Menschen gestikulieren - aber nicht nur, um sich mitzuteilen, sondern auch, um das eigene Gehirn zum Denken anzuregen.
Vor wenigen Monaten hatte Isabella Seethaler noch ein ernstes Problem. Sobald sie Hunger bekam, blieb ihr nichts anderes übrig: Sie musste schreien wie alle Babys, bis jemand es mit Füttern versuchte. Kurz nach ihrem ersten Geburtstag aber lernte die kleine Münchnerin ein paar Tricks. Sie gibt jetzt Handzeichen.
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Führt Isabella die durchgestreckten Finger zum Mund, weiß die Mutter: Das Kind will essen. "Bitte" sagt Isabella, indem sie die Hand auf der Brust kreisen lässt. "Mehr", indem sie mit dem rechten Zeigefinger in die linke Handfläche tippt.
Bis zu 150 solcher Gesten bringen Eltern in den USA, in Kanada und Großbritannien ihren Kleinkindern bei. Seit der amerikanische Kinderpsychologe Joseph Garcia 1987 die Grundlagen der Baby-Zeichensprache zu entwickeln begann, breitet sich die Methode aus. Etwa 60 kommerzielle Gesten-Lernprogramme ermöglichen es Familien mittlerweile, ihre jüngsten Mitglieder bestens zu verstehen.
Hierzulande verpönt
In Deutschland aber fürchten viele Eltern, die Methode hemme die kindliche Sprachentwicklung. Isabella hat Glück. Ihre Mutter, eine Kanadierin, ist vom Gegenteil überzeugt - und jüngste Studien geben ihr Recht: "Die Programme unterstützen, was ohnehin geschieht. Mit Armen und Händen helfen Kleinkinder sich selbst, sprechen zu lernen", sagt die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der Universität Chicago.
Weltweit erforschen zurzeit Fachleute wie Goldin-Meadow die Zusammenhänge zwischen Gesten und Sprache - und haben Licht in manches Rätsel des Alltags gebracht: Wie helfen Gesten dem Kind beim Spracherwerb? Und warum gestikuliert der Mensch auch dann noch, wenn er längst flüssig zu reden gelernt hat? Von freien, spontanen bis hin zu lexikalisch festgelegten Bewegungen wie dem Vogelzeigen reicht sein Repertoire. Warum nutzt er es sogar, wenn sein Gegenüber ihn nicht sehen kann, etwa beim Telefonieren?
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