VW-Skandal Erst Sex, dann Maulkorb

Demnächst beginnt der Untreue-Prozess gegen den ehemaligen VW-Betriebsrat Volkert und den Personalmanager Gebauer. Dabei könnten pikante Details ans Licht kommen. Etwa, dass sich Betriebsräte mit Sex bestechen ließen.

Von Hans Leyendecker

Im Gesamtbetriebsratsausschuss (GBA) des Volkswagen-Konzerns soll es eine kleine, stille Oppositionsgruppe gegen den einst mächtigen Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert gegeben haben. Diese Gruppe soll es jedoch nicht gewagt haben "aufzumucken", heißt es aus dem Konzern. Heikle Themen sollen die Oppositionellen nur in "persönlichen Gesprächen mit eng befreundeten Kollegen diskutiert" haben. Etwa, dass durch Lustreisen offenkundig bestimmte Arbeitnehmervertreter "in ein System" einbezogen worden seien, "um sie dann mundtot zu machen".

(Foto: Foto: AFP)

Was diese Gruppe möglicherweise frühzeitig über den 65-jährigen Volkert wusste, könnte nun vom 15. November an ans Licht kommen. Dann wird in Braunschweig der Untreue-Prozess gegen Volkert und den damaligen VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer beginnen, in dem auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl und der frühere VW-Personalvorstand Peter Hartz als Zeugen aussagen sollen.

Eine Innenansicht aus dem vermutlich einst einflussreichsten Arbeitnehmergremium eines deutschen Großkonzerns hat bereits der amtierende Betriebsratsvorsitzende des VW-Werkes Salzgitter, Andreas Blechner, geliefert. Vor ein paar Wochen wurde er von den Braunschweiger Staatsanwälten vernommen.

System der Lustreisen

Der 50-Jährige ging ausführlich auf das Lustreisen-System bei Volkswagen ein, das in der Amtszeit Volkerts von 1990 bis 2005 entwickelt worden sei. Dazu gehörte, dass Arbeitnehmervertretern auf Reisen des GBA die Dienste von Prostituierten angeboten wurden, deren Kosten dann der Konzern bezahlte.

Bereits kurz nachdem er im Jahr 1994 Mitglied des GBA geworden sei, habe ihn, so Blechner, der damalige VW-Personalmanager Gebauer auf einer Reise erstmals gefragt, ob er keine Prostituierte wolle. Er habe die Angebote stets abgelehnt und mitunter "bewusst private Termine" so gelegt, dass er nicht an den Reisen teilnehmen musste.

Wenn er doch mitgeflogen sei, habe er sich unwohl gefühlt. Er habe ein schlechtes Gewissen gehabt und "unterschwellig in einer Angstsituation" gelebt. Bei manchen Kollegen sei er als linker Spinner verschrien gewesen.

Aber auch anderen Gewerkschaftern, wie dem mit ihm befreundeten Betriebsratschef des VW-Werkes in Emden, Peter Jacobs, der im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, habe der Prostituierten-Service "überhaupt nicht gepasst". Das Thema sei jedoch von keinem der Kritiker direkt angesprochen worden, auch nicht im GBA. Nur indirekt hätten in dem Gremium mehrfach Arbeitnehmervertreter gefordert, "den Freizeitanteil zurückzufahren und den Arbeitsanteil" zu erhöhen. Volkert habe zugestimmt, doch das sei "eher ein Lippenbekenntnis" gewesen. Am Ablauf der Reisen habe sich langfristig nichts geändert.

Anlässlich einer Indien-Informationsreise 2002 etwa, bei der nach Angaben von Teilnehmern fünf oder sechs sogenannte indische Hostessen in Linienmaschinen der VW-Werksmaschine hinterhergeflogen wurden, habe eine Abendveranstaltung an Bord eines "James-Bond-Bootes" stattgefunden, auf der zwei Schönheitsköniginnen aufgetreten seien. Einige Gewerkschaftskollegen hätten ebenso wie er befürchtet, "dass irgendwann einmal Fotos solcher Veranstaltungen zu Hause in der Presse veröffentlicht werden könnten und wir dann in Rechtfertigungsnöte geraten" würden.

Nach Feststellungen der Braunschweiger Ermittler soll die Indienreise der Arbeitnehmervertreter knapp 400.000 Euro gekostet haben. Gesamtbetriebsratschef Volkert hatte das Frauenprogramm den Ermittlern so erklärt: "Da waren auch irgendwelche Schönheitsköniginnen, die hofiert wurden. Also: Da waren Frauen, das will ich nicht abstreiten. Eine indische Prostituierte habe ich so nicht kennengelernt. Jedenfalls waren die akkurat und wussten sich zu benehmen."

Blechners Beschreibung zufolge hat Volkert den GBA beherrscht: Wenn Wortbeiträge dem Betriebsratschef "nicht passten, hatte man immer unterschwellig" das Gefühl, dass das "negative Auswirkungen auf die Standortbelegung" haben könne. Schließlich habe Volkert maßgeblichen Einfluss darauf gehabt, "welcher Standort welches Modell bekam, beziehungsweise wie viele Motoren gebaut wurden". Selbst gegenüber dem früheren VW-Personalvorstand Hartz habe Volkert "eine sehr starke Machtposition gehabt". Wenn Hartz etwa auf einer Betriebsversammlung in Salzgitter ausgebuht worden sei, habe ihn, Blechner, der Gewerkschaftskollege Volkert angerufen und ihm angeblich "unterschwellig beigebracht, mich bei Herrn Hartz für das Verhalten der Belegschaft zu entschuldigen".

Gespräche unter vier Augen

Der frühere Generalsekretär des Welt-Konzernbetriebsrats, der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Jürgen Uhl, der im Juni dieses Jahres in der VW-Affäre zu einer Geldstrafe von 280 Tagessätzen verurteilt worden ist, erklärte bei seiner Zeugenvernehmung, er gehe davon aus, dass es "Vier-Augen-Gespräche zwischen Volkert und Gebauer gegeben" habe, in denen festgelegt worden sei, "wer zum sogenannten inneren Zirkel der Berechtigten von Prostituiertenleistungen gehörte".