Die Bundeswehr im Kalten Krieg Atombombe im Rucksack

Die Initiative zu dieser Atomoption ging von ehemaligen Wehrmachtsgenerälen wie Hans Speidel, Heinz Trettner und Adolf Heusinger aus. Letzterer hatte schon den Ostfeldzug Hitlers als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres mit geplant.

Der Atomkrieg in Europa war einkalkuliert. Mit nuklear bestückten Pershing-II-Raketen und "taktischen" Atomminen sollte der Gegner aufgehalten werden.

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Eine niedere Schwelle zum Ersteinsatz taktischer Atomwaffen unter Inkaufnahme von Millionen Opfern auf deutschem Territorium sollte die Sowjetunion von einem Krieg abhalten. Helmut Schmidt brachte dieses Denken bei der Befragung durch den Autor auf die Formel, die Generale der Bundeswehr "standen am Kartentisch von Adolf Nazi, dem Führer".

Als Verteidigungsminister verwarf Schmidt, unterstützt von Generalinspekteur Ulrich de Maizière, das Konzept der Bundeswehr, die politische Beratung auf die Zeit vor der Krise zu beschränken. Schmidt veranlasste eine Reform mit obligatorischem Universitätsstudium für Offiziere und versetzte eine Reihe von Generalen in den Ruhestand.

In Kooperation mit US-Verteidigungsminister Melvin Laird erreichte er die Beseitigung der atomaren Landminen und sorgte in den Nato-Gremien dafür, dass kein Einsatz atomarer Waffen ohne Zustimmung der Regierungen erfolgen konnte.

"Jeder atomare Krieg", betont Schmidt in seinem Vorwort, "hätte große Teile des deutschen Volkes ausgelöscht." Am 23.Oktober 1973 wurden in den "Deutschen Einsatzbeschränkungen für ADM" die "Four German No's" für die Nato verbindlich eingeführt und in einem vertraulichen Briefwechsel von Bundeskanzler Brandt mit US-Präsident Nixon im April 1974 bestätigt.

Die Punkte waren: 1. Kein Atomminen-Gürtel an der Grenze; 2. Keine Vorab-Delegation der politischen Entscheidungsgewalt zum Atomwaffeneinsatz an eine militärische Kommandobehörde; 3. Keine militärischen Planungen ohne Schutz der Zivilbevölkerung; 4. Keine Vorbereitung von Sprengkammern oder -schächten in Friedenszeiten. Wie wichtig diese Festlegungen waren, zeigt, dass noch 1970 bei einer neuen Rheinbrücke in Düsseldorf, der "Kniebrücke", Kammern für nukleare Sprengladungen angebracht werden sollten. In Düsseldorf entstand dann, so de Maizière, "die erste Rheinbrücke ohne Sprengkammern".

DETLEF BALD: Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Das Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin, Aufbau Verlag 2008. 288 Seiten, 22,95 Euro.