Streik für bessere Arbeitsverhältnisse Amazon liefert alles, nur keinen Tarif

Ein Logistikzentrum von Amazon. Verdi will für Mitarbeiter sichere Arbeitsverhältnisse durchsetzen.

(Foto: Johannes Simon)

Seit drei Jahren müht sich die Gewerkschaft Verdi, einen bindenden Vertrag durchzusetzen - vergeblich. Warum verweigert sich der Konzern den Regeln?

Von Max Hägler, Stuttgart

Immerhin, das Recht zum Protest haben sie, zumindest im Moment. Es ist noch nicht die endgültige Entscheidung in dieser Streitsache, aber die Gewerkschaft Verdi freut sich. Der Kampf dauert schon so lange, da sind kleine Erfolge wertvoll. Im Dezember hatte die Gewerkschaft vor den Toren des Amazon-Lagers in Pforzheim demonstriert: für sichere Arbeitsverhältnisse, gegen die Tarifflucht. Vor den Toren, das war jedoch immer noch auf dem Gelände des Konzerns, schließlich beginnt dort der Parkplatz. Ein illegaler Protest also, klagte Amazon. Doch das Landesarbeitsgericht Stuttgart gab dieser Tage der Gewerkschaft recht: Wäge man zwischen Hausrecht und Streikrecht ab, sei der Protest auf dem Firmenparkplatz nicht offenkundig rechtswidrig gewesen.

Seit drei Jahren dauert dieser Kampf von Verdi gegen Amazon. Nicht nur in Pforzheim, sondern deutschlandweit. Im Frühjahr 2013 versammelten sich vor den Toren des Lagers Bad Hersfeld damals erstmals deutsche Amazon-Beschäftigte und forderten: Der Konzern soll sich endlich Tarifverträgen unterwerfen. Etwa hundert Streiktage sind mittlerweile an den neun deutschen Standorten zusammengekommen. Doch ein Vertrag ist nicht in Sicht.

Es ist ein zäher Kampf, einer ohne Ende wie es scheint. Jedenfalls will Verdi nicht klein beigeben.

Eigentlich ist einiges bei Amazon bedenkenswert, auch neben der Tarifsache: die Marktmacht, die dazu führt, dass Amazon die Preise der Lieferanten diktiert. Die Datensammelei und die Vorwürfe, dass die Mitarbeiter allzu sehr am Arbeitsplatz überwacht werden. Aber Amazon macht das Einkaufen so einfach, dass selbst manche Kritiker hier shoppen gehen. Ein Klick - und morgen da. Knapp 300 Millionen Kunden hat Amazon auf der Welt, davon 25 Millionen in Deutschland.

Der Chef Jeff Bezos ist mittlerweile einer der reichsten Leute auf dem Planeten, sein Vermögen beläuft sich angeblich auf mehr als 50 Milliarden Euro. Als Nebenbeschäftigung übt er mit einer eigenen Rakete den Flug ins All. Ein mächtiger Chef, ein großer Gegner. "Amazon steht für den Versuch eines weltweit agierenden Konzerns, in großem Stil Tarifbindung zu verhindern", sagt Stefanie Nutzenberger, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand. Sie hat dabei vielleicht auch Paul Krugman im Ohr, den Wirtschafts-Nobelpreisträger, der sagt: Amazon gehöre zerschlagen. Wenn überhaupt jemand am Konzern kratzt, dann sind es die Gewerkschaften - und zuvorderst Verdi.

Ausgehend von der Zentrale am Berliner Ostbahnhof hat dazu auch eine weltweite Vernetzung begonnen; ein Höhepunkt: die Demo deutscher Gewerkschaftsvertreter vor der Konzernzentrale in Seattle. Dort in den USA sei die Lage für Amazon-Mitarbeiter mitunter sehr prekär, Arbeitnehmervertreter würden unterdrückt und der Konzern stufe sich dort als Händler ein, in Deutschland aber als Logistikunternehmen, sagt Hubert Thiermeyer, der seit 30 Jahren als Gewerkschaftssekretär in München Handelsthemen für Verdi betreut.

Es sollten sich nicht nur manche, sondern alle Unternehmen an die Regeln halten

So schlimm wie im Amazon-Heimatland Amerika sei es in Deutschland zwar nicht, aber dennoch brauche es feste Regeln. "Der Handel erfordert hohe Flexibilität, da stimmen wir Amazon zu", sagt Thiermeyer, "aber die Mitarbeiter müssen stabil im Leben stehen, um gut arbeiten zu können, deswegen brauchen sie tarifvertragliche Sicherheit, das sollte doch eigentlich einsichtig sein." Zudem gebiete es die Fairness gegenüber den anderen Händlern im Lande, dass alle dieselben Spielregeln einhalten.

Die Gewerkschaft liegt damit übrigens auf einer Linie mit dem Arbeitgeberverband, der allen seinen Mitgliedern die Tarifbindung empfiehlt. Unter anderem wegen des Betriebsfriedens. Und weil solche Verträge zum Fundament der sozialen Marktwirtschaft gehörten.

Indes verweigert sich Amazon, so beharrlich wie kaum ein anderes Großunternehmen, Wünschen wie diesen. "Wir konzentrieren uns darauf, dass die Kunden ihre Waren bekommen", heißt es auch drei Jahre nach den ersten Streiks aus der Deutschlandzentrale: "Unsere Gesprächspartner für Arbeitsbedingungen sind die Mitarbeiter und die Betriebsräte." In den vergangenen Monaten habe man mehr als 1000 feste Jobs zu guten Bedingungen geschaffen, der Lohn liege bei mindestens 10 Euro pro Stunde brutto. 11 000 Arbeitsplätze seien es mittlerweile, sagen sie bei Amazon. Mitarbeiter bekämen oft auch Aktien und Boni.

Tatsächlich sind die Verhältnisse nicht miserabel, aber Verdi reicht das nicht. Sie wollen beim größten Online-Händler die höchsten Standards durchsetzen: Aktien und Boni seien nett, aber die Angestellten könnten damit nicht sicher planen, weil derlei ohne Tarifvertrag in Windeseile wieder gestrichen werden könnte. Wobei Verdi sich darüber mit Amazon eigentlich gar nicht richtig streitet. Denn dazu gehören eigentlich immer zwei.

Amazon spricht gar nicht mit Verdi: Lahme Gewerkschaften, das passe nicht zur schnellen, globalen Online-Welt, so in etwa geht die Kritik. Zudem ist man in der Deutschlandzentrale pikiert über die Analyseschrift der linken Rosa-Luxemburg-Stiftung, in der die Autoren feststellen, dass die Streikenden ihrem Ziel bislang nicht "spürbar näher" gekommen seien und deswegen vorschlagen, eine Kampagne gegen Amazon zu fahren.

Der Konzern umging in den vergangenen drei Jahren die meisten Streikfolgen. Natürlich ist das Management genervt von Personalausfällen, auch wenn es offen niemand eingestehen würde. Aber dann wird eben umgeplant: Die Logistikzentren in Europa sind mittlerweile derart eng vernetzt, dass Ausfälle an einem Standort von den anderen aufgefangen werden können. Notfalls werden Aufträge einfach im benachbarten Ausland bearbeitet. Der Kunde merkt das meist nicht: den Streik nicht, das Umdisponieren nicht, sie bekommen recht pünktlich ihr Zeug. "Glatteis bereitet uns mehr Kopfzerbrechen als Verdi-Aktionen", sagte Deutschland-Chef Ralf Kleber im Winter.

Wie soll es nun weitergehen? Die Gewerkschaft will Amazon bezwingen, sie kann schon aus symbolischen Gründen den größten Online-Händler der Welt nicht einfach sich selbst überlassen, zumal die Belegschaft durch die Proteste kleine Fortschritte erreicht habe, wie Verdi betont: Nun gebe es Betriebsräte an allen Standorten oder mehr Weihnachtsgeld. Man wolle für Tarifverträge und faire Bedingungen weiterkämpfen - mit Streiks, die "kein Selbstzweck" seien, sagt Verdi-Vorstand Nutzenberger. Mit breiteren Protestformen. "Wir werden die Politik konkret zu Aktionen auffordern", sagt Thiermeyer, "und wir werden stärker auf die Moral oder Unmoral des Konzerns eingehen."