Abtreibung Im Zweifel allein

Johanna Ziegler hat ihr Kind im sechsten Monat abgetrieben. Als sie vor der schwierigen Entscheidung über Leben und Tod stand, gab es niemanden, der ihr dabei half.

Von Constanze von Bullion

Es gibt eine Welt, die Johanna Ziegler nur betritt, wenn keiner sie dabei beobachtet. Sie ist dann bei ihrem Sohn, er ist noch sehr klein, zwei Handvoll Mensch in einer Pergamenthaut, die rot ist und ein bisschen wund von der Geburt.

Die Augen hat er geschlossen, so als würde er schlafen, und weil sie nicht befürchten muss, ihn zu stören, spricht sie mit ihm und versucht zu erklären, warum sie ihn hat gehen lassen.

Sie hat jetzt angefangen, ein Tagebuch für ihn zu schreiben, und verbringt viel Zeit damit, Ordnung zu schaffen, im Kopf und in ihrer Wohnung im Berliner Westen, die hell wirkt, sortiert und still, auch wenn hier klassische Musik läuft. Ihr Freund ist nicht zu Hause an diesem Tag, er ist jetzt viel unterwegs, also sitzt sie hier, eine kleine Frau mit einem empfindsamen Gesicht, der beim Erzählen immer wieder der Blick weghuscht, so als zöge es ihn woanders hin.

Johanna Ziegler, die eigentlich anders heißt, hat ihre Schwangerschaft im sechsten Monat abbrechen lassen. Sechs Wochen ist das her, und nun versucht sie, mit sich und der Wirklichkeit Frieden zu schließen.

Sie ist im Mutterschutz, aber keine Mutter; ihr Bauch ist weg, ihr Kopf weiß das, aber ihr Körper scheint es nicht zu begreifen, und wenn sie vom Sofa aufsteht, fährt ihr die Hand ins Kreuz, so als müsste sie eine Last stemmen. Es ist aber keine Last mehr da, jedenfalls keine, der mit Muskeln beizukommen ist.

Ein Schwangerschaftsabbruch im sechsten Monat, das ist ein Kraftakt, der Körper und Seele weit auseinandertreiben kann, und er ist nur erlaubt, wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht oder Gefahr für ihren "seelischen Gesundheitszustand" droht.

Ein Arzt kann dann eine medizinische Indikation stellen, die zeitlich unbefristet ist. Meistens geschieht das, weil sich herausgestellt hat, dass ein Kind schwerkrank ist und die Eltern sich nicht in der Lage sehen, es großzuziehen. Etwa 220 Spätabbrüche werden im Jahr in Deutschland registriert, Tendenz gleichbleibend, wie viele es genau sind, weiß keiner. Der Union im Bundestag aber sind es zu viele.

Union will Gesetz gegen Spätabbrüche

CDU und CSU wollen das Schwangerschaftskonfliktgesetz ändern und Ärzte bestrafen, die zu schnell einen Spätabbruch bewilligen. Die SPD hat das abgelehnt, seit ein paar Tagen aber rumort es bei einigen Sozialdemokraten, die über den Unionsantrag jetzt noch einmal nachdenken wollen.

Darin wird gefordert, dass Mediziner mindestens drei Tage bis zu einer Abtreibung verstreichen lassen müssen, wenn nach der 22. Schwangerschaftswoche eine Behinderung des Kindes festgestellt wird. Weisen Ärzte die Frau nicht auf weitere Beratungsstellen hin, droht ihnen ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro. "Selbstverständlich", sagt der CSU-Politiker Johannes Singhammer, "wollen wir in der Tendenz dazu ermutigen, sich das Leben mit einem behinderten Kind vorstellen zu können."

Mehr beraten, länger überlegen, Kinder retten, das ist die Formel - nur dass die Wirklichkeit eben komplizierter ist. Johanna Ziegler aus Berlin jedenfalls, die im sechsten Monat abgetrieben hat, ist keine Frau, der man mehr Nachdenklichkeit gewünscht hätte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Johanna Ziegler von der Krankheit ihres Kindes erfuhr...