Von Horst-Eberhard Richter

Geduldige Zuwendung, Einfühlung und persönliche Anteilnahme gehören zu den Aufgaben des Mediziners. Denn Ärzte sind auch für die Menschlichkeit der Gesellschaft verantwortlich.

Vor fast 60 Jahren habe ich von meinem Lehrer Viktor von Weizsäcker den Satz gelesen: "Medizin ist eine Weise des Umganges des Menschen mit dem Menschen."

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Horst-Eberhard Richter ist Arzt, Psychoanalytiker und Publizist. (© Foto: dpa)

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Scheinbar eine banale Aussage. Doch aus ihr sprach die Sorge, dass der menschliche Umgang gefährdet werde durch Ökonomisierung, Bürokratisierung und Technisierung, also durch Einschränkung der Freiheiten der Arzt-Patient-Beziehung auf Kosten persönlicher Nähe im Umgang miteinander.

Diese Nähe ist Voraussetzung für das Entstehen von Vertrauen und das Spüren von Verantwortung, denn diese wird uns immer erst im Gegenüber von Angesicht zu Angesicht bewusst. Im Würgegriff überhandnehmender Fremdbestimmung der ärztlichen Tätigkeit schrumpft die Chance für geduldige Zuwendung, für Einfühlung und persönliche Anteilnahme.

Das muss und darf nicht die korrekte naturwissenschaftlich technische Versorgung der Kranken beeinträchtigen. Aber die Medizin ist ein gesellschaftlicher Raum, in dem uns auf besondere Weise unser wechselseitiges Aufeinander-angewiesen-sein fühlbar wird.

Der eine begibt sich in die Hand des anderen, der in der Situation als der Mächtigere in Erscheinung tritt, sich dennoch dem Wohl des Kranken dienend unterordnet.

Ein Grundmuster von Humanität

Der Austausch zwischen Hilfesuche und Fürsorglichkeit, Leiden und Ermutigung, Angst und Beschützung, Ohnmacht und Stärkung bringt uns unsere essentielle Vernetzung in der Welt so eindringlich wie nirgendwo sonst zum Bewusstsein. Das gewagte und das belohnte Vertrauen stiften ein Grundmuster von Humanität.

Diese in der Medizin zu erfahren und zu stärken, ist Richtschnur für die moralische Bewährung einer zivilisierten Gesellschaft. Es gibt keine humane Gesellschaft ohne eine humane Medizin. Diese Feststellung verlangt allerdings auch, die Erinnerung an schwerwiegende Verletzungen unserer Standesethik unvermindert wach zu halten, die in dunkler Zeit geschehen sind.

Drei IPPNW-Kongresse zum Thema "Medizin und Gewissen" in Erlangen und Nürnberg wurden von mehreren Tausend überwiegend jungen Medizinern und Angehörigen anderer Gesundheitsberufe besucht, die sich im Erinnern vor allem der Widerstandskraft zum Verhüten versichern wollten.

Es gibt keine Grenze der Mitverantwortlichkeit, wo überall es um Bewahrung oder Stärkung des ethischen Geistes geht, zu dem uns unser Arzttum verpflichtet. Albert Schweitzer, Empfänger der ersten Paracelsus-Medaille 1952, hat uns mit seiner "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" einen bis heute gültigen Weg gewiesen. Das fängt bei der Gerechtigkeit des Gesundheitssystems an und setzt sich in der Sozialpolitik fort.

Aber Albert Schweitzer musste erleben, dass sich in der geistigen Situation seiner Zeit ein unheimlicher Wandel vollzog, der mit einer Errungenschaft der wissenschaftlich technischen Revolution einherging.

Ein Triumph mit Kehrseite

Die Erfindung und der Einsatz der Atombombe offenbarten dem Anschein nach einen Triumph menschlichen Eroberergeistes, allerdings mit der zunächst übersehenen Kehrseite der Selbstversklavung an eine verheerende technische Vernichtungsenergie.

Die Unterdrückung dieses Aspekts bedeutete, wie Schweitzer sogleich erkannte, eine radikale Missachtung der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.

Als er 1952 - im selben Jahr wie die Paracelsusmedaille - den Friedensnobelpreis in Empfang nahm, stellte er fest: "Was uns eigentlich ins Bewusstsein kommen sollte und schon lange hätte kommen sollen, ist dies, dass wir als Übermenschen zu Unmenschen geworden sind. Die Erkenntnis, die uns heute nottut, ist dies, dass wir miteinander der Unmenschlichkeit schuldig sind."

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