Vierte industrielle Revolution Spenderleber aus dem 3-D-Drucker

Hochsicherheitsgebiet Davos: Ein Helikopter der Schweizer Armee fliegt über dem Gelände, auf dem das Weltwirtschaftsforum stattfindet.

(Foto: Ruben Sprich/Reuters)

Die totale Vernetzung der Welt schafft ungeahnte Möglichkeiten, doch sie hat auch Nachteile: 7,1 Millionen Jobs werden laut einer Prognose verschwinden.

Von Ulrich Schäfer, Davos

Für Klaus Schwab, den Gründer des Weltwirtschaftsforums, ist kaum ein Wort groß genug, um zu beschreiben, was da gerade geschieht: Er spricht von der "vielleicht größten Herausforderung für die Welt", von einer Entwicklung, die "unser Leben fundamental verändern wird", von einem wirtschaftlichen Umbruch, der schneller, mächtiger, gewaltiger sei als alles, was die Menschheit seit der Erfindung der Dampfmaschine erlebt hat.

Was Schwab, den 77-jährigen Wirtschaftsprofessor mit deutschem Pass und Wohnsitz in der Schweiz, so sehr umtreibt, das ist die vierte industrielle Revolution. Sie ist von diesem Mittwoch an das zentrale Thema beim Weltwirtschaftsforum in Davos, dem jährlichen Treffen der Mächtigen in den Graubündener Bergen.

Diese vierte industrielle Revolution geht weit über das hinaus, was in Deutschland gern als Industrie 4.0 bezeichnet wird. Sie wird, glaubt Schwab, alles verändern: wie wir arbeiten, produzieren, leben, denken. So werden in fünf Jahren nicht, wie jetzt, sieben Milliarden Geräte über das World Wide Web miteinander verbunden sein, sondern 50 bis 75 Milliarden (manchmal glauben gar: bis zu 200 Milliarden). Zum Internet der Dinge wird alles zählen, vom Kühlschrank über die Zahnbürste und die Fabrik bis zum Auto. Hinzu kommen entscheidende Fortschritte in der Nanotechnologie, der Biotechnologie, der Sensorik, der Automatisierung , im 3D-Druck.

Die Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen, prophezeit Schwab, erlaube es, Innovationen in Gang, die die meisten für Science-Fiction halten: Schon in zehn Jahren könnten Autos aus dem 3D-Drucker kommen, individuell bis ins Detail den Kundenwünschen angepasst; auch die rettende Leber für eine Transplantation könnte aus dem 3D-Drucker kommen und das Mobiltelefon als winziges Gerät unter die Haut von Menschen eingefügt werden. In einer Umfrage unter Führungskräften aus der Wirtschaft, die das Weltwirtschaftsforum durchgeführt hat, halten das 75 Prozent für eine mögliches Szenario.

Die vierte industrielle Revolution unterscheidet sich, glaubt Axel Weber, der ehemalige Bundesbankpräsident und heutige Verwaltungsratschef der Schweizer Bank UBS, "in ihrer Intensität" fundamental von ihren drei Vorgängern. Denn sie erfasst nicht nur einen Teil der Wirtschaft, sondern alle Branchen. Und sie führt, weil nicht jeder davon profitiert, zugleich "zu einer zunehmenden Polarisierung der erwerbsfähigen Bevölkerung und einer wachsenden Einkommensungleichheit", warnt die UBS in einer Studie, die sie am Dienstagabend in Davos veröffentlicht hat.

Die erste industrielle Revolution setzte Ende des 18. Jahrhunderts ein, sie wurde vorangetrieben durch die Erfindung der Dampfmaschine und der Eisenbahn. Die zweite industrielle Revolution folgte rund ein Jahrhundert später, als sich dank der Elektrizität die Massenproduktion und eine arbeitsteilige Wirtschaft entwickelten. Stufe drei begann dann in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts: Der Computer hielt Einzug in den Büros und ermöglichte ganz neue Formen der Datenverarbeitung.

Und nun ist also die vierte industrielle Revolution in Gang. Vier Tage lang, bis zum kommenden Samstag, werden 2500 Spitzenmanager und Unternehmer aus aller Welt, Hunderte von Wissenschaftlern und Politikern darüber diskutieren, wie man mit dieser Entwicklung umgehen und sie zum Wohle möglichst vieler gestalten will.

Denn eines ist, bei aller Euphorie, die Schwab und seine Mitstreiter verbreiten, klar: Die Digitalisierung wird im Verbund mit der Automatisierung nicht bloß Gewinner, sondern auch sehr viele Verlierer hervorbringen. Millionen von Menschen werden ihren Job verlieren. Es werden, erwartet der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller, zahlreiche Berufe völlig verschwinden: Was Menschen im Laufe vieler Jahre sich an Wissen angeeignet haben, wird in kürzester Zeit entwertet, weil bestimmte Qualifikationen nicht mehr gebraucht und von intelligenten Maschinen erledigt werden. Shiller äußerte diese Sorge bereits im vorigen Jahr beim Treffen in Davos, er sprach von einer Entwicklung, die genauso dramatische Konsequenzen haben könne wie die Erfindung der Atombombe, und forderte: Die Industrieländer müssten eine neue Versicherung schaffen, die all jene auffange, deren erlernter Beruf komplett verschwinde. Shillers Warnung stand vor einem Jahr in Kontrast zum Optimismus, den die Vorreiter der Digitalisierung aus dem Silicon Valley verbreiteten. So sinnierte Eric Schmidt, der Chairman von Google, zwar in Davos kurz über einen möglichen Kampf zwischen Roboter und Mensch, fegte derlei Bedenken aber schnell hinweg mit seiner Aussage, man müsse nur das Breitband-Internet bis in den hintersten Winkel der Welt bringen - und schon ließen sich die allermeisten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Probleme lösen.

In diesem Jahr ist von den Machern des Weltwirtschaftsforums vor dem Treffen eine deutlich differenzierte Sicht der Dinge zu hören: So hat das Forum in dieser Woche eine dicke Studie mit dem Titel "Die Zukunft der Jobs" veröffentlicht, die detailliert, nach Ländern und Branchen unterteilt, untersucht, welche Arbeitsplätze in den nächsten fünf Jahren durch die vierte industrielle Revolution verschwinden werden - und welche neu entstehen. Dazu hat das Forum die Personalchefs von fast 400 großen Unternehmen in aller Welt befragt.

In Deutschland dürften besonders in der Autobranche Stellen wegfallen

Heraus kam: 7,1 Millionen Jobs, vor allem klassische Bürotätigkeiten, werden verschwinden, weil die vierte industrielle Revolution ganze Unternehmen oder zumindest deren bisherige Geschäftsmodell hinwegfegt. In der gleichen Zeit werden, so die Prognose, 2,1 Millionen neue Jobs entstehen; profitieren werden vor allem Menschen aus dem Bereich der Computerwissenschaften, der Mathematik oder der Informationstechnologie.

Die Studie, laut den Autoren die erste weltweite Analyse dieser Art, bricht die Ergebnisse auch auf einzelne Länder herunter: In Deutschland wird demnach vor allem die Automobilindustrie Stellen abbauen müssen, während im Bereich der Informationstechnologie und mobiler Anwendungen neue Jobs entstehen werden.

Ob Deutschland zu den Gewinnern der vierten industriellen Revolution gehören wird, dazu äußern sich die Forscher des Weltwirtschaftsforums nicht. Wenn man die Bosse internationaler IT-Konzerne dazu befragt, dann hört man durchaus optimistische Worte. So sieht etwa Chuck Robbins, der Chef des amerikanischen Netzwerkherstellers Cisco, große Chancen für die deutsche Wirtschaft, weil das Internet der Dinge nun auch jenen Bereich der Wirtschaft erfasse, den die hiesigen Unternehmen und ihre Ingenieure besonders gut beherrschen: die Industrie. Ähnlich äußern sich Vishal Sikka, einst Vorstand bei SAP und heute Chef von 220 000 Mitarbeitern beim indischen IT-Dienstleister Infosys, oder Marc Benioff, der Gründer des Cloud-Anbieters Salesforce.

Klaus Schwab, der vor 45 Jahre das Weltwirtschaftsforum gegründet hat, glaubt, dass es am Ende nicht bloß um die beste Technologie gehen wird. Entscheidend sei, dass die Politik im Dialog mit der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft die richtigen Rahmenbedingungen setze. Und es komme, gerade in Zeiten der permanenten digitalen Kommunikation, noch auf etwas ganz anderes an: auf das persönliche Gespräch. "Die Technik", meint Schwab, "darf die Menschen nicht davon abhalten, direkt miteinander zu reden."