Textilproduktion Es geht immer noch billiger

Arbeiter in Myanmar protestieren vor einer Fabrik. Die Besitzer hatten sie geschlossen, ohne den Arbeitern Bescheid zu sagen.

(Foto: Gemunu Amarasinghe/AP)

Konzerne wie H&M lassen in Myanmar produzieren, in den Fabriken arbeiten auch Minderjährige. Das haben jetzt zwei Enthüllungsjournalisten aufgedeckt.

Von Nils Wischmeyer

Bis zu 14 Stunden am Tag hat Mila in einer Fabrik in Myanmar gearbeitet. Dabei ist sie gerade erst 14 Jahre alt. Dass sie noch minderjährig war, hat ihren Chef nicht interessiert. "Sie haben jeden angestellt, der arbeiten wollte", sagt sie.

Es sind Menschen wie sie, die die schwedischen Journalisten Tobias Andersson Åkerblom und Moa Kärnstrand in ihrem Buch "Modeslavar" beschreiben. Die beiden beschäftigen sich schon lange mit dem Thema Kinderarbeit in Südostasien. Jetzt haben sie aufgedeckt, dass in dieser Fabrik auch Zulieferer des schwedischen Modekonzerns H & M produzieren.

In ihrem Buch, das nächste Woche erscheint, schildern sie die Bedingungen vor Ort. "Die Arbeiter haben uns erzählt, dass sie die Fabrik in den Pausen nicht verlassen durften, nicht reden durften und nur zu bestimmten Zeiten auf Toilette gehen durften", sagt Åkerblom.

Die Menschen erhalten 52 Euro im Monat, in Vietnam sind es bereits 117 Euro

Kurz nach den Enthüllungen reagierte H & M. In einer Pressemitteilung schreibt der schwedische Modekonzern, er sei strikt gegen Kinderarbeit. Der vorliegende Fall sei inakzeptabel. Zudem habe man nun individuelle Zeitkarten eingeführt, um die Arbeitszeiten besser kontrollieren zu können.

Der Fall kommt zu einer Zeit, in der immer mehr Firmen in Myanmar investieren oder dort Zulieferer engagieren. Denn in China, Thailand oder auch Vietnam sind die Arbeitskosten in der Textilindustrie in den letzten Jahren stark gestiegen. Myanmar profitiert davon.

Dem nationalen Textilindustrieverband "Myanmar Garment Manufacturers Association" zufolge wurde im vergangenen Jahr täglich eine Fabrik eröffnet. 240 000 Menschen seien mittlerweile in der Textilindustrie beschäftigt. Die Einnahmen aus Exporten von Textilien sollen sich seit 2012 verdreifacht haben und lagen zuletzt bei knapp 1,5 Milliarden Dollar jährlich. In Myanmar sind das zehn Prozent des gesamten Exportvolumens.

Der rasante Aufstieg hat zwei Gründe. Der erste ist der politische Umbruch. Nach 50 Jahren Militärdiktatur öffnet sich das Land seit 2011 zunehmend. Strenge internationale Sanktionen fallen seitdem Stück für Stück weg. Die neue Regierung will Investitionen in dem Land fördern und hat den Ausbau von Infrastruktur und Förderprogrammen versprochen. Der andere Grund: Es ist fast nirgends so günstig zu produzieren wie in Myanmar.

Einem Ranking der britischen Unternehmensberatung Maplecroft zufolge, die sich seit Jahren mit Südostasien beschäftigt, sind die Arbeitskosten in der ehemaligen Militärdiktatur die zweitniedrigsten der Welt. Nur das kleine Dschibuti am Horn von Afrika hat niedrigere Kosten. Der Mindestlohn, den die Regierung in Myanmar Ende 2015 eingeführt hat, beträgt 3600 Kyat - knapp 52 Euro im Monat.

Der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) zufolge liegt der Lohn vieler Menschen aber bei 5400 Kyat pro Tag. Das liege daran, dass die Menschen statt acht oft zehn Stunden arbeiten. Zudem werde auch an Samstagen gearbeitet und der Sonntag werde bezahlt. Damit kämen die Arbeiter monatlich auf einen Lohn von knapp 100 Euro.

In anderen Ländern, in denen viele Textilien exportiert werden, sind die Löhne höher. In Kambodscha beispielsweise liegt bereits der Mindestlohn für eine 40-Stunden-Woche bei 124 Euro und in Vietnam bei 117 Euro im Monat. Lediglich der Mindestlohn in Bangladesch ist mit durchschnittlich 57 Euro ähnlich niedrig wie in Myanmar. Legt man die Rechnung der DIHK zugrunde, wären auch die Löhne in diesen Länder höher.

Hinzu kommen weitere Vorteile für die großen Textilkonzerne in Myanmar. Sie profitieren unter anderem von dem Projekt "Everything but Arms" ("Alles außer Waffen"), das die EU ins Leben gerufen hat. Die Initiative will wirtschaftlich schwächere Länder fördern und erlässt ihnen deswegen jegliche Importzölle. Auf der Liste der geförderten Länder stehen sowohl Myanmar als auch Bangladesch. Zum Vergleich: Importieren die Konzerne T-Shirts aus Vietnam, fielen dafür zwölf Prozent an Zollgebühren an.

Die günstigen Kosten sind Ryan Aherin zufolge, Analyst für Südostasien bei Maplecroft, extrem wichtig. Gerade die Produktion aus Kambodscha, Thailand oder auch China würden sich nach Myanmar verlagern, sagt der Südostasien-Experte.

Dabei nehmen die Firmen einiges in Kauf. "Die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in Myanmar sind so schlecht wie sonst fast nirgends", sagt Aherin. Kinderarbeit, Zwangsarbeit und die Diskriminierung von Minderheiten seien üblich. 2015 veröffentlichte die Hilfsorganisation Oxfam einen Bericht über die Bedingungen vor Ort. Darin heißt es: "Die Beschäftigten müssen zu Hungerlöhnen arbeiten und erleiden häufig Arbeitsunfälle, weil in vielen Fabriken grundlegende Sicherheitsregeln verletzt werden."

Trotzdem beschäftigen große Firmen wie H & M, C & A oder Jack Wolfskin Zulieferer in Myanmar. Sie alle betonen, dass sie sich an strikte Standards halten. Kinder- oder Zwangsarbeit sei inakzeptabel. Investieren würden sie gerade, weil das Land nach dem politischen Umbruch noch am Anfang stehe. Damit könne man positiven Einfluss auf die Bedingungen nehmen. Jack Wolfskin etwa schreibt: "In Myanmar haben wir die Chance, aktiv daran teilzuhaben, dass die Arbeitsbedingungen von vornherein als eine wichtige Säule der Geschäftsbeziehung verstanden werden." Das betonen auch C & A und H & M. Sie alle haben groß angelegte Projekte für eine nachhaltige Produktion in Myanmar gestartet. Doch ob die angestoßenen Projekte auch in der Praxis greifen, ist unklar, sagt Analyst Aherin. Denn ob die hohen Standards der Firmen auch wirklich eingehalten werden, sei kaum überprüfbar. Unabhängige Prüfer würden geschmiert. Die Korruption sei allgegenwärtig. "Das Land ist in seiner Entwicklung da, wo Vietnam vor 20 Jahren war", sagt Aherin. Ob Myanmar es schafft, schnell bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, sei jetzt noch schwer zu sagen. Selbst wenn - dauere es bis dahin noch, glaubt Aherin. Und auch das hätte Konsequenzen. Denn wenn dadurch die Kosten steigen, wandern die Firmen meist wieder ab. Diesen Prozess habe man bereits in China und Thailand gesehen, sagt Aherin. Und in welches Land dann? Aherin sagt: "Laos."