Ein Lügenexperte im Interview "Mir entgeht kein Gesichtsausdruck"

Paul Ekman arbeitet als Lügenexperte für das FBI und die CIA. Stimmt es, dass er in Gesichtern lesen kann wie sonst niemand?

Ein Interview von Michaela Haas

Wie alle guten Psychotherapeuten erweckt Paul Ekman sofort Vertrauen. Und den Eindruck, dass ihm, diesem aufmerksamen Mann mit der sonoren Stimme, aber auch nicht das winzigste Detail entgeht. Es ist ein relativ kühler Abend in Los Angeles, Ekman hat den ganzen Tag am Set der neuen Fox-Serie "Lie to me" verbracht. Deshalb will er nun im Restaurant in Westwood nahe am Kaminfeuer sitzen - und noch bevor ihm der Kellner den ersten Whisky auf Eis serviert, taut Ekman auf. Also, stimmt es, dass er in Gesichtern lesen kann wie sonst niemand?

Paul Ekman, 73, ist emeritierter Professor für Psychologie an der Universität von Kalifornien in San Francisco, vielfacher Bestsellerautor und einer der weltbesten Experten für nonverbale Kommunikation. Seit mehr als vierzig Jahren erforscht er, wie Gefühle entstehen, wie sie sich äußern und wie man sie in anderen lesen kann. Jeder, der heute in einer US-Botschaft - egal in welchem Land - oder bei der Einreise ein Visum ausgestellt bekommt, wird von einem Menschen befragt, der nach Ekmans Methoden geschult ist. Ekman hat außerdem ein komplexes Codier-System entwickelt, mit dem die Kameras in amerikanischen Flughäfen bestimmte Gesichtsausdrücke identifizieren können.

(Foto: Foto: Getty)

SZ: Guten Tag, Herr Professor, wie geht es mir?

Paul Ekman: Gut. Ein wenig müde, aber ansonsten geht es Ihnen prima.

SZ: Danke. Und Ihnen?

Ekman: Bestens, aber ich brauche jetzt erst mal einen Whisky! Ich habe den ganzen Tag in Hollywood verbracht, als würde ich die Horror-Geschichten darüber, was die in Hollywood mit der Wissenschaft anstellen, nicht kennen.

SZ: So schlimm?

Ekman: Nein, es macht mir großen Spaß. Aber die haben natürlich von Wissenschaft wirklich keine Ahnung.

SZ: Dr. Cal Lightman, Hauptfigur in der neuen Fox-Serie "Lie to me", ist der weltbeste menschliche Lügendetektor. Er arbeitet wie Sie für FBI, CIA und Anwaltsfirmen. Basiert die Figur auf Ihnen?

Ekman: Ich habe den Autoren tatsächlich erlaubt, alles vom beruflichen Paul Ekman zu verwenden, aber nichts vom privaten. Dieser Cal Lightman ist ein arroganter Schnösel, ich nicht. Er lügt, ich nicht. Er ist geschieden, ich bin seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet.

SZ: Es ist ein wenig beunruhigend, einem Menschen gegenüberzusitzen, dem man nichts vormachen kann.

Ekman: Haben Sie denn etwas zu verbergen? Keine Angst, ich kann keine Gedanken lesen. Ich sehe, wie Sie sich fühlen. Aber was hinter Ihren Gefühlen steckt, das weiß ich natürlich nicht.

SZ: Das lässt einem trotzdem nicht viel Privatsphäre.

Ekman: Mir entgeht kein Gesichtsausdruck, aber das bedeutet nicht, dass ich Sie auszähle. Wenn meine Frau mir mit ihrem Gesichtsausdruck signalisiert, dass sie etwas verbergen will, spreche ich sie nicht darauf an. Nur wenn ich denke, dass es etwas mit mir zu tun hat, frage ich leichthin: 'Alles in Ordnung, Liebling?'

SZ: Warum ist es für Sie so einfach, im Gesicht eines anderen zu lesen?

Ekman: Es sind nur 43 Muskeln, mit denen wir mehr als 10.000 Gesichtsausdrücke erzeugen können, und ich habe alle gesehen. Ich bin bis Papua-Neuguinea und auf alle Kontinente gereist. Es gibt keinen Ausdruck, den ich nicht kenne.

SZ: Mit einem Kollegen haben Sie fast acht Jahre lang damit zugebracht, jeden einzelnen dieser Gesichtsausdrücke anzunehmen, zu fotografieren und zu codieren!

Ekman: Und wenn wir einen Ausdruck wirklich nicht selbst erzeugen konnten, sind wir zu Ärzten nebenan gerannt; die haben uns dann eine Akupunkturnadel an die entsprechende Stelle gesetzt. Manche Ausdrücke sind extrem schwierig. Sehen Sie, wenn Sie zum Beispiel die Mundwinkel so zusammenpressen und den Unterkiefer nach vorne schieben . . .

SZ: Sie meinen . . . so?

Ekman: Uh, Sie sehen sehr, sehr wütend aus, hören Sie auf! Das Überraschendste an unserer Arbeit war die Feststellung, dass manche Gefühle erst entstehen, weil man einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzt. An Tagen, an denen wir stundenlang wütende oder depressive Ausdrücke übten, mussten wir uns eingestehen, dass es uns miserabel ging. Wenn wir auf unseren Gesichtern Glück und Zufriedenheit simulierten, waren wir anschließend tatsächlich bester Laune.

SZ: Also funktioniert der Trick, sich selber anzulächeln, wenn man miesepetrig ist?

Ekman: Wenn man bestimmte Muskeln im Gesicht aktiviert, ruft man damit die gleichen Veränderungen im Nervensystem hervor wie das entsprechende Gefühl. Schauspieler kennen das. Stanislawski, der Theaterpädagoge, hat immer gesagt: 'Mach' die Geste, das Gefühl folgt nach.'

SZ: Sie haben bei Ihren Forschungen die Mikroausdrücke entdeckt, also flüchtige, unbewusste Gesichtsausdrücke, die einen verraten, auch wenn man sich beherrscht. Wie lange bräuchte ich, um sie von Ihnen zu lernen?

Ekman: Für den Grundkurs? 40 Minuten. Das hat mich selbst überrascht. Am Anfang, als wir Richter, Polizisten und Staatsanwälte getestet haben, waren die im Gesichterlesen keinen Deut besser als normale Menschen, alle haben nur geraten.

Nach einer Stunde Training aber stieg ihre Trefferquote auf 50 oder 60 Prozent. Wir haben heute Virtuosen, die sogenannten Hexenmeister, die kommen auf 96 Prozent. Meistens sind das Menschen, die besonders hoch motiviert sind, weil ihr Überleben von so einer Situation abhängen könnte, zum Beispiel Geheimdienstler.

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