Zum 50. Todestag Freigeist voller Widersprüche

Wilhelm Röpke machte eine steile Karriere. Seine Lehre war so gefragt, dass er sich später beklagte, dass er immerzu Reden halten müsse.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Wilhelm Röpke gilt als Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft. Aber mit seinem Kulturpessimismus eckte er auch bei vielen an. Nun hat ihn die Wissenschaft wiederentdeckt.

Von Nils Goldschmidt

Es fällt nicht leicht, sich vorbehaltlos auf Wilhelm Röpke einzulassen. Sein Konservatismus und die beißende Zivilisationskritik in seinem Spätwerk würden ihn heute am rechten Rand des politischen Spektrums vermuten lassen. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Sein Lebensweg, sein Engagement für eine humane Wirtschaftsordnung sind beeindruckend und wegweisend bis heute. Und ohne Frage war Röpke ein unersetzlicher Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, der maßgeblich zur Erneuerung des liberalen Denkens beigetragen hat.

Geboren am 10. Oktober 1899 in Schwarmstedt in der Lüneburger Heide, wo heute ein Gymnasium nach ihm benannt ist, wuchs der junge Wilhelm behütet in einer Arztfamilie und in ländlicher Umgebung auf. Sein späterer Ruf "nach dem Bäuerlichen und Handwerklichen, nach dem Garten, nach dem Herd des eigenen, wenn auch noch so bescheidenen Hauses, nach Nachbarschaft und Familiengemeinschaft, nach Besinnung auf die echten und dauernden Werte des so oberflächlich gewordenen modernen Lebens" - wie er 1950 in seinem Buch "Maß und Mitte" schreibt - hat in der Idylle seiner Kindheits- und Jugendjahre eine seiner wesentlichen Wurzeln. Nach Semestern in Göttingen und Tübingen findet er in Marburg seine akademische Heimat. Dort trifft er auf seinen Doktorvater Walter Troeltsch, bei dem er bereits 1921 mit einer Arbeit zum deutschen Kalibergbau promoviert. Auch privat ist dieses Jahr entscheidend: Er lernt seine spätere Frau Eva kennen, die er 1923 heiraten und mit der er drei Kinder haben wird.

Die akademische Karriere von Röpke nimmt in den folgenden Jahren ein atemberaubendes Tempo an. Schon 1922 habilitiert er sich mit einer Arbeit über "Die Konjunktur", einem bis dahin in der deutschsprachigen Nationalökonomie wenig beachteten Thema. Röpke rückt so in die Reihe einiger ehrgeiziger deutscher Theoretiker ein, die über unterschiedliche politische Lager hinweg das Erbe der lange Zeit vorherrschenden historischen Schule der Nationalökonomie und deren vorwiegend empirisch-deskriptiven Vorgehensweise überwinden wollten. Als damals jüngster deutscher Professor wird er 1924 nach Jena berufen, 1928 folgt er einem Ruf nach Graz, 1929 wechselt er zurück an seine Alma Mater in Marburg.

1931 empfiehlt er eine öffentlich finanzierte "Initialzündung", um die Nachfrage zu stimulieren

Röpke ist ein freier, zuweilen unkonventioneller Geist. Als Mitglied der Reichskommission zum Studium der Arbeitslosenfrage ("Brauns-Kommission"), die sich mit den dramatischen Folgen der Weltwirtschaftskrise und deren Überwindung beschäftigte, empfiehlt er 1931 eine öffentlich finanzierte "Initialzündung", um die Nachfrage zu stimulieren. Dieser Vorschlag ähnelt sehr den Überlegungen von John Maynard Keynes in dessen "Treatise on Money" von 1930. Wie sehr sich Röpke an die Überlegungen von Keynes bewusst angelehnt hat, ist umstritten, richtig ist aber, dass der spätere so prinzipientreue Ordnungsökonom hier zu einem "Keynesianer für einen Augenblick" geworden war, wie es sein Biograf Hans Jörg Hennecke einmal formuliert hat.

Den Nationalsozialismus verabscheut er als einen Aufstand der Massen gegen Vernunft, Freiheit und Humanität. Als Ende Februar 1933 sein Lehrer Troeltsch stirbt, spricht er mit Bezug auf Voltaires Candide von einer Gegenwart, die sich anschickt, "den Garten der Kultur wiederaufzuforsten und in den alten Urwald zurückzuverwandeln".

Röpkes Worte werden vom Gegner gehört. Seine Stellung an der Universität wird unter dem neuen Regime von Tag zu Tag schwieriger, am 25. April 1933 wird er von allen Universitätsverpflichtungen entbunden. Röpke verlässt mit seiner Familie Deutschland, er findet Exil in Istanbul, wo unter dem türkischen Staatsführer Kemal Atatürk eine moderne Universität nach westlichem Vorbild aufgebaut werden soll. Wohl fühlt er sich dort nicht, auch das Klima missfällt ihm, gegenüber einem Kollegen schimpft er über den "ewig saublauen Himmel". Er knüpft Kontakte zum "Institut universitaire de hautes études internationales" in Genf, an das er im Herbst 1937 wechseln kann. Im gleichen Jahr erscheint sein Buch "Die Lehre von der Wirtschaft", in dem er den Gedanken vom Dritten Weg prägt. Freilich geht es ihm nicht um einen Kompromiss zwischen Markt und Plan, sondern um eine wohlgeordnete, politische gerahmte Marktwirtschaft. Das ist die Idee eines neuen Liberalismus: des Neoliberalismus. Ein Begriff, der auf einer Zusammenkunft liberaler Intellektueller 1938 in Paris geprägt wurde, an der auch Röpke teilnahm.

In den folgenden Jahren wird Röpke in seiner neuen und geliebten Schweizer Heimat zu dem Denker, als der er heute noch wahrgenommen wird. In der Trilogie "Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart" (1942), "Civitas humana" (1944) und "Internationale Ordnung" (1945) entwickelte er Grundlinien einer liberalen Wirtschaftsordnung, die immer zugleich auch Gesellschaftsordnung ist: "Das eine und das andere - Marktwirtschaft und unkommerzialisierte Gesellschaft - ergänzen und stützen sich wechselseitig. Beides verhält sich zueinander wie Hohlraum und Rahmen" - so Röpke in "Civitas humana".

In diesen Jahren wird wohl auch Ludwig Erhard auf Röpkes Schriften aufmerksam, die ihn tief beeindruckten und prägten. Erhards Idee der sozialen Marktwirtschaft hat viele Väter - intellektuell war Röpke wohl der wichtigste. So wird Röpke nach dem Krieg zu einem der wichtigsten Impulsgeber und Anwalt der jungen sozialen Marktwirtschaft. Das auf Anfrage von Konrad Adenauer 1950 geschriebene Büchlein "Ist die Wirtschaftspolitik richtig?" ist ein schönes Beispiel dieser Unterstützungsarbeit. Hinzu kommen in jenen Jahren unzählige Zeitungsartikel und Vorträge. Er selbst sah sich in dieser Zeit, wie es aus einem Gespräch mit dem Ökonomen Walter Eucken überliefert ist, als "Schießbudenfigur, überall müsse er Reden halten und Aufsätze schreiben".

Das Wirtschaftswunder, das "Wohlstand für alle" bringt - eine Formulierung, die Röpke lang vor Erhard benutzt -, scheint den Vorkämpfern für die soziale Marktwirtschaft unheimlich gewesen zu sein. Der von ihnen so sehr herbeigesehnte wirtschaftliche Aufstieg ließ bei den Ordoliberalen die Sorge vor einem moralischen Verfall anwachsen. Erhards Maßhalteappelle in den 1950er- und 60er-Jahren belegen dies ebenso wie Alfred Müller-Armacks Ruf nach einer zweiten Phase der sozialen Marktwirtschaft. Nirgendwo ist diese Angst vor dem gesellschaftlichen Niedergang aber so spürbar wie bei Röpke. Es ist die "Hölle der Masse", wie er es in seinem Spätwerk "Jenseits von Angebot und Nachfrage" nennt, die die Freiheit des Einzelnen und die abendländische Kultur bedroht: "Diese Vermassung im geistig-moralischen Sinne wird unterstützt durch eine solche in einem eigentlich sozialen Sinne. Wir verstehen darunter einen Prozess der Auflösung der Struktur der Gesellschaft, die tiefe Umwälzungen in den äußeren Lebens-, Denk- und Arbeitsbedingungen des Einzelnen hervorruft."

Nur eine stabile Ordnung kann die Freiheit des Einzelnen überhaupt erst ermöglichen. Wirtschaftliche Akteure brauchen klare staatliche Spielregeln. Dieser Kerngedanke des Ordoliberalismus war auch für Röpke bestimmend. Anders sah man es jenseits des Atlantiks: Die Freiheit des Einzelnen ist voraussetzungslos, und der Staat ist mehr Bedrohung als Garant dieser Freiheit. Das Soziale der sozialen Marktwirtschaft ist der erste Schritt zum Sozialismus - davon waren die damaligen Protagonisten des amerikanischen Neoliberalismus, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Milton Friedman, überzeugt. Diese Konfliktlinie zwischen kontinentaleuropäischem und angelsächsischem Neoliberalismus bestimmte - neben persönlichen Intrigen und verletzten Eitelkeiten - auch die unglückliche Präsidentschaft Röpkes bei der liberalen Mont Pèlerin Society zu Beginn der 1960er-Jahre, an deren Ende sein Austritt aus der Gesellschaft stand. Die gegenläufige Bestimmung im Verhältnis zwischen Ordnung und Freiheit ist wohl bis heute die entscheidende Demarkationslinie zwischen den USA und Europa, wie die TTIP-Verhandlungen erneut offenbaren.

Es wäre viel zu einfach, den späten Röpke als reaktionären Nörgler abzutun

Die Welt steht am Abgrund - davon ist Röpke in seinem letzten Lebensjahrzehnt überzeugt. Zurück zum Bäuerlichen, zurück zur Familie, zurück zu einer wahrhaft geistigen Lebensart und Führerschaft - nur das kann Abhilfe schaffen. Gefordert sind "Aristokraten des Gemeinsinns", eine "Nobilitas naturalis": "Von entscheidender Bedeutung ist es, dass es in der Gesellschaft eine wenn auch kleine, so doch tonangebende Gruppe von Führenden gibt, die sich im Namen des Ganzen für die unantastbaren Normen und Werte verantwortlich fühlen und selber diese Verantwortung aufs strengste nachleben." Die Sorge um die abendländische Kultur beflügelte den jungen Röpke zu frischen Ideen für eine bessere Welt. In späteren Jahren wird diese Sorge mehr und mehr zur Quelle eines rückwärtsgewandten Kulturpessimismus. Seine krude Unterstützung für die Apartheid in Südafrika, wie sie jüngst der amerikanische Historiker Quinn Slobodian facettenreich nachgezeichnet hat, ist ein weiterer Beleg für die Verbitterung des alten Röpke über den scheinbaren Niedergang der zivilisierten Welt.

Doch es wäre viel zu einfach, den späten Röpke als reaktionären Nörgler abzutun. Sein Gespür für die kulturelle und gesellschaftliche Dimension des Wirtschaftens wird heute erst langsam wieder in der Forschung entdeckt. Seine Aussage - "Jedes Entwicklungsprogramm wird daher um so richtiger und vernünftiger sein, je weniger es den natürlichen Verhältnissen und den gegebenen Voraussetzungen Gewalt antut" - fasst bis heute das eigentliche Problem einer erfolgreichen Unterstützung wirtschaftlicher Entwicklung zusammen.

50 Jahre nach seinem Tod steht die Röpke-Forschung eigentlich erst am Anfang. Gefordert ist eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung, die Röpke weder zu einer liberal-konservativen Ikone verklären will noch in ihm den Antipoden einer aufgeklärten Moderne sieht, sondern ihn in seine Zeit und seine intellektuellen Kreise rückbindet. Impulse hierfür könnten aus dem Ausland kommen. Jüngst hat der Franzose Jean Solchany eine lesenswerte intellektuelle Biografie vorgelegt, und auch in den USA scheint man Röpke ernsthafter und vorbehaltloser zu diskutieren als in manchen liberalen Zirkeln in Deutschland. Fürchten brauchen sich Röpke-Fans vor dieser Diskussion indes nicht: Seine Leidenschaft für einen "ökonomischen Humanismus" wird ihm niemand absprechen können.

Nils Goldschmidt lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Siegen. Er ist Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft und Mitglied im Vorstand des Wilhelm-Röpke-Instituts.