Sven Giegold im Gespräch "Der Kapitalismus ist das zentrale Problem"

sueddeutsche.de: Sie sollen im ersten Semester festgestellt haben, dass Kapitalismus abzuschaffen Unsinn ist.

Die Retter vom Dienst

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Giegold: Das ist falsch. Ich war Anarchist, als ich 20 Jahre alt war. Und dass das Unfug ist, habe ich am Anfang meines Studiums verstanden.

sueddeutsche.de: Und der Kapitalismus darf bleiben?

Giegold: Der Traum von einer Welt, in der Wirtschaft nicht auf Konkurrenz basiert, den habe ich nicht verloren. Ich bin nach wie vor fasziniert von Genossenschaften, von sozialen Unternehmen, regionalen Wirtschaftskreisläufen, die nicht einfach dem Prinzip Profit folgen. Gleichzeitig weiß ich keine Antwort, wie man in einer großen und komplexen Ökonomie die menschlichen Bedürfnisse ohne Markt und Privateigentum an Produktionsmitteln organisieren kann.

sueddeutsche.de: Wenn es ohne Kapitalismus erst mal nicht geht, worum geht es dann?

Giegold: Moment, der Kapitalismus ist das zentrale Problem. Es geht jetzt darum, dass uns der Kapitalismus ohne soziale und ökologische Regeln nicht alle um die Ecke bringt. Das kann man mit Regeln lösen. Für trügerisch halte ich zu glauben, man könne den Kapitalismus einfach durch ein sozialistisches System überwinden. Die Diskussion um grundlegende Alternativen ist aber nicht beendet.

sueddeutsche.de: Dann bleibt ja nur die gute alte soziale Marktwirtschaft.

Giegold: Die alte soziale Marktwirtschaft ist auch gescheitert. Sie basiert auf der Unterdrückung der Frauen, der Zerstörung der Natur und geht auf Kosten der Entwicklungsländer. Wir brauchen einen neuen Kompromiss zwischen Demokratie und Markt.

sueddeutsche.de: Den grünen New Deal?

Giegold: In der Tat. Die Karten für eine Weltwirtschaftsordnung müssen neu gemischt und verteilt werden. Wir müssen in Zukunft die Grenzen der Natur achten - und gleichzeitig brauchen wir faire Spielregeln zwischen Nord und Süd. Ansonsten wird es keinen dauerhaften Frieden auf diesem enger werdenden Planeten geben.

sueddeutsche.de: Ist es da nicht schon fatal, wenn der Westen den Wohlstand auch nur halten will, den er sich auf Kosten der Südländer erarbeitet hat?

Giegold: Wir werden wesentlich besser leben, wenn wir keine Tropenwälder mehr abholzen lassen, damit wir mehr Fleisch essen können. Wir werden nicht mehr 100 Kilo schlechtes Fleisch essen, dafür vielleicht 50 Kilo gutes Fleisch im Jahr. Wir leben besser, wenn wir lange Strecken mit der Bahn, statt mit dem Auto fahren. Wir werden besser leben, wenn wir kleine Elektroautos etablieren. Das bedeutet: weniger Verkehrstote, weniger Luftverschmutzung. Unser Wohlstand wird sich in seiner Art verändern. Aber unterm Strich werden wir besser leben.

sueddeutsche.de: Wird das ein freiwilliges oder ein staatliches erzwungenes besseres Leben sein?

Giegold: Es wird ein durch demokratisch beschlossene, staatliche Regeln gestaltetes Leben sein.

sueddeutsche.de: Ist das nicht eine Bevormundung derer, die nicht der Mehrheitsmeinung angehören?

Giegold: Wir können nicht darauf warten, bis auch der letzte Ignorant freiwillig zu umweltfreundlichen Produkten greift.

sueddeutsche.de: Sie wollen die "Ökodiktatur", wie es die FDP Ihnen vorhält?

Giegold: Nein. In der Demokratie muss man über gesellschaftliche Mehrheiten versuchen, Regeln zu beschließen, die für alle gelten. Das ist auch ein Ausdruck von Freiheit. Aber es geht hier nicht nur um Verbote.

sueddeutsche.de: Worum dann?

Giegold: Um Anreize. Wer die Umwelt stärker belastet, soll mehr Steuern und Abgaben zahlen, als jemand mit einem klimafreundlichen Lebensstil. Wir sollten den Emissionshandel auch auf Öl und Gas ausdehnen. Wenn ein Elektroauto bei gleicher Leistung billiger ist, kauft niemand mehr einen Spritfresser mit Verbrennungsmotor.

sueddeutsche.de: Lässt sich Wohlstand sichern, wenn alle sparen?

Giegold: Ja. Dazu brauchen wir aber ein dritte industrielle Revolution, die es ermöglicht, mit weniger Naturverbrauch besser zu leben. Deutschland kann das Land sein, das die Technologien dazu liefert. Vor 15 Jahren habe ich übrigens noch geglaubt, das geht nur über den Weg des Energiesparens. Das glaube ich heute nicht mehr.

sueddeutsche.de: Das müssen Sie erklären.

Giegold: Die Natur stellt gewaltige Mengen an Energie zur Verfügung. Ob Solar- oder Windenergie, es sind längst nicht alle Potentiale ausgeschöpft. Meine Prognose ist: Wir werden energieeffizienter leben - aber die Menge benötigter Energie wird global wachsen und das geht auch auf Basis erneuerbarer Energien.

sueddeutsche.de: Dann könnten Sie ja an der Seite der FDP-Europa-Kandidatin Silvana Koch-Mehrin gegen das europäische Glühbirnen-Verbot kämpfen.

Giegold: Die FDP und Frau Koch-Mehrin wehren sich gegen technologische Innovationen. Das ist eine ganz neue Rolle für die FDP. Die FDP glaubt, wir hätten jede Menge Zeit, bis wir ein ideales Modell der CO2-freien Energieversorgung haben. Nein, wir müssen jetzt anfangen, darauf hinzuarbeiten. Wir können uns dabei nicht mehr leisten, nur die hübscheste aller Lösungen herauszupicken.

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