Robert Bosch Mal ohne Krawatte

Arbeiten an der Zukunft: Ein hochauflösender Bildschirm im Forschungscampus des Zulieferer-Konzerns in Renningen.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Der Zuliefererkonzern Bosch macht gute Geschäfte. 70,6 Milliarden Euro Umsatz waren es 2015. Die Chefs geben sich neuerdings betont locker.

Von Max Hägler, Stuttgart

Im Grunde genommen präsentieren sich die Manager von Bosch an diesem Abend richtig selbstbewusst und, ja, locker. Man will sagen: irgendwie unschwäbisch. In ihren neuen, riesigen Forschungscampus in Renningen nahe Stuttgart hat Bosch in diesem Jahr geladen, um die vergangenen zwölf Geschäftsmonate zu analysieren. Aus der durchaus intimen und manchmal auch ein wenig steifen Runde im Kaminzimmer der Villa von Firmengründer Robert Bosch in Stuttgarter Halbhöhenlage, ist damit ein beinahe lässiges Zusammenkommen geworden: In einem "Kreativzimmer" im zwölften Stock sitzen an diesem Abend Volkmar Denner und seine fünf wichtigsten Geschäftsführerkollegen beisammen, es soll ein bisschen nach Silicon Valley wirken, wahrscheinlich.

Ohne Krawatte, das gab es noch nie, präsentieren sie große Zahlen: 70,6 Milliarden Euro Umsatz machte der schwäbische Technikkonzern im vergangenen Jahr, ein Sprung um zehn Prozent, weil die große Hausgerätemarke Bosch-Siemens-Hausgeräte, kurz BSH, nun vollständig eingerechnet ist ins Geschäft, nach der Komplettübernahme von Siemens.

Mit diesem Umsatz, 375 000 Mitarbeitern und einem Vorsteuerergebnis von etwa fünf Milliarden Euro sind die Schwaben nun beinahe auf Augenhöhe mit dem wohl bedeutendsten Imageträger der Technikbranche, mit Siemens. Und reden mittlerweile ganz stolz darüber, auch das gab es früher nicht bei diesem lange völlig verschlossenen Konzern: "Welches Unternehmen kann das Auto nicht nur zum persönlichen Assistenten, sondern zur Haushaltshilfe machen, die von unterwegs schon mal die Heizung anschaltet und den Backofen vorwärmt?", fragt Denner. Zufrieden ist er, dass die Erfinderfirma der Zündkerze mittlerweile nicht mehr nur Mechanik kann, sondern auch Software. Alles gut. Eigentlich. Bis auf die Tatsache, dass 2016 kein einfaches Autojahr werde; höchstens ein mäßiges Wachstum von einem Prozent erwartet der weltgrößte Autozulieferer. Und bis auf diese Sache mit dem Diesel.

Diesel, das ist gerade ein schwieriges Thema bei den Schwaben. Bosch ist einer der wichtigsten Entwickler und Zulieferer dieser Technik und hat in einen Teil der manipulierten Volkswagen-Autos Steuerungen zugeliefert. Bosch ist derzeit im Fokus der Stuttgarter Staatsanwaltschaft und der US-Ermittler, was sie ärgert; sie selbst haben, unterstützt von externen Rechtsanwälten, eine Untersuchungseinheit gebildet. Über ein Zwischenergebnis wollen sie jetzt noch nicht reden, nur so viel: Den Überblick über komplexe Motor- und Abgassysteme habe "nur einer", sagt Denner: der Hersteller. Also VW.

Der Konzernchef stellt Dekra und TÜV infrage - und fordert bereits Alternativen

"Das ist kein Dieselgate", beschwören Denner und sein Autosparten-Chef Rolf Bulander jedenfalls: "Das ist das Fehlverhalten einer Firma." Es dürfe jetzt nicht die gesamte Technik diskreditiert werden, gehe es doch um 50 000 Mitarbeiter, die bei Bosch im Dieselbereich arbeiten, etwa in Stuttgart-Feuerbach Injektoren fertigen. "Wir machen uns gewisse Sorgen", sagt der Chef, auch wenn man das in den Zahlen noch nicht sehe. Dabei sei der Vorwurf "Dreckschleuder" ungerecht, das Gegenteil sei richtig: Die neuen Diesel, die mit ihrer Technik ausgestattet seien, das seien sogar richtige "Luftreinigungsmaschinen". In Paris hätten sie das unlängst getestet: Vorne 100 Teile Feinstaub, hinten kommen nur noch zehn raus. Und auch da ärgert sich Denner: es seien mehr Fürsprecher pro Diesel im Land nötig, aus Politik und Wirtschaft.

Die Schwaben versuchen es derweil mit einer Vorwärtsverteidigung, eine Methode dabei: Vertrauen wiederherstellen, auch auf Kosten früherer Partner. Unangekündigte Abgastests "wie Dopingkontrollen" seien nun vonnöten, sagt Denner. Dabei müsse diskutiert werden, ob die bisherigen Kontrollinstitutionen Dekra und TÜV wirklich unabhängig seien, oder nicht - und ob vielleicht neue Verbände, vielleicht Umweltorganisationen, die Abgaskontrollen übernehmen sollten. Da würde man einen großen Schritt nach vorne machen, sagt Denner.