Vermögensschere in Deutschland Arme bleiben arm, Reiche werden reicher

Eine Frau sucht in einer deutschen Stadt in Müllbehältern nach Pfandflaschen. Deutschland weist laut dem Bericht vor Österreich die höchste Vermögensungleichheit auf.

Nirgendwo in der EU ist das Vermögen so ungleich verteilt wie hier: Forscher des Wirtschaftsinstituts DIW zeigen, dass die Kluft in Deutschland zwischen Arm und Reich besonders groß ist. Wie viele Superreiche es tatsächlich gibt, wissen aber selbst die Forscher nicht.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Gut ein Fünftel aller Erwachsenen in Deutschland verfügt über kein persönliches Vermögen. Bei sieben Prozent waren die Schulden sogar höher als das Bruttovermögen. Das geht aus einer neuen Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor.

Demnach besaß das reichste Zehntel der Bevölkerung ein Nettovermögen von mindestens 217 000 Euro, beim reichsten ein Prozent waren es wenigstens 817 000 Euro. Es gibt laut der Analyse aber große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland: So gehören in den neuen Bundesländern Personen mit einem Nettovermögen von mindestens 110 000 Euro bereits zu den reichsten zehn Prozent der Bürger ab 17 Jahren. Im Westen waren dafür knapp 240 000 Euro erforderlich.

Dem Bericht zufolge konnten die oberen Einkommensgruppen zwischen 2002 und 2012 "ihren Vermögensbestand weiter ausbauen". Bei den 30 Prozent Einkommensschwächsten habe sich das Vermögen in diesem Zeitraum dagegen nicht verändert.

DIW-Forscher Markus Grabka weist jedoch darauf hin, dass die Arbeitslosen als einzige soziale Gruppe in den vergangenen zehn Jahren signifikant an Vermögen eingebüßt hätten. "Wir interpretieren dieses Ergebnis so, dass hier aller Wahrscheinlichkeit nach die Hartz-IV-Gesetzgebung wirkt, weil der Bezug dieser staatlichen Transferleistung erst dann möglich ist, wenn bis auf ein geschütztes Schonvermögen kein nennenswertes Vermögen mehr vorhanden ist", sagt er.

Gleichzeitig gehen die Forscher von einem signifikanten Anstieg bei den Verbindlichkeiten aus. Der Anteil der Personen mit Schulden stieg laut der Analyse in den zehn Jahren von 27,5 auf 32 Prozent. Grabka und sein Kollege Christian Westermeier begründen dies mit "der größeren Verbreitung von Konsumentenkrediten", vor allem in Ostdeutschland.

"Höchste Vermögensungleichheit" in der EU

Nach dem Bericht verharrt die ungleiche Verteilung des Vermögens "auf hohem Niveau". Innerhalb der EU weise Deutschland vor Österreich "die höchste Vermögensungleichheit auf". Diese zeige der Gini-Koeffizient, das Standardmaß, die Vermögensungleichheit zu messen. Für 2012 ergibt sich demnach ein Wert von 0,78. In Frankreich liegt der Gini-Koeffizient bei 0,68, in der Slowakei bei 0,45. Ein Wert von 0 bedeutet, dass alle verglichenen Personen genau das gleiche Vermögen haben. Ein Wert von 1 bedeutet, dass eine Person das gesamte Vermögen besitzt und alle anderen nichts haben.

Die Wissenschaftler merken allerdings an, dass besonders wohlhabende Personen praktisch nicht erfasst werden können. "Dies gilt insbesondere für Milliardäre und für Millionäre mit einem Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe. Im Ergebnis bedeutet dies, dass das wahre Ausmaß an Vermögensungleichheit unterschätzt wird."

Gleichzeitig schreiben die Forscher: "Es kann vermutet werden, dass es in den vergangenen zehn Jahren zu einem Anstieg der Vermögensungleichheit gekommen ist, da (...) die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen im Vergleich zu den Arbeitnehmerentgelten überdurchschnittlich gestiegen sind".

Die neue Analyse, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde, beruht auf den neuesten Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Dafür werden jedes Jahr gut 20 000 Menschen in Deutschland befragt. Für die Analyse der Vermögensverteilung wurden nun erstmals die Zahlen von 2012 berücksichtigt, die bei der Abfassung des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung noch nicht vorlagen.

Aus der Untersuchung geht hervor, dass sich das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland im Jahr 2012 auf 6,3 Billionen Euro belief. Die Verbindlichkeiten betrugen mehr als 1,1 Billionen Euro. 38 Prozent der erwachsenen Bevölkerung hat eine selbstgenutzte Immobilie, der Wert dieser Immobilien beträgt im Durchschnitt 150 000 Euro.

Knapp die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung besaß 2012 Geldvermögen (Sparguthaben, Spar- und Pfandbriefe, Aktien, Investmentfondsanteile) oder Vermögen in Form von privaten Versicherungen und Bausparverträgen. Im Durchschnitt betrug der Wert dieser Anlagen 29 000 Euro bei Geldvermögen und knapp 19 000 Euro bei den privaten Versicherungen. "Ob damit die Lücken in der Absicherung durch die gesetzliche Rentenversicherung geschlossen werden können, bleibt fraglich", heißt es in der Untersuchung. Dem Risiko der Altersarmut könnten vor allem "Ostdeutsche mit ihrem privaten Vermögen kaum begegnen".