Alleinerziehende Wenn dem Kind der Vater fehlt

Langzeitstudien zeigen, dass eine Kindheit mit nur einem Elternteil ein Leben lang negative Folgen haben kann. Wenn Papa fehlt, leidet das Kind - aber auch die Gesellschaft und das Gesundheitssystem.

Von Von Christian Stöcker

Besonders hart wird es, wenn die einsame Mama sich nicht mehr anders zu helfen weiß, als den widerspenstigen Sohn mit einem Vergleich zu bestrafen: "Du bist genau wie dein Vater."

Einem Kind den abwesenden, weg gelaufenen Vater zum Vorwurf zu machen, ist ein grausamer "erzieherischer Verzweiflungsakt", sagt Matthias Franz, Psychiater und Epidemiologe an der Universität Mainz : "Da wird es ganz kalt für den Jungen." Doch nicht nur während sie aufwachsen, haben es Kinder allein erziehender Eltern schwer.

Langzeitstudien zeigen, dass eine Kindheit mit nur einem Elternteil ein Leben lang nachwirken kann. Forscher warnen vor dauerhaften Folgen der verbreiteten Vaterlosigkeit für Gesellschaft und Gesundheitssystem. "Das ist ein stilles Drama ungeheuren Ausmaßes", so Franz.

Millionen Kindern fehlt der Vater

In Deutschland wachsen 2,2 Millionen Kinder bei nur einem Elternteil auf, der Großteil bei allein erziehenden Müttern. Mehr noch: Ein Kind kann hier zu Lande leicht zehn oder elf Jahre alt werden, bevor es zum ersten Mal auf eine männliche Bezugsperson stößt. Vor allem Jungen fällt es schwer, in der weiblich dominierten Umgebung zurechtzukommen.

Wie lange eine vaterlose Kindheit nachwirkt, zeigt eine noch nicht publizierte Studie der Universität Leipzig: Auch nach Jahrzehnten leiden Menschen, die in der Kindheit den Vater entbehren mussten, unter seelischen wie körperlichen Folgen. "Die Abwesenheit des Vaters scheint lebenslang zu wirken", so Elmar Brähler, einer der Autoren.

675 Kriegskinder hat er mit zwei Kollegen nach Kindheit und Befinden gefragt. Die zwischen 1930 und 1945 geborenen Frauen und Männer, deren Väter im 2.Weltkrieg umgekommen oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren, litten auch noch mit 60 oder 70 Jahren an Beschwerden.

Öfter müde, misstrauischer, ängstlicher

Obwohl auch eine Vergleichsgruppe in der Kindheit Hunger und Bombenkrieg erlebte, fühlten sich die vaterlos Aufgewachsenen öfter müde und erschöpft, waren misstrauischer und ängstlicher im Umgang mit anderen und waren häufiger schlechter Stimmung.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Epidemiologe Franz vor einigen Jahren: Menschen, die wegen des Krieges innerhalb der ersten sechs Lebensjahre sechs Monate oder länger auf den Vater verzichten mussten, litten doppelt so häufig an Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen wie jene, die auch Kriegsleid erlebt hatten, aber in einer intakten Familie aufgewachsen waren.

Elmar Brähler will die kriegsbedingte Vaterlosigkeit aber nicht völlig mit der gleichsetzen, die viele Kinder heute erleben: "Mit der Meinung, dass bei Alleinerziehenden die Kinder prinzipiell geschädigt sind, wäre ich vorsichtig." Matthias Franz glaubt zwar auch nicht an eine zwangsläufige Verknüpfung von Vaterlosigkeit und späterem Leid.

Das stille Drama

Er sieht aber schon Parallelen zwischen den Auswirkungen des Krieges und der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Die heutige Katastrophe sei nur weniger sichtbar.

Dass das stille Drama der Vaterlosen auch in Friedenszeiten Auswirkungen hat, zeigte im Jahr 2003 eine große Studie aus Schweden. Mehr als 65000 Kinder allein erziehender Eltern begleiteten Forscher vom Stockholmer Zentrum für Epidemiologie acht Jahre lang. So aufzuwachsen ist demnach gefährlich: Das Risiko, die Jugend nicht zu überleben, war bei den Jungen aus Ein-Eltern-Familien um die Hälfte größer als bei Kindern aus intakten Familien.

Bei vater- oder mutterlos aufgewachsenen Jungen war das Risiko, an einer Suchtkrankheit zu sterben, mehr als fünf mal so groß. Vier mal so viele wie in der Vergleichsgruppe kamen durch Gewalt, Stürze oder Vergiftungen um. Vater- oder mutterlose Mädchen kamen insgesamt nicht häufiger um, sie wurden aber doppelt so häufig Opfer von Gewalttaten oder begingen Selbstmord. Todesfälle aufgrund von Alkohol- oder Drogenmissbrauch waren bei ihnen dreimal so häufig.

Jedem siebten Kind unter 18 fehlt ein Elternteil

Selbst wenn die oft schwierigere soziale und wirtschaftliche Situation der Alleinerziehenden herausgerechnet wurden, blieb ein erhöhtes Risiko für die vater- oder mutterlosen Kinder.

In Ein-Eltern-Familien fehle womöglich soziale Unterstützung, es gebe mehr Konflikte, und den Kindern fehlten Rollenvorbilder, vermuten die Forscher: "Wenn der Alltag von psychosozialem Stress und Kontrollverlust gekennzeichnet ist, hat dies sicherlich einen schädlichen Einfluss auf das Wohlergehen der Kinder."

In Deutschland wächst jedes siebte Kind unter 18 Jahren bei nur einem Elternteil auf. 84 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Und das Bild setzt sich in Tagesstätten und Kindergärten fort: Dort sind 96 Prozent der Erzieher weiblich, ebenso drei Viertel der Lehrer in Grundschulen. Besonders Jungen tun sich da schwer, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Ulrike Lehmkuhl an der Berliner Humboldt-Universität: "Das ist für die Sozialisation nicht gut."