Textilbündnis Zäher Kampf gegen moderne Sklaverei

Mädchen arbeiten oft zu schlechten Bedingungen in Textilfabriken. Viele sind in Baracken untergebracht, die sie nicht verlassen dürfen.

(Foto: Jeff Holt/Bloomberg)

Die Organisation kommt mit der Arbeit kaum voran, Firmen legen sich quer.

Von Caspar Dohmen, Berlin

Das traurige Schicksal von 86 Mädchen im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu richtet den Blick auf unsägliche Arbeitsbedingungen in dortigen Textilbetrieben. Ihre Leichen seien allesamt in Unterkünften von Spinnereien gefunden worden, sagt Mary Viyakula von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Save. Sechs hätten angeblich Selbstmord begangen, nachdem sie vergewaltigt worden seien. Gründe für den Tod der anderen hätten die Behörden nicht genannt. Für die Aktivisten war es schon schwierig genug, überhaupt von diesen Todesfällen zu erfahren und Licht in die Arbeitsbedingungen zu bringen. 14- bis 18-Jährige würden gewöhnlich für drei Jahre angeworben und erhielten einen Lohn weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn für Lehrlinge. Sie schufteten "zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagte am Donnerstag die Wissenschaftlerin Anibel Ferus-Comelo, die gerade eine Studie zu dem Thema verfasst hat. Solche moderne Sklaverei ist in den südindischen Spinnereien weit verbreitet, die in der global vernetzten Textilindustrie eine wichtige Rolle spielen.

Indien hat die zweitgrößte Spinnerei-Industrie, 60 Prozent der dortigen Betriebe liegen in Tamil Nadu. Dort arbeiten schätzungsweise 400 000 Beschäftigte, etwa ein Drittel junge Mädchen, die von dem "Camp-Labour-System" betroffen sind, sich also nur in den Fabriken und den oft illegal errichteten Unterkünften aufhalten dürfen, und denen häufig selbst der Kontakt zu ihren Familien verboten wird.

Indische Gesetze verbieten solche Arbeitsverhältnisse, und Gerichte haben die lokale Regierung eigentlich schon 2008 dazu verpflichtet, die Bedingungen in den Fabriken zu untersuchen und offenzulegen. "Aber es geschieht nicht", sagt Karuppusamy Raman, Gründer der NGO Read, die sich für mehr Arbeitsrechte in der Textilindustrie einsetzt. Die internationalen Marken und Händler müssten hier Druck machen, beispielsweise verlangen, dass in den Spinnereien keine Minderjährigen mehr beschäftigt werden dürften.

Fairtrade entwickelte einen neuen Standard, doch bisher macht keine Modemarke mit

Große Hoffnungen setzt er deswegen auf die Bundesregierung und deren Textilbündnis. Deswegen ist die vierköpfige Delegation nach Deutschland gekommen, auf Einladung der NGO Femnet. Deren Gründerin Gisela Burckhardt gehört zu den drei NGO-Vertretern, die im zwölfköpfigen Steuerungskreis des Textilbündnisses sitzen, neben Vertretern der Unternehmen und Politik. Am Mittwoch diskutierten sie bei einer nicht öffentlichen Fachtagung unter anderem mit Vertretern von Otto, Tchibo, Kik, C&A und H&M über die Spinnereien.

Vor gut drei Jahren hat Entwicklungshilfeminister Gerd Müller das Bündnis angeregt. In diesem sei noch gar nichts passiert, kritisiert die Grünen-Politikerin Renate Künast. Sie hält den Ansatz grundsätzlich für untauglich, weil er auf Deutschland beschränkt und freiwillig sei. Burckhardt, seit Jahren in der Kampagne für saubere Kleidung engagiert, wirbt jedoch für Geduld. Bis Ende 2016 müssten alle Beteiligten aufzeigen, wie sie die Ziele des Bündnisses erreichen wollten. Vorher sei es zu früh, um über das Bündnis zu urteilen. Angesprochen auf den Austritt des noblen Allgäuer Sportartikelherstellers MDC aus dem Bündnis, reagiert sie harsch: "Das ist doch nur PR." Begründet hatte Geschäftsführer Michael Pfister den Abgang mit dem Beitritt des Discounters Primark zu dem Bündnis. Unternehmen wie Primark, Lidl, Kik, Aldi und Tchibo seien ursächlich verantwortlich für die Missstände, gegen die sich das Textilbündnis einsetzen wollte, so Pfister. Dass sie dennoch beigetreten sind, sei aus der Sicht von MDC Sportswear "Greenwashing". Weitere Austritte gab es jedoch nicht. Auch Vaude, einer der deutschen Vorzeigehersteller in puncto Nachhaltigkeit, hält ein breites Bündnis für den richtigen Ansatz.

Wie schwer sich Unternehmen mit konkreten Verpflichtungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen tun, erlebt gerade der faire Handel, der einen Textilstandard entwickelt hat. Vorgesehen ist unter anderem die Zahlung existenzsichernder Löhne binnen sechs Jahren entlang der Produktionskette. Nach Ansicht der Kampagne für saubere Kleidung greife dieser Standard zu kurz, unter anderem, weil Firmen einzelne Produkte auf fair umstellen könnten - und nicht ihre ganze Produktion. Aber selbst für diesen Standard gibt es kurz vor dem Start Anfang Juni noch keine Modemarke, die mitmachen will. "Weit gediehen" seien die Gespräche mit den Herstellern von Berufsbekleidung, sagt Dieter Overath, Vorstandschef der Organisation Transfair, die das Siegel vergibt. Er mahnte das Engagement der öffentlichen Hand an, sie könne beispielsweise Polizisten und Krankenschwestern fair einkleiden.

Die vier indischen Wissenschaftler und Aktivisten erleben, wie zäh Veränderungen auch in Deutschland vonstatten gehen.