Deutschlands Gesellschaft "Keiner will mehr Mitte sein"

Zwischen Individualisierung und Überforderung: Wie leben die Deutschen, wen wählen sie und wie konsumieren sie? Gesellschaftsforscher haben die Sozialmilieus Deutschlands neu umrissen.

Von Tilman Weigel

Seit etwa 30 Jahren untersucht das Sinus-Institut die Lebenswelten der Deutschen. Wie leben sie, wen wählen sie und wie konsumieren sie? Dazu ziehen die Forscher mit Kameras und Fragebögen durchs Land. Heraus kommt ein Modell, das die Deutschen in große soziale Gruppen einteilt. Gelegentlich braucht das Modell eine Rundumerneuerung, denn Deutschland ändert sich.

Zur Grafik: So definiert das Sinus-Institut die deutschen Milieus:

Konservativ-etabliertes Milieu: Klassisches Establishment mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch, zeigt aber auch Tendenz zum Rückzug. Liberal-Intellektuelles Milieu: Aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung und postmateriellen Wurzeln, hat starken Wunsch nach Selbstbestimmung. Milieu der Performer: Effizienz-orientierte Leistungselite, denkt global, hohe IT-Kompetenz, sieht sich als stilistische Avantgarde. Expeditives Milieu: Unkonventionelle, kreative Avantgarde, individualistisch, sehr mobil, digital vernetzt, sucht nach Grenzen. Bürgerliche Mitte: Der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, bejaht die gesellschaftliche Ordnung, strebt nach beruflicher und sozialer Etablierung sowie nach Sicherheit und Harmonie. Adaptiv-pragmatisches Milieu: Zielstrebige, junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül. Sozialökologisches Milieu: Idealistisch, konsumkritisch, globalisierungsskeptisch, besitzt ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen. Traditionelles Milieu: Ordnungsliebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration, kleinbürgerlich oder der Arbeiterwelt verhaftet. Prekäres Milieu: Um Teilhabe bemühte Unterschicht, Zukunftsangst und Ressentiments. Hedonistisches Milieu: Spaß- und erlebnisorientiert, verweigert sich den Konventionen und Leistungserwartungen der Gesellschaft.

Das erste Modell hielt noch elf Jahre lang, das zweite zehn, jetzt kommt nach nur neun Jahren die dritte Überarbeitung. Und die Milieus wurden immer mehr. 1980 waren es noch acht, 1991 neun und 2001 wurden es durch die Zusammenführung der Modelle für Ost- und Westdeutschland zehn. Da erstaunt es fast, dass die Forscher auch 2010 mit zehn Milieus auskommen. Trotzdem steht für sie fest: Deutschland driftet auseinander.

Auf den ersten Blick fällt das Verschwinden der sogenannten DDR-Nostalgiker auf. Diese als traditionell und sozial unterprivilegiert beschriebene Gruppe habe sich weitgehend aufgelöst, erläutert Sinus-Geschäftsführer Bodo Flaig. Der Rest wird im neuen Modell dem prekären Milieu zugerechnet.

Dafür ist das expeditive Milieu hinzugekommen: "Hyperindividualistisch, mental und geografisch mobil, digital vernetzt und immer auf der Suche nach neuen Grenzen und nach Veränderung", beschreiben die Sinus-Forscher die Gruppe. Bei genauerem Hinsehen ist aber kein Milieu völlig gleich geblieben. Zu tiefgreifend sei der Wandel im vergangenen Jahrzehnt, heißt es aus Heidelberg.

Die Idee der sozialen Milieus geht zurück auf den französischen Soziologen Émile Durkheim, demzufolge sich gesellschaftliche Gruppen relativ gut anhand des sozialen Status und der Wertorientierung abgrenzen lassen. Anfang der 1980er Jahre entwickelte der Sozialwissenschaftler und SPD-Politiker Jörg Ueltzhöffer zusammen mit dem Psychologen Bodo Flaig ein Milieu-Modell für Deutschland.

Heute leitet Flaig das Sinus-Institut, Ueltzhöffer gründete 1990 das Sigma-Institut. Die beiden Marktforscher sind heute die wichtigsten Anbieter von Milieu-Studien. Vor allem Marketingstrategen nutzen sie für Werbeplanung und Produktentwicklung, aber auch Parteien, Gewerkschaften und Kirchen zählen zu den Kunden.

Die Milieus lassen sich in eine Grafik mit den Achsen "Grundorientierung" und "Soziale Lage" einzeichnen. Eine bestimmte Kombination von beiden Merkmalen lässt sich dann einem - manchmal auch zwei - Milieus zuordnen. So erhält man am Ende eine Landkarte der großen gesellschaftlichen Gruppen. Die einzelnen Milieus sehen darin meist aus wie Kartoffeln unterschiedlicher Form und Größe.

In der neuesten Kartoffel-Grafik spiegeln sich nach Auskunft der Sinus-Forscher mehrere große Trends: Die beständige Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaft führt dazu, dass viele, vor allem jüngere Menschen besser gebildet sind und mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben. Doch dieser Wandel überfordert auch viele Bürger, die deshalb verunsichert sind und nach Halt suchen.