht wussten: Der müde Mitmensch, der in zehn Minuten zehn Mal sein Maul aufsperrte, gehörte zum Forscherteam. Und seine Kollegen zählten, wie häufig die Studienteilnehmer sich infizieren ließen.

Anschließend nahmen die Probanden an einem Test teil, bei dem es um ihre Fähigkeit ging, den emotionalen Ausdruck anderer Menschen zu interpretieren.

Bei dieser Messung empathischer Fähigkeiten schnitten nun jene besonders gut ab, die sich zuvor häufiger mit dem Gähnen hatten anstecken lassen.

Die britischen Forscher bestätigten mit ihrem Versuch Ergebnisse, die zuvor Steven Platek und sein Team von der Drexel University in Philadelphia erzielt hatten. Platek hatte seinen Probanden Videos mit gähnenden Menschen gezeigt und festgestellt, dass jene, die eine große Immunität gegenüber dem Maulaufreißen besaßen, auch nur eine geringe Empathiefähigkeit zeigten.

Übrigens lassen sich auch Schimpansen vom Gähnen ihrer Artgenossen anstecken. Ein deutlicher Hinweis, so vermuten nun manche Forscher, dass unsere nahen Verwandten ebenfalls über ein gewisses Empathievermögen verfügen.

Vermutlich hängt der Prozess der Ansteckung übrigens mit den sogenannten Spiegelneuronen zusammen, mit denen Menschen- und Affenhirn ausgestatten sind. Diese Nervenzellen sind sowohl aktiv, wenn Sie selbst eine Handlung ausführen, als auch wenn Sie diese nur beobachten. Sie vollziehen das Verhalten innerlich sozusagen mit. Und das ist schon der erste Schritt zu unbewusster Nachahmung.

Sollte also in Zukunft jemand bei Ihrem Dia-Abend laut gähnen, so interpretieren Sie dies einfach so, dass er oder sie sich wenigstens bemüht, Ihren Ausführungen konzentriert zu folgen.

Breitet sich das Gähnen dann schnell unter den Gästen aus, so seien Sie dankbar für so mitfühlende Freunde. Und dann bereiten Sie sich innerlich schon mal darauf vor, dass die ganze Runde demnächst aufbrechen wird. Und zwar alle gleichzeitig.