Kaum ein Forschungsgebiet wird von Politikern so kritisch beäugt wie die Stammzellforschung. Vor sechs Jahren erlies der Bundestag sogar ein eigenes Gesetz - über das nun wieder diskutiert wird.
Wenn es um hohe Politik geht, spielen Wissenschaftler nur selten eine Rolle. Deutsche Stammzellforscher allerdings mussten sich daran gewöhnen, dass ihre Arbeit auch von höchster Ebene kritisch beäugt wird. Vor sechs Jahren erließ der Bundestag sogar ein eigenes Gesetz, das die Arbeit mit Stammzellen regelt, die aus Embryonen gewonnen werden und sich potentiell in jedes Gewebe entwickeln können.
Bild vergrößern
Über die Forschung mit embryonalen Stammzellen wird heftig diskutiert. (© Foto: dpa)
Anzeige
Am heutigen Donnerstag wird sich der Bundestag erneut mit diesen wandlungsfähigen Zellen beschäftigen. Und derzeit werden die Mitglieder des künftigen Deutschen Ethikrates ausgewählt, der sich auch mit Stammzellen befassen wird.
Kritiker sehen in deren Gewinnung einen Angriff auf die Menschenwürde; Befürworter der Forschung erhoffen sich Zelltherapien für schwere Krankheiten wie Herzinfarkt und Parkinson. Als Kompromiss entstand vor sechs Jahren das Stammzellgesetz, das deutschen Forschern den Import von Zellen aus dem Ausland erlaubt, sofern diese vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden.
Vier Anträge zur Novellierung des Stammzellgesetzes stehen nun zur Abstimmung: Der erste plädiert für eine einmalige Verschiebung des Stichtags auf den 1.Mai 2007, um Forschern die Arbeit mit frischerem Material zu ermöglichen; der Antrag stammt von René Röspel (SPD), wird aber wie alle Vorschläge von Parlamentariern aller Fraktionen unterstützt. Einen Fraktionszwang wird es bei der Abstimmung Mitte März nicht geben. Die Abgeordneten sind allein ihrem Gewissen verpflichtet.
Eine zweite Gruppe um Priska Hinz (Bündnis 90/Die Grünen) möchte in puncto Stichtag alles beim Alten lassen; deutsche Forscher sollen aber künftig nur noch strafrechtlich belangt werden, wenn sie im Inland gegen das Stammzellgesetz verstoßen, im Ausland sollen sie dem Antrag zufolge mit frischeren Stammzellen arbeiten dürfen.
Für einen kompletten Ausstieg aus der embryonalen Stammzellforschung ist dagegen eine Gruppe um Hubert Hüppe (CDU), während ein von Ulrike Flach (FDP) initiierter Antrag für eine Abschaffung des Stichtags und eine weitgehende Freigabe der Forschung plädiert.
Die Süddeutsche Zeitung hat führende Forscher gebeten, ihren Wunsch nach einer Lockerung des deutschen Stammzellgesetzes zu begründen. Auch die, die selbst nicht mit embryonalen Stammzellen arbeiten, sprachen sich dabei für mehr Freiheit aus. Kritiker glauben zu wissen, weshalb: "Alle sind auf Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft angewiesen, die für eine freizügigere Regelung plädiert", sagt einer, der nicht namentlich genannt werden will. "Wenn sie sich kritisch äußern, würden sie ihre Karriere opfern."
(SZ vom 14.02.2008)
Entspannter Vierbeiner
Ich wollte hier gestern abend etwas schreiben und bin auf ärgerliche Weise mit den Ladenschlusszeiten der SZ-Onlie kollidiert.
kschneidt, wenn Sie mir antworten möchten, schauen Sie doch mal bei "szenso.de" unter der Rubrik "Karriere, Wissen und Technik" vorbei. Ich firmiere dort unter dem Pseudonym "Thschmas".
Wieso wollen Sie denn Antibiotika und Impfstoffe verbieten? Jetzt übertreiben Sie aber. Was sie da betreiben ist Panikmache. Forschung kann dazu beitragen, das Leben zu verbessern und Leid zu mindern, aber nur, wenn sie sich in einem vertretbaren Rahmen bewegt. Andernfalls dient sie nur sich selbst und einem unrealistischen Machbarkeitswahn. Die Wissenschaft wird nie alle Krankheiten heilen und alles Leid beseitigen können. Es ist unverantwortlich, solche Hoffnungen zu schüren, um die Öffentlichkeit dazu zu bewegen, ihre ethischen Werte zu unterminieren.
Es ist traurig, dass sie nicht sehen, dass es einen gravierenden Unterschied dazwischen gibt, ob ein Embryo getötet werden muss, weil er seiner ursprünglichem Bestimmung, einer Schwangerschaft und dem Entstehen eines neuen Menschen, nicht mehr dienen kann, oder ob er zu Forschungszwecken getötet wird. Ebenso traurig ist es, wenn sie das Töten eines Embryos als "auf den Müll werfen" bezeichnen. Das ist eine technokratisch-lebensverachtende Sichtweise, und genau das ist auch der Grund, warum Wissenschaftstechnokraten in Deutschland keine ethische Deutungshoheit haben dürfen.
In der Wissenschaft geht es tatsächlich nur um Publikationen. Um nichts anderes. Und relevante, d.h. Erstpublikationen in guten Zeitschriften, erzielt man mit den neuesten Förmchen, mit denen man seinen Kuchen backen kann. Nur darum geht es. Keinem wirklich erfolgreichen Wissenschaftler geht es darum, Leid zu mindern. (Natürlich muss man das behaupten) Menschlichkeit schadet der Karriere.
Es gibt allerdings in den Köpfen vieler Menschen noch das Bild vom idealistischen Forscher, der mit seinen Arbeiten die Welt und das Leben verbessert. Deshalb unterstützen auch viele Menschen die Gelüste der Forscher. Ein Trugbild. Die modernen Lebenswissenschaften sind ein knallharter Karrierebetrieb. Idealisten werden dort nur verbraten und ausgenützt. Dagegen ist McKinsey ein Betverein.
Um den Technologiestandort Deutschland brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Es gibt saubere, vielversprechende Alternativen zur embyonalen Stammzellforschung.
(Ich weiß weder, was sie mit "Opus dei", noch mit den "Leuten, welche die Stammzellen 'produziert' haben", meinen)
au ja, wir verbieten gleich noch antibiotika und impfstoffe, damit die leute wieder qualvoll an pest, syphillis und tetanus verrecken wie die fliegen, ist ja schließlich alles opus dei...
Das vorgeschobene Argument der Stammzellenforschungsgegner, dass es ethische Bedenken geben könnte ist jedoch absurd - schließlich werden ja keine Embryonen gezeugt nur um Stammzellen zu gewinnen (wenn dem denn so wäre, DANN könnte man Alarm schlagen). Ich sehe nun ethisch nicht wirklich einen Unterschied ob Embryonen auf den Müll geworfen werden bzw. bis in alle Ewigkeiten im Stickstofftank liegen oder ob man nun Stammzellen daraus gewinnt.
Aber es geht ja auch alles nur um möglichst schnelle und viele Publikationen (das, das was publiziert wird evtl. relevant sein könnte, ist ja schließlich ganz außer Frage... viel Spaß mit diesen derart degenerierten Stammzellen, die man hierzulande zur Verfügung hat. Brauchen wir ja alles nicht, wir haben ja als Technologieträger so sinnvolle Produkte wie eine 25km lange Transrapidstrecke...
Das einzige was wirklich als ethische Frage auftritt, ist die Frage nach einer finanziellen Beteiligung der Leute, welche die Stammzellen "produziert" haben.
@besseresser:
Erzählen Sie doch mal: Welche medizinischen Erkenntnisse aus der Forschung mit embryonalen Stammzellen, die in anderen Ländern gewonnen werden, werden in Deutschland (oder auch anderswo) denn genutzt?
Der Wunsch von Wissenschaftlern nach neuen embryonalen Stammzellinien hat mit Pragmatismus nur insofern etwas zu tun, als Wissenschaftler sehr pragmatisch daran interessiert sind, möglichst schnell und prestigeträchtig zu publizieren. Wenn Sie glauben, es ginge dabei um Leben und Tod, sind sie der Propaganda der Lobbyisten aufgesessen. Dabei geht es vor allem um Karriere und Eitelkeit. Wissenschaftler sitzen an ihren Laborbänken und vor ihren Publikationen wie kleine Kinder im Sandkasten, die sich das neueste Förmchen wünschen, um die schönste Burg bauen zu können.
Menschen, die tagtäglich nicht nur mit Leben und Tod zu tun haben, sondern auch verstanden haben, dass Krankheit und Tod ein natürlicher Bestandteil des Lebens sind, wissen, dass der Wunsch nach allumfassender Gesundheit und Heilung zwar sehr menschlich ist, dass den Lebenden aber mehr gedient ist, wenn Sie akzeptieren, dass dieser Wunsch sich nie vollständig erfüllen wird.
- Stammzellen VOR 2002 sind aus ethischer Sicht einsetzbar (logisch ?)
- medizinische Erkentnisse, die aus Stammzellenforschung in anderen Ländern gewonnen werden, werden dankbar genutzt (nachvollziehbar ?)
- Themawechsel: Nahrungsmittel werden zu Sprit verarbeitet (vor ein paar Jahren noch undenkbar: Essen als Kraftstoff !, Frage des Zeitgeistes ?)
Man frage am besten die Menschen, die täglich mit Leben und Sterben zu tun haben, vielleicht kehrt dann etwas Pragmatismus in die Diskussion ein.
Aus meiner Sicht soll der medzinische Fortschritt im Zweifel den Lebenden dienen und nicht ethischen Grundsatzdiskussionen das Wort reden