Wirre Grafiken "Grafiken stiften nur Verwirrung"

Gerhard Henschel, Autor des Buchs "Die wirrsten Grafiken der Welt", über Gedankenarmut und den wirtschaftlichen Schaden, den unsinnige Schaubilder anrichten. Mit Bildergalerie.

Interview: Sarina Märschel

sueddeutsche.de: Was fällt bei den meisten Grafiken auf?

Gerhard Henschel: Ihre Sinnlosigkeit.

sueddeutsche.de: Liegt das Problem eher darin, dass die Leute ihre Inhalte nicht besser darstellen können oder wollen viele ihre Leser oder Zuhörer manipulieren?

Henschel: Ich fürchte, was am stärksten manipuliert werden soll, ist das Zeitkontingent. Mit wirren Grafiken lässt sich bei einer Power-Point-Präsentation eine Menge Zeit totschlagen, und es fällt dem Vortragenden leichter, seine Gedankenarmut zu kaschieren.

sueddeutsche.de: Wie hoch ist der wirtschaftliche Schaden?

Henschel: Der wird wahrscheinlich in die Milliarden gehen. Vielleicht sollte einmal jemand den Bundesrechnungshof darauf aufmerksam machen.

sueddeutsche.de: Wann ist es sinnvoll eine Grafik zu benutzen, wann sollte man lieber einen Text schreiben?

Henschel: Sinnvoll erscheinen mir die übersichtlichen Tortengrafiken an Wahlabenden, aber in fast allen anderen Fällen würde ich erklärende und argumentierende Texte vorziehen.

sueddeutsche.de: Warum?

Henschel: Weil die meisten Grafiken, die ich kenne, nur Verwirrung stiften - und ich habe eine opulente Sammlung zusammengetragen.

sueddeutsche.de: Hätten Sie Stoff für ein zweites Buch?

Henschel: Mehr als das. Man könnte ohne weiteres eine ganze Serie solcher Bücher veröffentlichen und dabei spielend den Gesamtumfang der Encyclopaedia Britannica überbieten, aber man soll es auch nicht übertreiben. Eine Sammlung aller wirren Grafiken der Welt würde wahrscheinlich die amerikanische Kongressbibliothek sprengen.

sueddeutsche.de: Haben Sie das Gefühl, dass die Anzahl sinnloser Grafiken in den vergangenen Jahren abgenommen hat?

Henschel: Nein, ganz und gar nicht, soweit ich das anhand der Stichproben beurteilen kann, die ich gelegentlich in Wartezimmern vornehme.

sueddeutsche.de: Haben Sie eigentlich selbst schon einmal eine Grafik erstellt?

Henschel: Das fehlte noch.

Gerhard Henschel, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller bei Hamburg. Er veröffentlichte Satiren, Sachbücher und Romane, darunter "Kulturgeschichte der Mißverständnisse" (mit Brigitte Kronauer und Eckhard Henscheid, 1998) und "Jahrhundert der Obszönität" (mit Eckhard Henscheid, 2000).

Gerhard Henschel Die wirrsten Grafiken der Welt Hoffmann und Campe Verlag, 2003 ISBN-10: 3455093876

Wow, sind die wirr!

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