Doch der Naturforscher erntete nicht nur Beifall. Friedrich Schiller, dem Humboldt selbst sehr freundschaftlich verbunden war, schrieb einmal in einem Brief über ihn: "Trotz all seiner Talente und seiner rastlosen Tätigkeit wird er in seiner Wissenschaft nie etwas Großes leisten.

Gebirge, Gletscher, eine Meeresströmung und eine Senke auf dem Mond sind nach Humboldt benannt sowie diverse Pflanzen und Tiere - darunter auch ein Pinguin. (© Foto: AP)

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Er ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfasslich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will." Selten hat ein Dichter einen Denker so gescholten.

Schiller kritisierte vor allem Humboldts streng empirischen Ansatz, der genaues, nüchternes Messen und Vergleichen als Credo aller Wissenschaft ansah. Und er sollte mit seinen Worten ebenso recht behalten wie grandios falsch liegen.

Die tatsächliche Bedeutung Alexander von Humboldts und seine Wirkung bis in die Gegenwart hinein beginnen tatsächlich erst, wo seine konkreten wissenschaftlichen Leistungen enden. Diese Bilanz ist nämlich gar nicht so strahlend. Humboldt galt und gilt als einer der wichtigsten Forscher seiner Zeit, hat aber kein einziges Naturgesetz ergründet.

Seine größte Entdeckung in seinem Spezialgebiet Geographie war der Casiquiare-Kanal, und genau genommen hat er hier frühere Berichte bestätigt. Die Wasserstraße verbindet in Südamerika die Flusssysteme von Orinoko und Amazonas.

Allgemeine Verehrung

Aber wäre das - und ein paar Kisten mit Pflanzen- und Tierpräparaten - sein ganzer Beitrag gewesen, Alexander von Humboldt wäre heute eine Fußnote der Wissenschaftsgeschichte.

Es war die empirische Methodik des genauen Messens und Dokumentierens von Einzelphänomenen einerseits und des daraus abgeleiteten Blickes auf ein großes Ganzes andererseits, die ihn zu einem der wichtigsten Begründer der modernen Naturwissenschaft machten - ob es Leuten wie Schiller gefiel oder nicht. Und seine Amerika-Expedition wurde zum Vorbild aller großen wissenschaftlichen Reisen des 19.Jahrhunderts.

Charles Darwin etwa verehrte Humboldt, dessen Arbeit und dessen eindrückliche Beschreibungen der tropischen Natur zutiefst. Er nahm sich dessen Arbeitsweise auf seiner Reise mit der Beagle gut 30 Jahre später ausdrücklich zum Vorbild.

Diese allgemeine Verehrung schlug Humboldt schon zu Lebzeiten entgegen. Sie gipfelte in einem pompösen Trauerzug, den in Berlin eine ungeheure Menschenmenge sowie der preußische Regent und spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. verfolgten. Nicht allen Zeitgenossen war die Begeisterung geheuer.

Theodor Fontane zum Beispiel hat in einem Brief allen Humboldt-Biographen einmal "ewige Schönfärberei" vorgeworfen. Doch auch wenn Humboldt sich wissenschaftlich hier und da geirrt hat und wenn er als Hofwissenschaftler und Kammerherr zweier preußischer Könige vielen seiner Zeitgenossen politisch suspekt war, so gibt es doch aus heutiger Sicht kaum dunkle Seiten an ihm zu entdecken.

Nachwuchs-Förderung

Ein Aspekt seines Lebens wird ohnehin oft vergessen. Humboldt hat sich wie kein anderer für weniger bekannte Zeitgenossen eingesetzt, vor allem für Forscher, aber auch für Musiker, Künstler und politisch Benachteiligte, etwa jüdische Bürger.

"Wie viele kenne ich, die gleich mir die Erreichung ihrer wissenschaftlichen Ziele Alexander von Humboldts Schutze und Wohlwollen verdanken. Der Chemiker, Botaniker, Physiker, der Orientalist, der Reisende nach Persien und Indien, der Künstler, alle erfreuten sich gleicher Rechte", sagte der Chemiker Justus von Liebig.

Damit hat der forschende Baron ebenfalls Grundlagen für Neues in Kultur und Wissenschaft gelegt. Sie wirken bis heute nach - auch wenn das mit humboldtschen Methoden weder messbar noch vergleichbar ist.

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(SZ vom 06.05.2009/gal)