Von Hubertus Breuer

In mancher Hinsicht übertreffen Insekten die sozialen Strukturen unserer Zivilisation. Aber wie konnten hochkomplexe Ameistenstaaten entstehen?

Auf einem Strauch in Costa Rica tänzelt eine Blattschneiderameise. Mit kräftigen Beißwerkzeugen schneidet sie ein Stück aus einem Blatt, bis es zu Boden trudelt.

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(© Foto: Reuters)

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Dort warten Artgenossen, die es zerkleinern und auf Häufchen legen. Kleinere Ameisen holen das gestückelte Laub ab und tragen es wie grüne Segel über ihren Köpfen auf eine Ameisenautobahn - Hunderte Lastträger vor und hinter sich, ebenso viele unbepackt auf der Gegenspur.

Am unterirdischen Nestbau übernehmen für den Gartenbau zuständige Artgenossen die Ladung. Sie tragen die Blattstücke in den Bau, zerkauen und verteilen sie in Kompostkammern. Darauf wächst dann ein Pilz, der die bis zu sieben Millionen Ameisen eines Staates ernährt.

Sie leben ohne Internet, Flugverkehr und Stromnetze, doch in mancher Hinsicht übertreffen Insekten die sozialen Strukturen der menschlichen Zivilisation: Die Individuen einiger Bienenvölker, Wespen-, Ameisen- und Termitenstaaten arbeiten reibungslos wie Körperzellen eines großen Organismus zusammen.

Eine Königin gebiert bis zu 100 Millionen Nachkommen

"Superorganismus" nennen Biologen solche Gemeinschaften. Viele der Mitglieder verzichten auf eigene Nachkommen, diese sind allein der Königin vorbehalten. Bei den Blattschneiderameisen setzt eine Regentin mehr als 100 Millionen Arbeiterinnen in die Welt.

In den vergangenen Jahren sind neue überraschende Details in Bienenstöcken und Ameisenhügeln entdeckt worden, die ahnen lassen, was Insektengemeinschaften so erfolgreich macht. Dazu gehören ungewöhnliche Kommunikationsmittel und reibungslose Arbeitsteilung.

Noch nicht befriedigend erklärt ist aber die Frage, warum die Mehrzahl der Tiere zum Wohle der Gemeinschaft auf eigene Nachkommen verzichtet.

Der Zoologe und Evolutionstheoretiker Edward O. Wilson von der Harvard Universität und der an der Arizona State University in Phoenix tätige deutsche Verhaltensbiologe Bert Hölldobler - die Stars der Ameisenforschung - publizierten vor drei Jahren einen kontroversen Aufsatz, in dem sie der Frage nach der Entstehung sozialer Strukturen im Tierreich nachgingen. Sie erörterten zwei Modelle, die den evolutionären Prozess höchst unterschiedlich interpretieren.

Die eine Theorie betrifft die Verwandtenselektion, die seit den 1970er-Jahren als Grundlage der von Wilson begründeten Soziobiologie gilt. Sie basiert auf einer einfachen Formel: Verfügt ein Individuum über die Veranlagung, anderen zu helfen, kann sich diese in einer Population verbreiten, wenn der Nutzen für Verwandte den Nachteil für den Helfer überwiegt.

Einige Wissenschaftler favorisieren dagegen ein älteres Erklärungsmodell: die Gruppenselektion. Tiere, die kooperieren, haben demnach als Gruppe eine höhere Überlebenschance gegenüber anderen - selektiert werden nur die Verhaltensmerkmale der Gruppe. Zu den Anhängern der zweiten Version zählt inzwischen - überraschenderweise - Wilson selbst.

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