Übernahmeschlacht um Porsche und VW Der Freispruch

Wendelin Wiedeking hat als Porsche-Chef alle Höhen und Tiefen des Manager-Daseins erlebt. Der Richter sprach ihn jetzt von allen Vorwürfen frei. Und kritisierte die Staatsanwälte heftig.

Von Max Hägler

So ein Verfahren zehrt an den Nerven, man kann es Wendelin Wiedeking ansehen. So groß und breit dieser ehemalige Porsche-Chef ist, so müde und auch nervös wirkt er jetzt, selbst im Angesicht des Sieges. Von dem auftrumpfenden Auftreten, gern mit Zigarre in den Fingern, passend zu den 100 Millionen Euro Jahressalär, ist da nichts mehr. Ein paar dürre Sätze sagt der 63-Jährige: Dass er sich freut. Dass er von Anfang an gesagt habe, dass er unschuldig sei. Kein verschmitztes Lächeln wie früher, nur noch Anstrengung ist in seinem Gesicht zu lesen. Die Stimme des Unternehmers, der mittlerweile im Pizza- und Schuhgeschäft engagiert ist, zittert ein wenig: "Ich muss jetzt erst mal runterkommen." Dann steigt er auf den Beifahrersitz seines Porsche Panamera und lässt sich davonfahren.

Weg von diesem Gericht - das lange über seine möglichen Untaten bei der versuchen Volkswagen-Übernahme verhandelt hat. Und das ihm gerade einen Freispruch ersten Ranges ausgesprochen hat.

Nichts sei dran an Vorwürfen der Staatsanwaltschaft, dass Wiedeking und der mitangeklagte Ex-Finanzchef Holger Härter getrickst hätten im Kampf um die Übernahme von Volkswagen, beginnt der Vorsitzende Richter Frank Maurer sein Urteil: "Weder vorne, noch hinten, noch in der Mitte." Beinahe zwei Stunden lang nimmt der Vorsitzende der 13. Strafkammer am Landgericht Stuttgart jede Anschuldigung der Ankläger auseinander - und entkräftet sie. Alle. Fein säuberlich. Von einer "juristischen Hinrichtung der Staatsanwaltschaft" spricht einer der Verteidiger.

Die Ankläger wollten die beiden Manager hinter Gitter sehen: Zweieinhalb Jahre für Wiedeking, zwei Jahre und drei Monate für Härter, so lautete ihre Forderung. Das Gegenteil ist eingetreten. Wieder einmal habe ein deutsches Gericht eine große Anklage gegen vermeintliche Wirtschaftsverbrecher zum Einsturz gebracht, sagt Wiedekings Anwalt Walther Graf.

Anders als die Staatsanwaltschaft angeklagt hat, hätten die beiden Manger in den Monaten zwischen März und Oktober 2008, der Hochphase der Übernahmeschlacht, nicht die Börse betrogen oder getäuscht, sagt Maurer. Im Gegenteil. "Unzählige Durchsuchungsbeschlüsse in unzähligen Objekten" seien vollzogen worden, eine "Armada" von Staatsanwälten habe dazu 200 gut gefüllte Leitzordner angelegt. "Das Ergebnis: Nichts Belastbares." Im Unterschied zum Brötchenkauf stelle sich eine Firmenübernahme eben etwas komplizierter dar. Und, ja, auch spannender, auch wenn Maurer das so nicht sagt.

In der Tat liest sich einiges, was da ausgegraben wurde, wie ein Krimi: Die Stuttgarter Automanager träumten schon lange von einer Verbindung zu Volkswagen - weil Porsche selbst zu klein war, um in der Autowelt zu bestehen, und weil sie sich selbst als die weit besseren Manager sahen. Auch aus Traditionsgründen stellte sich eine Fusion als logisch dar, denn beide Konzerne haben denselben Stammvater: Ingenieur Ferdinand Porsche entwickelte nicht nur in Stuttgart Motoren und Sportwagen, sondern auch in der Nazizeit den VW Käfer - der Ausgangspunkt der heutigen "Autostadt" Wolfsburg. Die mächtigen Erbenfamilien Porsche und Piëch waren zwar angetan von der Idee - aber sich durchaus nicht immer einig über den Weg, den die Manager in Stuttgart da lautstark beschritten haben. Die Politik spielte mit, hält doch das Land Niedersachsen 20 Prozent an Volkswagen. Der Übernahmeplan hatte einen mystisch-mysteriösen Decknamen ("Operation Troja"). Und dann, kurz vor dem Ziel, ging den Stuttgartern spektakulär das Geld aus, Volkswagen drehte den Spieß um und übernahm Porsche - was die Erben übrigens letztlich nicht störte: Ihr Reich vergrößerte sich auch so.

Porsche war seine Welt. Erst sanierte Manager Wiedeking den Autobauer, dann versuchte er die Übernahme von VW. Am Ende landete er vor Gericht - zu Unrecht, wie man jetzt weiß.

(Foto: Michael Artur König)

Ein Krimi das alles, ja. Aber eben einer fast ohne strafbare Handlungen - nur Härter ist in einem bereits abgeschlossenen Verfahren zu einer Geldstrafe wegen Kreditbetruges verurteilt worden: Er hatte einer Bank Risiken verschwiegen, die in dem Übernahmegeschäft lagen.

Letztlich hätten die beiden angeklagten Manager aber jede Frage in alle Richtungen geprüft, sagt Richter Maurer. Dabei sei eine Übernahme zur Sprache gekommen, aber vor Ende Oktober 2008 nicht beschlossen gewesen, auch nicht im Verborgenen: "Es gab keinen Geheimplan!" Härter und Wiedeking hätten nicht "über Monate Kabarett" gespielt, sondern sich tatsächlich professionell und kaufmännisch sorgfältig auf verschiedene unternehmerische Optionen vorbereitet. Die Pressemitteilungen, in denen Porsche zu Übernahmegerüchten Stellung nahm, seien - anders als von der Staatsanwaltschaft unterstellt - keine falschen Dementis gewesen, auf dass der Preis der VW-Aktie niedrig bleibe. Sondern immer auf den jeweiligen Tag bezogen gewesen. Einige der Verteidiger lächeln, während Maurer die Anklage weiter zerlegt.

Kein einziger Zeuge konnte die Vorwürfe untermauern

Als Porsche schließlich am 26. Oktober 2008 verkündete, VW übernehmen zu wollen, da sei ebenfalls alles mit rechten Dingen zugegangen. Die Staatsanwaltschaft hatte unterstellt, dass Wiedeking und Härter mit dieser Mitteilung den VW-Kurs plötzlich in die Höhe treiben wollten, um einen Milliardenschaden abzuwenden, der andernfalls aufgrund komplizierter Zahlungsverpflichtungen drohte. Tatsächlich sprang der VW-Kurs danach massiv nach oben, auf mehr als 1000 Euro. Wer anders gewettet hatte an der Börse, machte nun extreme Verluste. Aber das sei nicht den Angeklagten anzurechnen, so das Gericht; ihrem Konzern habe damals, nicht wie von den Anklägern unterstellt, ein Milliardenverlust in Höhe von 14 Milliarden Euro gedroht. Da habe sich die Staatsanwaltschaft im Eifer des Gefechts womöglich verrechnet, sagt Maurer. Porsche habe nichts falsch berichtet, nichts verschwiegen, sei aber als Privatunternehmen auch nicht "Mutter Teresa".

Keine Absicht, keine Täuschung. Auch die Forderung nach 800 Millionen Geldbuße gegen die Porsche-Holding: Abgewiesen. "Herr Härter und Herr Wiedeking: Ihnen alles Gute", schließt Maurer. Er hoffe, sagt Härter, dass die Staatsanwaltschaft den Anstand besitze, diese Sache nach bald sieben Jahren auf sich beruhen zu lassen und auf Rechtsmittel verzichte. Dem sei nichts hinzuzufügen, sagt sein Verteidiger Sven Thomas, bis auf eines: "Diese zwei Stunden waren ein Exempel für den Wert der Gewaltenteilung."

Für viele im Saal ist das Urteil indes eine Enttäuschung. Für die Staatsanwälte natürlich, aber auch für die meisten der hochbezahlten Rechtsanwälte, die aus den Zuschauerreihen den Prozess mitverfolgt haben. Immer noch laufen Zivilverfahren von VW-Aktionären, die von der Porsche-Holding Schadenersatz verlangen, mit demselben Vorwurf wie ihn die Staatsanwaltschaft hatte: Manipulation. Aus dem Strafverfahren jetzt wollten die Juristen Honig saugen. Angetan mit schicken Maßanzügen oder Kostümen und mit Notizbüchern in der Hand saßen die Damen und Herren Sitzungstag um Sitzungstag im Landgericht, um Stoff zu sammeln, der ihnen bei den Prozessen um Schadenersatz hilfreich sein könnte. Nun hat in dem Prozess kein Zeuge die Vorwürfe untermauert, es wurden keine überraschenden Dokumente vorgelegt - und es gab damit auch kein Strafurteil, auf das sie sich künftig berufen können. Kein Beinbruch, ist aus diesen Kreisen zu hören, es gebe ja keine Bindung. Aber den enttäuschten Gesichtern ist zu entnehmen: Sie hätten sich eine Verurteilung gewünscht.

Die vom Gericht abgewatschten Staatsanwälte geben sich indes recht gefasst. Der Leitende der beiden, Heiko Wagenpfeil, hat die Urteilsbegründung weitgehend mit geschlossenen Augen angehört. Nun sagt er: Man werde in Ruhe überlegen, ob man in Revision gehe. Dabei ist das nun zum zweiten Mal eine Pleite in diesem Fall. Das Landgericht wollte diese Porsche-Anklage erst gar nicht in die Hauptverhandlung bringen, weil den Richtern die Argumente zu dünn erschienen. Erst nachdem die Ankläger Beschwerde beim Oberlandesgericht eingereicht hatten, kam es zum Prozess.

Dahinter steht der nachvollziehbare Wunsch, dass all die in den 200 Ordner gebündelte Arbeit nicht für die Katz war. Zumal in Stuttgart, wo lange Zeit Oberstaatsanwalt Hans Richter das Sagen hatte in Wirtschaftsfällen. Der bekennende Alt-68er hatte als Devise ausgegeben: "Wir müssen uns daran messen lassen, ob wir bei den großen Namen dieselben angemessenen Urteile bekommen wie bei unbekannten Kriminellen." Der Beamte, der übrigens just zum Start des Porsche-Prozesses in Pension ging, war gefürchtet bei Managern und ihren Verteidigern, sein Team ist es noch immer. Aber es hat in den vergangenen Jahren immer wieder mal spektakuläre Pleiten hinnehmen müssen.

So wurden Anklagen gegen Manager der Landesbank Baden-Württemberg gegen Geldauflagen in fünfstelliger Höhe eingestellt. Die Stuttgarter Staatsanwälte hatten Jahre zuvor eine aufsehenerregende Razzia veranlasst, ihnen dann Untreue wegen riskanter Geschäfte mit Ramschpapieren vorgeworfen; am Ende blieb nur der Vorwurf der Falschbilanzierung.

Auch sonst klagen Manager immer öfter, sie würden zu hart angefasst von den Ermittlern und Anklägern. In München etwa, wo eine kämpferische Staatsanwältin gerade versucht, ehemaligen und heutigen Chefs der Deutschen Bank im Fall des Medienkonzerns Kirch Prozessbetrug nachzuweisen. "Dort", glaubt Wiedeking-Verteidiger Walther Graf, "wird es am Ende genauso laufen wie hier."