Stadt, Land, Flucht Wider die Neubauten

Eigentlich gibt es genug Wohnraum in Deutschland. Er müsste nur effektiver genutzt werden. Wie kann das Land attraktiver werden?

Von Benedikt Müller

Wenn Daniel Fuhrhop von der Münchner Innenstadt gen Westen spaziert, ärgert er sich über den neuen Anblick. Zwischen Hauptbahnhof und Hirschgarten ziehen Bauträger auf alten Brachen und Bahngeländen neue Quartiere hoch. Sechs Büroetagen, ein Stück Wiese, vier Stöcke Wohnungen, alles nebeneinander. Einerseits neuer Wohnraum, den München dringend benötigt. Andererseits teure Bauklötzchen-Siedlungen, spotten Kritiker. Bis zu 11 000 Euro pro Quadratmeter kosten die Eigentumswohnungen. "Diese Form von Neubau ist weder sozial noch ökologisch", sagt Fuhrhop. Der Betriebswirt und Ex-Verleger setzt den Kontrapunkt zur Mehrheitsmeinung, hierzulande müsse unbedingt mehr gebaut werden.

Ein Ansatzpunkt: Eigentlich gibt es in Deutschland genug Wohnraum. Er müsste nur effektiver genutzt werden, oder er liegt am falschen Ort. 1,5 Millionen Wohnungen stehen bundesweit leer. Sie sind Zeugnis dafür, dass Ballungsgebiete und ländliche Regionen immer weiter auseinanderdriften. "Die Metropolen haben eine enorme Sogwirkung", sagt Harald Herrmann, Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Von 2008 bis 2013 ist die Bevölkerung in wirtschaftsstarken Städten wie München oder Frankfurt um sieben Prozent gestiegen. Universitätsstädte wie Münster und Darmstadt wachsen ebenso schnell. Gleichzeitig schrumpfen Gebiete, die sowieso schon dünn besiedelt sind. Binnen der fünf Jahre verloren Städte wie Hoyerswerda in Sachsen oder Eisenhüttenstadt in Brandenburg ein Zehntel ihrer Bevölkerung. "Die Sicherung gleichwertiger Lebensbedingungen wird in diesen Regionen eine der Hauptaufgaben sein", sagt Herrmann.

Bestehender Wohnraum sollte effektiver genutzt werden, fordern Neubau-Kritiker

Fuhrhop fordert, die Metropolen sollten nicht noch stärker um noch mehr Firmen werben. "Warum wird der Boom in den Städten noch angetrieben?", fragt er. Stattdessen müssten die Länder mehr für ihre ländlichen Gebiete werben, die Infrastruktur in Klein- und Mittelstädten ausbauen. Arbeitsplätze in der Verwaltung sollten besser dort entstehen als in den Großstädten, sagt Fuhrhop. Auch das BBSR befürchtet, ländlichen Regionen drohe eine Abwärtsspirale. Je mehr Menschen wegziehen, desto mehr Umsatz entgeht den lokalen Geschäften. Desto eher sinken Einkommen und Steuereinnahmen; die Region verliert noch mehr an Attraktivität.

Statt teurer Neubauten in den Städten fordert Fuhrhop, den bestehenden Raum besser zu nutzen. "Es gibt viele ältere Menschen, die alleine in großen Häusern wohnen und das gerne ändern würden." Statt Bauherren entgegenzukommen, sollte der Staat deshalb das Mehrgenerationen-Wohnen stärker fördern, sagt Fuhrhop. Oder Tausch-Plattformen, auf denen Suchende diejenigen finden können, die etwas Platz zu viel haben. "Dann bräuchte es keine neuen Apartment-Türme für Studenten."

Fuhrhop verdichtet seine These im Titel seines Buches: Verbietet das Bauen. Diese Provokation hat dem früheren Chef eines Architektur-Verlags so viel Aufmerksamkeit eingebracht, dass er nun regelmäßig mit Vertretern aus Politik, Architektur und Wohnungswirtschaft diskutiert.

Der Anblick neuer Bürotürme im Münchner Westen stört Fuhrhop übrigens besonders. Denn nirgendwo stünden so viele Büroflächen leer wie in München und Frankfurt. Ausgerechnet in den Städten, in denen der Bedarf an Wohnungen am größten ist.