Sicherheit Praktisch, aber gefährlich

Beim "Keyless-Go"-System braucht man keinen Schlüssel zum Türöffnen.

(Foto: oh)

Der ADAC hat bei einem Test an 20 Modellen herausgefunden, dass Autos mit schlüssellosem Zugang ziemlich leicht zu stehlen sind.

Von Thomas Harloff

Viele Autofahrer finden es praktisch, wenn sie die Tür ihres Autos öffnen und den Motor starten können, ohne einen Schlüssel zu brauchen. Dieses System nennt sich "Keyless Go". Der Schlüssel kann dabei in der Tasche liegen bleiben. Bei den meisten Automodellen kostet dieser zusätzliche Komfort einige hundert Euro Aufpreis. Was für den Fahrer bequem ist, birgt aber ein sehr großes Sicherheitsrisiko.

Der ADAC fand bei einer Stichprobe an 20 Automodellen heraus, dass solche schlüssellosen Zugangssysteme den Autodiebstahl enorm vereinfachen. Nötig seien dazu nur zwei Autodiebe, einfache elektronische Geräte als Reichweitenverlängerer sowie Schlüssel und Auto in der Nähe, um es zu öffnen, den Motor zu starten und so weit zu fahren, bis der Tank leer ist. Mit einem Materialaufwand von wenigen hundert Euro sei es seinem Team gelungen, die Funksignale der Autoschlüssel auf etwa 150 Meter zu verlängern, sagt Arnulf Thiemel vom ADAC - eine viel zu niedrige Hürde. "Wir verlangen ja nicht, dass ein Auto unter keinen Umständen zu knacken ist. Aber der Aufwand für Diebe sollte größer als der mögliche Gewinn sein, denn dann rechnet es sich nicht mehr."

Derzeit stimmt die Kosten-Nutzen-Rechnung offenbar in fast 18 000 Fällen. So viele Autos wurden den Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zufolge 2014 gestohlen. Der GDV musste dafür eine Entschädigungssumme von 262 Millionen Euro zahlen. Beide Werte liegen jedoch unter dem Vorjahresniveau. Die GDV-Statistik zeigt auch: Auf 1000 zugelassene Autos gerechnet, sind Autos der Marken Land Rover, Audi und BMW bei Dieben am beliebtesten. In absoluten Zahlen liegt Volkswagen ganz vorne. Obwohl BMW und Volkswagen also offensichtlich ein Diebstahl-Problem haben - auch ein 7er und ein Golf fielen im ADAC-Test negativ auf -, beschwichtigen die Hersteller. Man führe einen "Wettlauf der Technologien" gegen hochprofessionelle Kriminelle. Dabei hat der ADAC bewiesen, dass es mitnichten sündteure Hightech benötigt, um die nicht gerade billigen Automobile zu überlisten.

Auch die Versicherer scheinen das Thema nicht besonders ernst zu nehmen. Es sei zwar bekannt, "dass derartige Systeme anfällig sind", aber man verfüge über kein Datenmaterial, dass das Ausmaß genau beziffere. Dennoch beobachte man die Thematik weiter und hoffe, "dass eventuelle Sicherheitslücken möglichst bald geschlossen werden", sagte ein GDV-Sprecher.

Was die Versicherer aber nicht sagen: Doppelt unerfreulich ist ein Diebstahl per Keyless-Go-Überbrückung für den Besitzer. Denn er hat nicht nur den Ärger, dass sein Auto weg ist - er muss den Diebstahl der Polizei und seiner Versicherung plausibel erklären. Doch da das Auto bei dieser Methode nicht beschädigt wird, gibt es keinerlei Spuren. Die Folge könnten Fragen sein, ob man mit den Dieben nicht gemeinsame Sache gemacht habe, um sich etwa das Versicherungsgeld zu erschleichen.

Bislang fehlt noch der Druck, an der Situation etwas zu ändern. Die Hersteller verkaufen potenziell ein Auto mehr, die Versicherer können die Typklasseneinstufung eines oft geklauten Autos anheben und sich das Geld so zurückholen. Das größte Problem aber hat der Kunde, der seinen Autoschlüssel als Anti-Diebstahl-Maßnahme nur dreifach in Alufolie einwickeln oder ihn in einer Blechbüchse aufbewahren könnte.

Doch solche Methoden sind weder besonders praktikabel noch dauerhaft wirksam. Bleibt für Autokäufer derzeit nur eine effektive Lösung: Den Wagen ohne Keyless-Go-System nehmen. Das mindert zwar den Komfort, erhöht aber die Sicherheit - und macht das Auto obendrein noch günstiger.