Denkbar nützlich Die helfende Hand

Menschen gestikulieren - aber nicht nur, um sich mitzuteilen, sondern auch, um das eigene Gehirn zum Denken anzuregen.

Von Philip Wolff

Vor wenigen Monaten hatte Isabella Seethaler noch ein ernstes Problem. Sobald sie Hunger bekam, blieb ihr nichts anderes übrig: Sie musste schreien wie alle Babys, bis jemand es mit Füttern versuchte. Kurz nach ihrem ersten Geburtstag aber lernte die kleine Münchnerin ein paar Tricks. Sie gibt jetzt Handzeichen.

Führt Isabella die durchgestreckten Finger zum Mund, weiß die Mutter: Das Kind will essen. "Bitte" sagt Isabella, indem sie die Hand auf der Brust kreisen lässt. "Mehr", indem sie mit dem rechten Zeigefinger in die linke Handfläche tippt.

Bis zu 150 solcher Gesten bringen Eltern in den USA, in Kanada und Großbritannien ihren Kleinkindern bei. Seit der amerikanische Kinderpsychologe Joseph Garcia 1987 die Grundlagen der Baby-Zeichensprache zu entwickeln begann, breitet sich die Methode aus. Etwa 60 kommerzielle Gesten-Lernprogramme ermöglichen es Familien mittlerweile, ihre jüngsten Mitglieder bestens zu verstehen.

Hierzulande verpönt

In Deutschland aber fürchten viele Eltern, die Methode hemme die kindliche Sprachentwicklung. Isabella hat Glück. Ihre Mutter, eine Kanadierin, ist vom Gegenteil überzeugt - und jüngste Studien geben ihr Recht: "Die Programme unterstützen, was ohnehin geschieht. Mit Armen und Händen helfen Kleinkinder sich selbst, sprechen zu lernen", sagt die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der Universität Chicago.

Weltweit erforschen zurzeit Fachleute wie Goldin-Meadow die Zusammenhänge zwischen Gesten und Sprache - und haben Licht in manches Rätsel des Alltags gebracht: Wie helfen Gesten dem Kind beim Spracherwerb? Und warum gestikuliert der Mensch auch dann noch, wenn er längst flüssig zu reden gelernt hat? Von freien, spontanen bis hin zu lexikalisch festgelegten Bewegungen wie dem Vogelzeigen reicht sein Repertoire. Warum nutzt er es sogar, wenn sein Gegenüber ihn nicht sehen kann, etwa beim Telefonieren?

Selbst von Geburt an blinde Kinder, hat Goldin-Meadows Kollegin Jana Iverson schon vor fünf Jahren in Tests herausgefunden, gestikulieren so ähnlich wie ihre sehenden Altersgenossen. Die Forscher folgern: Gesten sind nicht in erster Linie Mittel, sich begreiflicher zu machen oder überhaupt verständlich wie ein hungriges Kleinkind. Durch den Körpereinsatz stimuliert der Sprecher offenbar die eigenen Sprachzentren im Gehirn, um die richtigen Worte zu finden.

Bewegungen, die ein Leben lang erhalten bleiben

Die nach Bedeutung suchenden Bewegungen, bei Babys aus der Not der Wortlosigkeit geboren, bleiben dem Menschen demnach ein Leben lang erhalten: als Programm, das sich etwa ab dem neunten Lebensmonat ausbildet, wenn Babys, die zuerst nur auf Gegenstände zeigen, ihr Repertoire erweitern, sagt Goldin-Meadow. Das machen sich die Baby-Zeichensprachler zunutze: Das Kind will reden, kann dies zuerst aber nur mit dem Körper.

"Kleinkinder machen zuerst eine Geste und können meist wenig später das passende Wort sprechen. Die Geste entlastet offenbar von der Not, etwas ausdrücken zu müssen, und bereitet so Freiraum für die Einübung der Artikulation", sagt Goldin-Meadow. "Wenig später folgen dann Kombinationen aus Wort und Geste, etwa das Wort Papa und das Zeigen auf einen Hut, und anschließend spricht das Kind die erste Wort-Verbindung: Papas Hut", fand die Chicagoer Psychologin im Frühjahr in einer Beobachtungsstudie an 40 Kindern heraus.

"Aber auch später noch überbrücken Gesten lexikalische Stolperstellen", bestätigt die Kanadierin Elena Nicoladis nach Abschluss ihrer jüngsten Studie an zweisprachig aufgewachsenen Landsleuten. Sie hatte die Probanden zwei Sequenzen aus der Zeichentrickserie "Pink Panther" nacherzählen lassen, auf Englisch sowie auf Spanisch und beobachtete deren Gesten.

Immer, wenn eine Beschreibung schwierig wurde, nutzten sie verstärkt Hände und Arme. Erwachsene schafften sich so kognitive Freiräume - offenbar, um sich besser auf Inhalte konzentrieren zu können.

Gesten haben unterschiedliche Funktionen

Das hatten 2004 auch Tests an Goldin-Meadows Institut belegt: 72 College-Studenten sollten dort eine mathematische Aufgabe erläutern und sich anschließend an einzelne Buchstaben- und Zahlenkombinationen erinnern. Wer gestikulieren durfte, schnitt deutlich besser ab.

"Je nach Entwicklungsstufe der verbalen Fähigkeiten haben Gesten unterschiedliche Funktionen", erklärt Goldin-Meadow. Ein Kind, das spricht, braucht keine Zeichen mehr, die verbale Äußerungen ersetzen. Es beginnt, so ähnlich zu gestikulieren wie ein Erwachsener. Elena Nicoladis' zweisprachige Probanden etwa "malten mit den Händen die Umrisse der Kuckucksuhr in die Luft, die den Panther weckt, oder sie zeigten in eine unbestimmte Richtung, während sie sagten: Dann ging der Panther nach Hause."

Solche symbolischen Gesten setzt man nicht ein, weil die Worte fehlen. Nicoladis' Probanden gestikulierten in der besser beherrschten Mutter- und der schwächer entwickelten Zweitsprache nahezu gleich stark. "Sie nutzten Arme und Hände immer in den Sekundenbruchteilen, in denen sie sich an ein passendes Wort erinnern wollten", sagt Nicoladis.

Dass die Bewegung in kommunikativer Not dem Zuhörer eine Verständnishilfe sein sollten, war nach Ansicht der Kanadierin nicht der Fall: Wer würde schon die Umrisse einer Kuckucksuhr erkennen, die jemand mit der Hand in die Luft malt? "Jetzt weisen auch erstmals Hirnscans bei Testpersonen im Kernspintomografen unserer Universität darauf hin, dass Gesten vielmehr die jeweils passenden Sprachregionen im Gehirn aktivieren", sagt Goldin-Meadow.

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