Übernahmen China kauft ein

2016 haben Firmen aus China 35 Milliarden Euro in der EU ausgegeben.

(Foto: Ralph Peters/imago)

Chinesische Konzerne haben ihre Übernahmen in der EU im vorigen Jahr um 40 Prozent gesteigert. Investitionen europäischer Firmen gehen dort aber zurück.

Von Christoph Giesen, Amsterdam

Vor ein paar Jahren noch, da waren Übernahmen chinesischer Unternehmen in Europa etwas für Spezialisten, Leute, die sich für Werkzeugmaschinenbauer in der Provinz interessierten. Wenig Glamour, geringe Umsätze, Mittelstand pur. Das ist vorbei. Chinas Wirtschaft ist auf Einkaufstour. Kuka, Aixtron, Osram, diese Namen sind in den vergangenen Wochen und Monaten regelmäßig gehandelt worden. Selbst der scheidende US-Präsident Barack Obama kennt inzwischen den kleinen Chip-Anlagenbauer Aixtron, schließlich war er es, der den Deal mit einem Veto scheitern ließ.

Eine Studie des Berliner Mercator Institutes for China Studies (Merics) und der New Yorker Rhodium Group, die an diesem Mittwoch erscheint, liefert nun die neuesten Zahlen zum chinesischen Firmen-Shopping. Im vergangenen Jahr investierten demnach Unternehmen aus der Volksrepublik 35 Milliarden Euro in der Europäischen Union, ein Anstieg von 40 Prozent.

Der größte Deal im vergangenen Jahr war die 4,4 Milliarden teure Übernahme der Augsburger Roboterfirma Kuka durch den chinesischen Haushaltsgerätehersteller Midea. Der geplante Kauf des Schweizer Agrarkonzerns Syngenta für etwa 40 Milliarden Euro durch den chinesischen Wettbewerber Chem-China ist nicht eingerechnet, weil die Schweiz kein EU-Mitglied ist und noch Genehmigungen ausstehen.

Im Fokus chinesischer Unternehmen standen vor allem Firmen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Alleine in der Bundesrepublik stieg der Gesamtwert der Transaktionen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als das 20-fache. Der Katalysator ist die neue Industriestrategie "Made in China 2025", die die Führung in Peking vor gut anderthalb Jahren vorgestellt hat. Sie sieht vor, dass chinesische Firmen bereits in wenigen Jahren in etlichen Branchen die Marktführerschaft übernehmen sollen. Ohne Zukäufe werden sich diese ambitionierten Ziele wohl kaum erreichen lassen.

Im Gegenzug sind der Studie zufolge die Investitionen europäischer Unternehmen in China auf acht Milliarden Euro zurückgegangen. Ein Minus von etwa zwei Milliarden Euro. Der Grund: Ausländische Konzerne in China haben zunehmend mit Einschränkungen zu kämpfen, die teilweise so gravierend sind, dass der deutsche Botschafter in Peking bereits von "ökonomischem Nationalismus" spricht. So werden Gesetze in Windeseile verabschiedet, die etliche Unternehmen unvorbereitet treffen, wie etwa die geplante Elektroauto-Quote. Oder aber der Staat bevormundet die heimische Industrie gleich direkt, wie zum Beispiel in der Medizintechnik. Derzeit sind Krankenhäuser in der Volksrepublik angehalten, Geräte und Maschinen anhand eines amtlichen Katalogs einzukaufen, in dem keine nicht-chinesischen Unternehmen verzeichnet sind.

"Ob es 2017 ein erneutes Rekordwachstum geben wird, ist fraglich", sagt Merics-Programmleiter Mikko Huotari. "Die Kuka-Übernahme und das Scheitern des Aixtron-Deals haben vor allem in Deutschland für eine erhöhte Aufmerksamkeit gesorgt." Daher sei es gut möglich, dass chinesische Unternehmen im neuen Jahr zurückhaltender auftreten. "Außerdem hat die Führung in Peking Ende vergangenen Jahres aus Furcht vor Kapitalflucht mehrere Vorgaben erlassen, um chinesische Übernahmen stärker zu kontrollieren", sagt Huotari. So dürfen Zukäufe inzwischen nicht mehr als zehn Milliarden Dollar kosten.

Möchte sich ein Unternehmen aus China in einer fremden Branche einkaufen, zum Beispiel ein Textilkonzern bei einem Automobilzulieferer, darf das Gesamtvolumen des Deals sogar nur eine Milliarde Dollar betragen. Ansonsten lehnt Peking rigoros ab und verweigert den Transfer des Geldes. "Diese Einschränkungen sollen vorerst bis Ende September 2017 gelten", sagt Huotari. Eine kleine Verschnaufpause. Viele Beraterfirmen bekommen trotzdem weiterhin mehrere Anfragen aus China pro Woche.