Carl Friedrich von Weizsäcker Ein aufgeklärter Mystiker

"Warum denn? Warum so? Warum nicht anders?" Carl Friedrich von Weizsäcker ging es ums große Ganze. Zum Tode des Physikers, Philosophen und Pazifisten.

Von Klaus Podak

Ihm ging es ums große Ganze. Im Falle des am Samstag in Söcking am Starnberger See verstorbenen Carl Friedrich von Weizsäcker ist das keine Phrase.

Dem Astronomen, Physiker, Philosophen, Friedensforscher, dem durch und durch religiös gestimmten Menschen Carl Friedrich von Weizsäcker ging es um: das All, die Sterne, die Natur, die Entwicklungsgeschichte von allem, um Sein und Zeit. Um den Menschen ging es ihm, der ein Teil dieses Ganzen ist, der alles, anschauend, denkend, zu verstehen versucht.

Carl Friedrich von Weizsäcker wollte etwas, das den meisten Wissenschaftlern und Philosophen unserer Zeit als etwas ganz und gar Unmögliches gilt. Er arbeitete unermüdlich an einer vollständigen Erklärung der Welt durch eine einzige Theorie.

Auf der Suche nach der Weltformel

Er suchte, ganz so wie Albert Einstein und sein Mentor Werner Heisenberg, die Weltformel, die alles bedeutete. Sie wäre die Erlösung der Menschheit, im Denken wenigstens, die endlich gefundene Gewissheit: Eines ist Alles, Alles ist Eins.

Um das Risiko seiner entschiedenen Grenzgänge hat Weizsäcker gewusst. Begonnen hat das früh. Weizsäcker hat das zu Beginn einer autobiographischen Skizze beschrieben, die 1975 in dem Band "Philosophie in Selbstdarstellungen II" erschienen ist. Die Anfangspassage verdient es, ausführlich zitiert zu werden.

"Zu meinem 12. Geburtstag, im Juni 1924, wünschte ich mir eine drehbare, also auf Tag und Stunde einstellbare Sternkarte. Bald danach gingen wir von Basel, wo mein Vater deutscher Konsul war, für die Sommerferien in die einsame Pension Mont Crosin im Berner Jura. Am Abend des 1. August wurde dort der Schweizer Nationalfeiertag wie üblich mit Höhenfeuern und Raketen begangen.

Ein Tanzvergnügen der Pensionsgäste begann mit einer langen Polonäse im Freien. Bei einer der Trennungen der Schlange gelang es mir, meine etwa gleichaltrige Dame zu verlieren. Da entwich ich von den Menschen in die warme, wunderbare Sternennacht, ganz allein. Das Erlebnis einer solchen Nacht kann man in Worten nicht wiedergeben, wohl aber den Gedanken, der mir aufstieg, als das Erlebnis abklang.

In der unaussprechbaren Herrlichkeit des Sternhimmels war irgendwie Gott gegenwärtig. Zugleich aber wusste ich, dass die Sterne Gaskugeln sind, aus Atomen bestehend, die den Gesetzen der Physik genügen. Die Spannung zwischen diesen beiden Wahrheiten kann nicht unauflöslich sein. Wie aber kann man sie lösen? Wäre es möglich, auch in den Gesetzen der Physik einen Abglanz Gottes zu finden?"

Wie in einem von der Himmelsmechanik geordneten Kosmos treten in dieser Nacht des 1. August 1924 Elemente zueinander in eine Beziehung, die in ihrer Wechselwirkung Weizsäckers Leben bestimmt haben: Gott, die Natur, die Physik und die unabschließbare Fragebewegung zwischen diesen Stationen.

Diese Fragebewegung ist das, was Weizsäcker für sich als Philosophie bestimmt hat. Philosophie war für ihn nie ein System aus festen Begriffen und Sätzen.

"Philosophie", sagte er 1992 bei den Bamberger Hegelwochen, "Philosophie ist doch vermutlich zunächst einmal die Frage, ob man verstanden hat, was man tut, ob man verstanden hat, was man redet."

Eine andere, von ihm oft vorgetragene Charakterisierung der Philosophie hieß "Weiterfragen". Das weist auf Philosophie als ein Geschehen, als ein Element der Unruhe, das nie stillzustellen ist. An jeden vermeintlichen Abschluss eines Erkenntnisvorgangs kann man die ewigen Kinderfragen stellen: "Aber warum denn? Warum so? Warum nicht anders?"

Man sieht sofort, dass es bei einem solchen Verfahren niemals zu einem endgültigen Abschluss des Philosophierens und der Theoriebildung kommen kann. Das ist ein in Weizsäckers Denken eingebauter Widerspruch: der Wille zur allumfassenden Theorie gegen den Stachel des Weiterfragens.

Doch dieser Widerspruch bezeichnet zugleich eine Chance. Er stört und zerstört die Beruhigung bei einer Lösung, die keine ist - wie sich im Weiterfragen erweist. Das Ziel steht immer vor Augen. Aber indem man sich ihm nähert, entfernt es sich, angetrieben von diesem unabschließbaren Fragen. Das Ziel ist der Horizont, der sich auch immer wieder entzieht, wenn man sich ihm nähern will. Doch bei dieser Verfolgung des Horizonts durchmisst man die Welt.

Der gestirnte Himmel und die Bergpredigt aus dem Neuen Testament waren die Triebkräfte seiner Jugend. Dann begegnete er dem Menschen, der seinem erwachsenen Leben die Bahn bestimmte.

Weizsäcker, der sich gedacht hatte, mit Hilfe der Philosophie seine Kinderfragen bewältigen zu können, wurde von Heisenberg überzeugt, "um fürs zwanzigste Jahrhundert relevante Philosophie zu machen, müsse man Physik können; Physik könne man nur lernen, indem man sie ausübe; auch bringe man Physik am besten vor dem dreißigsten, Philosophie am besten nach dem fünfzigsten Lebensjahr zuwege".

Physik, intensiv studiert und philosophisch genutzt, bildete von nun an die Basis seines Denkens. Der Physik verdankte er alles, was ihn berühmt machte, was ihm Wirkungen verschaffte in den Wissenschaften, in der Politik, selbst bis hinein in die Theologie, die er mit den Ergebnissen der modernen Physik anregend zu versöhnen suchte.

Auch das Ursprungserlebnis der Astronomie konnte er siegreich in heute immer noch wichtige astrophysikalische Theorie überführen. Zum Zentrum seines inneren Kosmos sollte aber die von seinem Lehrer, bald seinem verehrten Freund in wesentlichen Zügen bestimmte Quantenmechanik werden.

Wir folgen Weizsäcker hier in gebotener Kürze auf schwieriges, auch jetzt noch nicht vollständig vermessenes und verstandenes Gelände. Ein Punkt nur: Heisenbergs berühmte Unbestimmtheitsrelation. Sie besagt, grob vereinfacht, dass man nicht Ort und Impuls (die Geschwindigkeit) eines atomaren Teilchens gleichzeitig erfassen kann: entweder nur den Ort oder nur die Geschwindigkeit.

Was man aber misst, hängt ganz und gar von der Entscheidung des beobachtenden Experimentators ab. Der Beobachter (das Subjekt) entscheidet durch die Wahl seines Verhaltens, was als objektiv erscheint.

Zusammengefasst: Subjekt und Objekt sind in der Welt der atomaren Teilchen untrennbar ineinander verflochten. Dieser aufregende, irritierende Befund musste einen philosophisch bewegten Kopf unentrinnbar faszinieren. Welt und Theorie über die Welt bedingten sich wechselseitig.

Das Eigentliche des Wirklichen

Alles, was Carl Friedrich von Weizsäcker philosophisch-physikalisch bis hin zu seinen letzten Schriften als Geheimnis der Wirklichkeit umkreiste, hat seinen Grund in dieser rätselhaften Wechselwirkung. Sie machte die kühnsten Spekulationen möglich.

In einer der Studien, die er in seinem Buch "Die Einheit der Natur" systematisch geordnet hat, ist zu lesen: "Was wir Atome nennen, sind selbst formal kaum mehr etwas anderes als gewisse sich durchhaltende Gesetzmäßigkeiten in der Entscheidung einfacher experimenteller Alternativen.

Das ist nun eine These über die begriffliche Struktur der heutigen Elementarteilchenphysik. Wenn sie wahr ist, dann steht, von dieser Physik aus gesehen, aber nichts der Behauptung im Wege - die allerdings auch nicht aus ihr folgt - dass, wenn ich einmal klassische Begrifflichkeit benutzen darf, die Substanz, das Eigentliche des Wirklichen, das uns begegnet, Geist ist."

Das Eigentliche des Wirklichen, sozusagen die Wirklichkeit der Wirklichkeit, ist Geist - eine ungeheuerliche Spekulation, ein spekulativer Traum, mit außerordentlicher Behutsamkeit mutig vorgetragen. Die Welt eines kruden Materialismus wäre, wenn sich das bewahrheiten ließe, mit einem Schlag erledigt.

Spätere Überlegungen nähern sich diesem revolutionären Traum immer wieder, vorsichtig, ein wenig indirekt. Da heißt es dann, Materie sei wahrscheinlich nichts anderes als Information. Das ist, dem gängigen Denken ein wenig akzeptabler zubereitet, dieselbe Sache.

Da kommt dann alles zusammen, die Kindererfahrung der gewaltigen, unnennbaren Schönheit des gestirnten Himmels, die Suche nach Gott, der selbst Geist ist, in alles eingesponnen das menschliche Ich, das sich versteht und auflöst als Teil des großen Ganzen, kaum noch sagbar. Darin gründete sich auch sein tief empfundener Pazifismus und seine gesunde Skepsis gegen die Politik.