Eisschwund am Nordpol Vom Polarwind verweht?

Seit Jahren rätseln Forscher, warum die Eisbedeckung des Meeres am Nordpol zurückgeht. Neben dem Klimawandel spielt offenbar der Wind eine wichtige Rolle.

Von Axel Bojanowski

Der Schwund des Eises im Arktischen Ozean gibt Wissenschaftlern Rätsel auf. Die Eisbedeckung des Meeres am Nordpol geht seit Jahren zurück. In den vergangenen beiden Sommern erreichte das Meereis die kleinste Ausdehnung der vergangenen 100 Jahre.

Auch die Eisbedeckung im Winter nimmt stetig ab, wenn auch weniger dramatisch. In diesem Winter konnte immerhin so viel Eis anwachsen wie seit sechs Jahren nicht, berichtet das Nationale Schnee und Eis Datenzentrum NSIDC in den USA.

So besteht Hoffnung, dass auch im Sommer eine größere Fläche Bestand haben wird. Eine Vorhersage ist aber unmöglich. Es sei "weitgehend unklar", warum das Eis seine Ausdehnung verändert, berichtete Rüdiger Gerdes, Ozeanograph vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), nun auf dem Extrem-Wetterkongress in Bremerhaven.

Wahrscheinlich habe vor allem die globale Klimaerwärmung zur Meereis-Schmelze in der Arktis beigetragen, vermutet der Klimarat der Vereinten Nationen IPCC, der alle fünf Jahre das Wissen über das Klima in einem Bericht zusammenfasst. Manche Computer-Simulationen sehen bei fortschreitender Erwärmung gar einen vollständigen Schwund des arktischen Meereises für jeden Sommer voraus.

Doch die Prognosen sind unsicher. Daten aus der Vergangenheit zeigen, dass das Klima der Arktis höchst variabel ist. Im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts etwa ließ eine bislang unerklärliche Wärmephase das Meereis fast so stark schrumpfen wie derzeit.

Seine Schwankungen machen das Arktis-Klima zu einem der Brennpunkte der Umweltforschung. Die Variationen führen einerseits dazu, dass Veränderungen kaum vorherzusagen sind. Andererseits reagiert die Arktis offenbar empfindlich auf kleinste Störungen, weshalb Rüdiger Gerdes auf dem Extremwetter-Kongress vor einem Kippen des dortigen Klimas warnte: Unterschreite das Meereis eine bestimmte Ausdehnung, könne es sich nicht mehr erholen.

Wann der Kipp-Punkt erreicht sein könnte, ist unklar. Neue Daten zeigen, dass der Wind eine große Rolle spielt. Der Rekord-Rückgang der beiden vergangenen Sommer sei etwa zur Hälfte darauf zurückzuführen, dass Wind das Eis aus der Arktis getrieben habe, berichten Polarforscher um Frank Kauker vom AWI im Fachblatt Geophysical Research Letters. Die Temperatur im Spätsommer habe sich lediglich "zu 20 Prozent" ausgewirkt.

Über die weitere Entwicklung des arktischen Meereises, entscheide aber vor allem die Eisdicke, betont Kauker. Dünnes Eis könne bei großer Ausdehnung eine robuste Eisfläche vorgaukeln. Über die Dicke der Eisschollen gebe es allerdings kaum Daten. Die Arktis-Forscher stehen also noch ziemlich am Anfang in ihrem Wettlauf gegen den Klimawandel.