RWTH Aachen Heimat der Streetscooter

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Aachen ist zum führenden Standort in der Entwicklung von E-Autos geworden. Das verdankt die Stadt der Uni - und einem Professor.

Von Benedikt Müller

Die ersten Arbeiter seiner neuen Fabrik hat Günther Schuh schon eingestellt. In der Halle der e.GO Mobile AG erproben die Beschäftigten den Fließbandbetrieb. Jede Woche laufen hier, in der Nähe der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen, zwei kleine Elektroautos vom Stapel. Im nächsten Frühjahr zieht die Produktion raus, in den Stadtteil Rothe Erde. Wo früher eine Bildröhrenfabrik stand, lässt Schuh derzeit die erste Fabrik von e.GO bauen. Alleine im nächsten Jahr will das Start-up 1800 batteriebetriebene Kleinwagen ausliefern, kündigt der Gründer an. 2019 sollen es schon 15 000 sein.

Raus aus der Uni, rein in die Praxis. Arbeitsplätze schaffen, Neuheiten verkaufen: Die Geschichte von e.GO zeigt, welchen Beitrag die RWTH Aachen für die Wirtschaft leisten will. Niemand verkörpert diesen Ansatz so sehr wie Günther Schuh, Professor für Produktionstechnik und mehrfacher Gründer. Ingenieurwissenschaftler sollten sich nicht mit dem reinen Erkenntnisgewinn zufriedengeben, sagt der 58-Jährige. "Wir müssen relevante Fragen der Gesellschaft beantworten und deren Probleme lösen."

Als drängendes Problem erachtet Schuh die Luftverschmutzung in Innenstädten. Weil Grenzwerte für Feinstaub oder Stickoxide überschritten werden, drohen Fahrverbote; mancher fordert den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. "Derzeit findet ein Frontalangriff auf die wichtigste Industrie dieses Landes statt", sagt Schuh. "Deshalb ist die Wissenschaft aufgefordert, der Wirtschaft und damit der Gesellschaft zu helfen."

Günther Schuhs Start-up e.GO bringt einen E-Kleinwagen für nur 12 000 Euro auf den Markt

Schuh pflegt eine ganz eigene Art, der Wirtschaft "zu helfen": Mit seinem Start-up e.GO will er einen Impuls für den Massenmarkt geben, sagt der Rheinländer, "auch wenn wir selbst ein Nischen-Player bleiben". Erstes Produkt der Firma wird der "Life": ein kleiner, rundlicher Dreitürer. Die Kraft seiner Batterie wird zwar nur für höchstens 190 Kilometer reichen. Doch dafür kostet der Stadtwagen nur knapp 16 000 Euro; nach Abzug der staatlichen Prämie bleiben knapp 12 000 Euro. Statt mannstarker Teams für Entwicklung und Design beschäftigt e.GO insgesamt nur etwa 180 Mitarbeiter.

Schuh ist ein Wiederholungstäter in Sachen E-Mobilität. Sein 40-Stunden-Job als RWTH-Professor war ihm nie genug. Erst gründete er nebenbei eine Softwarefirma. Dann entwickelte er Streetscooter, jene batteriebetriebenen Transporter, mit denen die Deutsche Post nun immer öfter Pakete zustellt. Als ihm die Post im Jahr 2014 das Unternehmen Streetscooter abkaufte, dachte Schuh: "Unsere Mission ist noch nicht beendet."

In der Region Aachen entstehen jährlich etwa 45 bis 50 Start-ups. Wie e.GO können sie sich auf dem Campus der RWTH Aachen niederlassen - einem Innovationszentrum nahe der Hochschule, das seit zwölf Jahren auf einer Fläche von mehr als 100 Fußballfeldern entstanden ist. Firmen und das Land NRW haben bereits eine halbe Milliarde Euro auf dem Campus investiert. Getüftelt wird an Antrieben, aber auch in der Biomedizin oder Energietechnik. Etwa 300 Unternehmen haben sich auf der Fläche niedergelassen, darunter Weltkonzerne wie Bayer.

Initiator des Campus war: Günther Schuh, dem die Idee eines "Engineering Valley" vorschwebt. "Zu fast jeder technischen oder wirtschaftlichen Frage soll man auf dem Campus innerhalb kürzester Zeit eine fundierte Antwort erhalten können", sagt Schuh. Und was haben die Studierenden davon? Sie finden Nebenjobs und danach dann Anschlussverträge in den Firmen. Bei e.GO etwa ist der durchschnittliche Beschäftigte 31 Jahre jung.

Obwohl das Start-up noch kein einziges Auto ausgeliefert hat, verzeichnet e.GO bereits 1600 Vorbestellungen für seinen "Life". Die meisten Käufer sind Privatleute; Schuh zielt aber auch auf Geschäftskunden wie Lieferdienste ab. Jüngst hat die Caritas 140 E-Autos für ihren ambulanten Pflegedienst bestellt. Damit leisten die Geschäftskunden einen Beitrag zur Emissionsminderung in der Stadt - und sind vor möglichen Fahrverboten gefeit.

Diese Wettbewerbsvorteile erhofft sich auch die Deutsche Post. Sie hat vor einigen Jahren entschieden, ihre Brief- und Paketzustellung nach und nach auf E-Fahrzeuge umzustellen. Doch das Angebot etablierter Hersteller war mau. Statt etwa bei Mercedes-Benz oder Renault zu bestellen, stieg der Konzern bei Streetscooter ein, der ersten Elektroauto-Gründung von Schuh. Die Aachener Entwickler sattelten daraufhin vom Privatfahrzeug zum Lieferwagen um.

Die Deutsche Post baut neben Aachen eine zweite Fabrik für ihre batteriebetriebenen Laster

Heute ist Streetscooter eine hundertprozentige Tochter des Post-Konzerns - und ein führender Hersteller batteriebetriebener Nutzfahrzeuge. Neben dem Stammwerk in Aachen eröffnet die Post nächstes Jahr ein zweites Werk im 40 Kilometer entfernten Düren. "Wir brauchen eine größere Produktionsbasis, um alle Bedürfnisse zu decken", sagt Konzernvorstand Jürgen Gerdes. Mittlerweile setzt die Post etwa 3500 Streetscooter ein. Zudem vertreibt der Konzern bereits in diesem Jahr Hunderte Wagen an Handwerksbetriebe oder städtische Unternehmen.

Das Land Nordrhein-Westfalen ist stolz auf die Auto-Innovationen aus Aachen. "Die Spin-Offs der RWTH bringen etablierte Hersteller in Bedrängnis", sagte jüngst Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart. Der FDP-Politiker ist den e.GO "Life" schon gemeinsam mit Schuh Probe gefahren. "Die Elektromobilität wird nur zünden, wenn sich auch Bürger mit normalem Einkommen Elektroautos leisten können", so Pinkwart. e.GO will in den nächsten Jahren weitere E-Fahrzeuge auf den Markt bringen: 2019 einen Kleinbus, der in Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzern ZF Friedrichshafen entsteht, anschließend einen Mittelklasse-Wagen. "Unser Ziel ist, dass wir zu den fünf größten E-Autoherstellern des Landes gehören", kündigt Schuh an.