21. November 2012, 14:30 Forschung und Finanzen Das Geld der vielen

Weil zahlreiche Projekte in der Forschung nicht finanziert werden, wenden sich Wissenschaftler direkt an die Öffentlichkeit und werben um Spenden - dazu müssen sie ihre Vorhaben aber erklären können.

Von Hubertus Breuer

Ethan Perlstein von der Princeton University würde gerne ein Labor für Amphetamine einrichten. Natürlich will der Pharmakologe nicht den Markt für die Droge Methamphetamin aufmischen, ihn treibt vielmehr der Durst nach Wissen an. Perlstein will erkunden, wie Amphetamine im Gehirn wirken. Seine Vermutung ist, dass die Wirkstoffe nicht nur an Nervenzellen andocken, sondern auch die Struktur ihrer Umhüllungen verändern.

Das klingt nach einem relevanten Vorhaben, doch dem Forscher fehlt das Geld für seine Studie. Im September lief die Finanzierung für Perlsteins letztes Projekt aus. Und die Aussicht, weiter von den National Institutes of Health (NIH) finanziert zu werden, erscheint ihm gering. 82 Prozent aller Anträge, etwa 42 000 Ideen, hat die Institution allein im vergangenen Jahr abgelehnt.

Deshalb wagt der Pharmakologe ein Experiment: Er setzt auf Crowdfunding (Schwarmfinanzierung). Unterstützt von dem Neuropsychologen David Sulzer von der New Yorker Columbia University wendet er sich auf der Website Rockethub.com an die Öffentlichkeit und wirbt um Geld. 25 000 Dollar will er so bis zum 25. November für die erste Phase seines Projekts sammeln. Rockethub ist eine von einem guten Dutzend Internetplattformen in den USA und Großbritannien, die Forscher nutzen, um Geld für ihre Forschung einzutreiben.

Sie heißen petridish.org, iamscientist.com oder fundscience.org - und haben bereits Millionen Dollar für die Mikrofinanzierung von Forschungsvorhaben eingesammelt. Ethan Perlstein hat mithilfe von mehr als 220 Spendern bereits über die Hälfte der anvisierten 25 000 Dollar zusammen.

"Ich frage mich, wo der nächste Scheck herkommt"

Auch in Deutschland soll es nun eine Anlaufstelle für Wissenschaftler geben: Am heutigen Mittwoch geht Sciencestarter.de online, ein Projekt der Initiative Wissenschaft im Dialog, die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert wird. "Wir wollen Forschern nicht nur die Möglichkeit geben, kleinere wissenschaftliche Projekte zu finanzieren, sondern auch, ihre Forschung der Öffentlichkeit gegenüber zu kommunizieren", sagt Projektleiter Thorsten Witt.

Projekte online von vielen Spendern finanzieren zu lassen, ist keine exklusive Idee aus der Wissenschaft. Auf Online-Portalen wie Kickstarter werben Künstler und Tüftler um finanzielle Unterstützung, damit sie ihre Einfälle auch verwirklichen können - für eine Uhr, die SMS und Twitterfeeds anzeigen kann, kamen so eine Million Dollar zusammen. Der Unternehmer Michael Laine wollte einst mit der Firma Liftport Group für mehrere Milliarden Dollar einen Fahrstuhl ins All bauen. 2007 ging das Start-up-Unternehmen in Bremerton bei Seattle jedoch bankrott. Jetzt bat er um 8000 Dollar für einen Neustart der Firma. Am Ende hatte Laine von etwa 3500 Weltraum-Fans 110.000 Dollar auf dem Konto. "Großartig", sagt Laine und gesteht: "Ich frage mich, wo der nächste Scheck herkommt."

Die Internetseiten für Wissenschaftler können ebenfalls Erfolge vorweisen. So warben Ökologen auf der Online-Plattform Open Source Science Project im vergangenen Jahr 64.000 Dollar ein, um die Wasserqualität des Mississippi an verschiedenen Stellen des Flusslaufs zu messen. Auf der Website Petridish sammelte der Ökologe Brian Fisher von der California Academy of Sciences im vergangenen Frühjahr mehr als 10.000 Dollar für eine Expedition in die Tropenwälder Madagaskars. Als Dankeschön für einen Spender, der 5000 Dollar gab, will Fisher eine neue Ameisenart nach ihm benennen. Dass er die findet, ist nahezu garantiert - in Madagaskar hat er schon mehr als 800 Arten entdeckt. "Wissenschaftler sind heute wie Unternehmer, wir müssen Geld an den verschiedensten Orten finden", sagt er.

Die Beträge sind sicher klein im Vergleich zu den Hunderttausenden Euro, die ein Labor kosten kann. Reguläre Forschungsbudgets können die Crowdfunding-Aktionen also nicht ersetzen. Aber gerade das könnte die Stärke dieser Websites sein: Die eher geringen Summen sind für Projekte gedacht, für die es sich kaum lohnt, offizielle Anträge zu stellen. Mary Rogalski etwa, die an der Yale University in Umweltforschung promoviert, hat mittels Schwarmfinanzierung ihr Studium von Seesedimenten vorangetrieben. Sie will erkunden, wie Ökosysteme und insbesondere Wasserflöhe über die vergangenen Jahrzehnte auf Umweltverschmutzung reagiert haben.

Die deutsche Plattform Sciencestarter legt mit fünf Projekten los. Ein Forscher will herausfinden, wie sich Pferdemist für Biogasanlagen besser nutzen lässt. Ein Soziologe plant ein Lehrbuch über Klassiker seines Fachs. Auch der Geoinformatiker Thomas Bartoschek von der Universität Münster wirbt dort für sein Projekt: Er arbeitet daran, geografische Information über interaktive, auf Leinwände projizierte Grafiken zu vermitteln. 2011 präsentierte sein Team einen virtuellen Globus, der wichtige Ursachen für die Regenwaldabholzung in Brasilien darstellte. Neugierige konnten mit Gesten, die von Kameras erkannt wurden, Regionen mit relevanten Statistiken heranzoomen oder Veränderungen über die Zeit beobachten.

"Die Geste, mit der man Zeitabläufe abrufen konnte, kam aber nicht gut an", sagt Bartoschek. "Man musste die linke Hand über den Kopf heben und mit der rechten wie in einem Buch blättern." Deshalb plant der Wissenschaftler auf der Suche nach einer eingängigeren Geste eine Studie: Versuchspersonen sollen spontan Handkommandos für die Darstellung zeitlicher Veränderung erfinden. "Wir haben 8000 Euro veranschlagt - für Aufwandsentschädigungen, Personal- und Laborkosten."

Doch die Betreiber der Crowdfunding-Plattformen müssen sich auch kritische Fragen gefallen lassen. Wie stellen sie sicher, dass die Projekte wissenschaftlichen Standards gerecht werden? Und wie verhindert man, dass die Spender nicht etwa eine Skiausrüstung finanzieren? Die Lösungsansätze sind verschieden.

Das Open Source Science Project nutzt das klassische Peer-Review-Verfahren: Experten begutachten zuvor die Vorhaben. Andere Projekte garantieren Seriosität durch institutionelle Anbindung: Cancer Research UK ist die weltweit größte unabhängige Stiftung zur Krebsforschung - auf ihrer Seite kann man individuelle Projekte unterstützen. Sciencestarter wiederum prüft die Vorschläge individuell: "Im Zweifelsfall wenden wir uns an eines der mit uns assoziierten Forschungsinstitute", sagt Witt. Andere schließlich hängen die Latte niedrig. Der Ökologe Jai Ranganathan, Mitgründer von SciFund, will nur sicherstellen, dass es sich um keinen offensichtlichen Betrug handelt.

Ein Problem jedoch ist unübersehbar. Die direkte Finanzierung fördert zwangsläufig populäre Vorhaben. So entstammen, was kaum überrascht, viele Projekte der Ökologie. Wer dagegen synthetische Polymere statt Pandas studiert, hat es deutlich schwerer, Spender für das Projekt zu begeistern. Plattformen wie Sciencestarter hoffen dennoch, dass es Forschern gelingt, selbst komplexe Spezialgebiete zu erklären und dafür Interesse zu wecken.

Das kann Arbeit und Geld kosten. So hat Perlstein vor seiner Kampagne für sein Amphetamin-Labor Seiten wie Kickstarter studiert. Er engagierte einen Regisseur für seinen Videoauftritt. Er polierte die Internetpräsenz seines Labors, bewarb das Projekt mit Twitter und Facebook und gab Interviews. Dieser Aufwand hat seine Begeisterung für sein eigentliches Vorhaben nicht geschmälert: "Wenn das Projekt beginnt, wissen wir dank radioaktiver Marker binnen drei Monaten, wo die Wirkstoffe im Gehirn landen. Dann können wir fragen, was dort im Detail geschieht." Dabei sieht ihm vielleicht ein Spender über die Schulter. Denn wer besonders großzügig gibt, darf das Labor in Princeton besuchen.