Ein ähnliches Experiment wurde vor einiger Zeit von einer Forschergruppe aus Cambridge veröffentlicht. Die Neurologen maßen die Gehirnaktivität eines Komapatienten, während ihm mündlich suggeriert wurde, er gehe durch sein Haus. Dabei zeigte das Gehirn Aktivität in Bereichen, die mit Bewegung zu tun haben. Allerdings war dieser Patient weniger tief in ein Koma versunken als die Jülicher Patientin; er schlug beispielsweise von Zeit zu Zeit die Augen auf.

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Der Zustand der Patientin, die von Eickhoff untersucht wurde, ist eher vergleichbar mit dem der amerikanischen Komapatientin Terry Schiavo, die vor gut drei Jahren eine heftige öffentliche Debatte auslöste, als ihre künstliche Ernährung abgestellt wurde. "Unserer Patientin geht es sogar noch etwas schlechter als Schiavo damals", sagt Eickhoff. Doch wie Schiavo kann auch die Frau in Jülich selbständig atmen, muss aber künstlich ernährt werden.

"Bei den untersuchten Patienten handelt es sich um Einzelfälle"

Zumindest in Deutschland haben die überraschenden Ergebnisse politisch zunächst keine Konsequenzen. Komapatienten müssen, unabhängig vom Schweregrad ihrer Bewusstlosigkeit, am Leben erhalten werden. Die lebenserhaltenden Geräte werden erst abgestellt, wenn der Hirntod festgestellt wird. Nach einer Stellungnahme der Bundesärztekammer ist der Hirntod definiert als "Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Dabei wird durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten." Das ist auch der Zeitpunkt, an dem Organe entnommen werden dürfen, falls ein Spenderausweis vorliegt.

"Bei den untersuchten Patienten handelt es sich um Einzelfälle", sagt Friedemann Müller, Chefarzt in der Neurologischen Klinik in Bad Aibling. Der Rückschluss, wonach das Gehirn bei allen Komapatienten noch so gut funktioniert, sei nicht zulässig. Allerdings sei es in den meisten Fällen so, dass die Angehörigen den Eindruck haben, der Mensch im Koma verstehe viel mehr, als die Mediziner rein objektiv feststellen.

"Die Ergebnisse aus Jülich sollten uns im Umgang mit solchen Patienten noch vorsichtiger machen", sagt Müller. Auch bei Menschen, die schon jahrelang im Koma liegen und keinerlei Reaktionen mehr zeigen, könne man spätestens seit diesen Ergebnissen nicht mehr davon ausgehen, dass sie nicht mitbekommen, was um sie herum passiert. Auf keinen Fall dürfe man sich in ihrer Gegenwart über sie unterhalten. Selbst kleine Eingriffe wie Waschen oder Blutabnehmen müssten erklärt werden. "Das Wissen darum, was doch noch alles erhalten sein könnte, macht im Umgang mit diesen Patienten sehr viel aus", sagt Simon Eickhoff. Im Prinzip müsse man jetzt den Begriff "Koma" neu definieren.

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(SZ vom 12.12.2008/reb)