Das schlimme Wort Deflation macht bereits die Runde, darum ist Wachsamkeit gefordert - denn Deflation ist gefährlicher als Inflation.
Seit dem 15. September 2008 wird die neuere Wirtschaftsgeschichte in zwei Phasen eingeteilt: vor Lehman und danach. Vor dem Zusammenbruch der Investmentbank war die Finanzkrise zwar schlimm, aber immer beherrschbar. Die Banken wurden von dramatischen Verlusten heimgesucht, ihre Aktien verloren an Wert, die Folgen für die Realwirtschaft schienen aber begrenzt zu sein. Eine Rezession in Europa vorher galt als unwahrscheinlich. Einige Experten dachten, dass sich der Boom der Rohstoff-Preise durch höhere Inflationsraten in der Gesamtwirtschaft festsetzen könnte. Die Europäische Zentralbank erhöhte daher mitten in der Krise die Zinsen.
Öl, der Schmierstoff der Wirtschaft, kostet derzeit rund 50 Dollar je Barrel. (© Foto: dpa)
Anzeige
Nach dem Untergang von Lehman sieht die Welt anders aus: Eine globale Rezession hat begonnen, die Kernschmelze im Finanzsystem droht weiter und von Teuerung ist schon lange nicht mehr die Rede. Im Gegenteil. Die Notierungen für Rohstoffe sind im freien Fall, ein Fass Öl kostet jetzt weniger als 50 Dollar. Einige Auguren hatten ihn im Sommer schon bei 170 Dollar gesehen. Im Oktober nun sind die Verbraucherpreise in den USA saisonbereinigt sogar um ein Prozent gesunken, das ist der stärkste Monatsrückgang seit dem Zweiten Weltkrieg.
Plötzlich macht ein schlimmes Wort die Runde: Deflation. Die Gefahr von sinkenden Preisen ist gegenwärtig zwar noch klein. Die wesentliche Ursache für die Oktober-Zahlen in Amerika ist der Rückgang der Energiepreise und der ist, für sich genommen, eine große Erleichterung für die Verbraucher und ein Pluspunkt für die Konjunktur.
Werden die Preise für Energie und Rohstoffe herausgerechnet, ist die Inflationsrate immer noch positiv. Aber das Risiko eines allgemeinen Preisrückgangs ist nicht zu unterschätzen. So wie sich zuvor die Preiserhöhungen für Öl und andere Rohstoffe über die gesamte Volkswirtschaft ausgebreitet haben, könnte dies jetzt mit den Preissenkungen geschehen.
Wachsamkeit tut deshalb not, denn Deflation ist gefährlicher als Inflation. Volkswirtschaften können sich leichter an - moderat - steigende als an sinkende Preise anpassen. Würde zum Beispiel die Arbeitsproduktivität um zwei Prozent steigen, das Preisniveau aber um fünf Prozent sinken, dann müssten die Löhne um drei Prozent sinken, um die Wettbewerbsposition der Unternehmen unverändert zu lassen. Die Gewerkschaften würden sich dagegen aus verständlichen Gründen, wehren - und genau dadurch alles verschlimmern. Deflation gibt Verbrauchern den Anreiz, ihr Geld zu horten, weil ihre Guthaben ja Monat für Monat mehr wert werden. Deflation ist schließlich schlecht für jeden, der einen Kredit aufgenommen hat, denn auch Schulden werden real ständig mehr wert. All dies lähmt eine Wirtschaft.
In der Weltwirtschaftskrise nahm die Deflation katastrophale Formen an, besonders in Deutschland. Aber auch in milderer Form kann sie nachhaltig schaden. Japan plagte sich in den neunziger Jahren nach einer Banken- und Kreditkrise etliche Jahre mit sinkenden Preisen und wirtschaftlicher Stagnation. In der Rückschau sprechen Ökonomen von Japans "verlorenem Jahrzehnt".
Auch zu Beginn dieses Jahrzehnts sah es eine Zeitlang so aus, als könne der Wettbewerbsdruck aus China in einigen Industrieländern zu Deflation führen. Damals wurde die Sorge zerstreut, was auch zum Teil an der sehr aggressiven Geldpolitik des damaligen US-Notenbank-Präsidenten Alan Greenspan lag. Doch jetzt, in der Weltrezession, ist die Lage anders und gefährlicher.
Das Fatale an Deflation ist, dass man sie so schwer bekämpfen kann, wenn sie einmal da ist. Niedriger als auf null können Zinsen nicht sinken und der Notenbankzins in Amerika liegt heute schon bei nur einem Prozent. Die amerikanische Federal Reserve dürfte ihn Anfang Dezember sogar auf 0,5 Prozent senken.
In Europa gibt es noch Zinssenkungsspielraum, die Europäische Zentralbank sollte ihn schnell nutzen. Entscheidend wird aber sein, dass die Regierungen in Europa, Amerika und nicht zu vergessen China nicht zögern. Die neue Situation spricht für entschlossene Konjunkturprogramme auf der ganzen Welt.
(SZ vom 24.11.2008/mel)
[quote]Würde zum Beispiel die Arbeitsproduktivität um zwei Prozent steigen, das Preisniveau aber um fünf Prozent sinken, dann müssten die Löhne um drei Prozent sinken, um die Wettbewerbsposition der Unternehmen unverändert zu lassen.[/quote]
Also jetzt mal im Ernst: seit wann sind denn Arbeitsproduktivität und Löhne miteinander gekoppelt? (siehe Banken: Arbeitsproduktivität = 0, Löhne = unendlich)
Eine ordentliche Deflation würde den Banken endlich das entziehen, mit dem sie seit Jahrzehnten Raubbau an allem und jeden betreiben konnten: (Zins-)Kapital.
Neue Technologien werden die Banken früher oder später sowieso obsolet machen. Der Tag kommt schon noch, keine Angst, alles wird gut werden. Bänker zu Bettlern!
Vor dreißig Jahren habe ich für eine Dose Bohnen 69 Pfennig bezahlt, heute kostet sie 69 Cent. Rein als Zahlenwert kann man diese Preissteigerung noch der Inflation zubilligen. Auch bei den Rohstoffen kann man noch mit einer gleichwertigen Verdoppelung der Preise argumentieren. Aber damit endet auch die Vergleichbarkeit.
Die menschliche Arbeit die in die Dose Bohnen (und praktisch alle Güter) gesteckt ist, die hat sich nicht verdoppelt. Die menschliche Arbeit ist extrem zurück gegangen. Obwohl heute in Biliglohnländern produziert wird, obwohl vor Jahrzehnten die menschliche Arbeitskraft durch Automatisierung ersetzt wurde, wurden die Preise nicht den gesunkenen Kosten angepaßt. (Die Ausrede mit der Investition lasse ich nicht gelten, denn praktisch wurden die Produktionsanlagen bei der Steuer abgesetzt, also zum Nullpreis erworben.) Es kann also niemanden verwundern, daß die Wirtschaft aus den Fugen gerät, wenn sie jahrzehntelang über Wert verkauft. Die wenigen Industriellen die ihren Mehrwert erhöht haben, die können nicht genug kaufen. Und die mangels Bedarf ihres Lohnes entledigten Arbeiter können auch nicht mehr kaufen.
Jegliche Preissenkung als Deflation zu bezeichnen war mit ein Grund für die jetzige Misere. Wenn die Dose Bohnen mit Rohstoffen und Energie praktisch nur 20 Cent kostet, dann ist die Preisanpassung an die Realität keine Deflation. Und wenn die Billigschneider in China ein Boss-T-Shirt für 25 Ct. schneidern, die Transportkosten vielleicht nochmals 5 Ct. je Teil bedingen, dann ist ein Sinken des Preises auf 30-40 Ct. auch keine Deflation. Sondern eine Anpassung an die Realität.
@ Korfstroem
Eine der Ursachen der großen Depression sieht Galbraith in der ungleichen Vermögensverteilung im Jahre 1929. Genau deshalb wird auch im Deutschland des Jahres 2009 eine Steuersenkung nicht helfen. Zuviele Menschen arbeiten für einen so geringen Lohn, bei dem sich eine Steuersenkung Ankurbelung des Konsums nicht auswirken kann. Wer nur wenig Steuern spart, kann nur wenig Steuern sparen. Auch wenn 50 Euro für viele Haushalte viel Geld sind, werden deshalb die Konsumausgaben nicht im erforderlichen Maße steigen..
und die Kanzlerin will - obwohl sie jetzt schon vor 2009 warnt - erst nach der Wahl 2009 die Steuern senken -nachdem man Milliarden in die Steuersenkung für die grossen Vermögen und nun die Banken investiert hat und die einfachen Leute das mit einer erhöhten Mehrwertsteuer bezahlen lässt -, soll heissen, die Dame weiss sehr genau, was auf die Bevölkerung zukommt, aber sie rührt keinen Finger, um das Los der Bevölkerung zu verbessern. Sie ist einem ganz kleinen Teil der Bevölkerung verpflichtet, der Rest interessiert sie nur unter dem Prinzip Schäuble. Die deutschen Eliten hatten schon immer ein zynisches Verhältnis zur eigenen Bevölkerung nach dem Motto: je tiefer man die Menschen demoralisiert, desto einfacher sind sie zu handhaben. Siehe die Hitlerei und ihre Steigbügelhalter, deren Interesse zu allererst in der Zerschlagung der Gewerkschaften, der Errungenschaften der Arbeiterbewegung stand, im Einspannen der Menschen für eine Kriegswirtschaft, die ganz im Interesse des Kapitals lag - niemals in der deutschen Geschichte haben die Gewinne der Unternehmen derart zugelegt, wie unter der Hitlerei. Vielleicht mit einer Ausnahme: Dem Ausverkauf der Republik seit den Treuhandgeschäften, dem Verläufer der Privatisierung der Republik und der sogenannten Dynamisierung durch den Lissabon-Prozess, der mit dem klaren Kalkül der gleichzeitigen Verarmung der Bevölkerung vorangetrieben wurde.
kann es logischer Weise nicht geben: Da müßte man den Kreditnehmern ja noch Geld schenken, damit sie es nehmen....
Fälschlicherweise wird gelegentlich dieser Begriff gebraucht, wenn die Kreditzinsen niedriger als die Inflationsrate sind.
Seit Greenspan das in USA im großen Stil machte, wissen wir, welche Folgen das hat.
@huberrob:
ich habe gerade direkt bei der Bank of Japan geschaut. Hier der Link zu der offiziellen Statistik der Leitzinsen: (ab 2001 wurde die Bezeichnung geändert, und von 1995-2001 waren wohl die Zinsen unverändert)
http://www.boj.or.jp/en/type/stat/boj_stat/discount.htm
Ich sehe da zu keiner Zeit negative Leitzinsen? Das Extrem war bisher 0,1%, also fast 0%. Aber niemals im Negativen?
Paging