Afrika Invasion der Insektenhorden

Es ist eine gnadenlose Truppe: In Westafrika fressen Armeewürmer Felder kahl und vergiften das Trinkwasser.

Von Arne Perras

Armeen sind gefährlich - hungrige Armeen ganz besonders. Wo sie einfallen, sollte man am besten schnell das Weite suchen. Aber wohin sollen die armen Bauern im Norden Liberias schon fliehen? Ihre Hütten und Felder sind das einzige, was sie besitzen. Sie beackern die Erde und ernten, was sie gepflanzt haben. Aber jetzt können sie nicht mehr hinaus auf ihre Felder. Denn die haben sich quasi in ein Kriegsgebiet verwandelt.

Es wütet hier eine besonders gnadenlose Truppe, auch wenn die Angreifer gerade mal fünf Zentimeter groß sind: Spodoptera - so genannte Armeewürmer. Das zumindest vermuten die Insektenforscher, die nun gegen die unheimliche Invasion in Westafrika ankämpfen müssen. Noch werden einige Exemplare aus Liberia von Spezialisten in Ghanas Hauptstadt Accra unter die Lupe genommen, um sie zweifelsfrei zu identifizieren und das geeignete Pestizid zu finden.

Schwarz und haarig ist dieses gefräßige Insekt. Der Armeewurm ist die Raupe einer Motte und zählt zu den gefährlichsten Schädlingen, die Entomologen weltweit identifiziert haben.

Er macht seinem Namen alle Ehre, denn er bewegt sich in großen Gruppen und geht "äußerst aggressiv" vor, wie Wissenschaftler warnen. Er frisst alles, was grün ist. Und er zwickt sogar Menschen, zum Beispiel wenn er von den Bäumen auf die Wege herabfällt. Diese Insekten fressen in kürzester Zeit riesige Felder kahl.

Stimmen verzweifelter Farmer dringen nun heraus aus den betroffenen Gebieten. "Diese Raupen haben meine ganze Maniok-Farm aufgefressen", klagt Bauer Eric Kollie in einem Bericht des UN-Nachrichtendienstes IRIN. Nichts sei ihm geblieben. So ergeht es tausenden Bauern der Region.

Einige erzählen, dass sie sogar aus ihren Hütten flüchten mussten, weil sie von den Raupen überfallen wurden und sich nicht mehr zu wehren wussten. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO spricht von der schlimmsten Invasion seit 30 Jahren. FAO-Spezialist Winfred Hammond beschreibt die Lage als "nationalen Notstand".

Wenn es keine schnelle Gegenwehr gibt, wird sich die Offensive der Armeewürmer ausweiten auf die Nachbarländer, nach Guinea, Elfenbeinküste und Sierra Leone. Die erste Vorhut der gefräßigen Raupen wurde schon jenseits der Grenze in Guinea gesichtet.

Betroffen sind bislang vor allem die Regionen Bong, Lofa und Gbarpolu im Norden Liberias. Das Land brauche Spezialisten und Hilfe aus dem Ausland, um der Plage Herr zu werden, sagt Hammond.

Die FAO vermutet, dass eine besonders lange Regenzeit im vergangenen Jahr die Entwicklung der Armeewürmer begünstigt hat. Sie in den entlegenen Gebieten zu bekämpfen, ist mühsam. Es gibt dort kaum Straßen, und viele Schädlinge tummeln sich auf den Blättern von Urwaldbäumen, die höher als 20 Meter in den Himmel ragen.

Gift weitflächig aus der Luft zu versprühen, wäre eine Möglichkeit. Doch die FAO warnt, dass dies die Wasserbestände vergiften kann, die ohnehin gefährdet sind. Die Armeewürmer selbst tragen dazu bei, dass Menschen kaum sauberes Wasser finden. Wo sie in Millionen auftreten, verpesten ihre Exkremente Wasserläufe und Brunnen. Das Trinkwasser wird knapp.