Nichts ist so gefährlich wie zu viele Worte über die Rezession. Spätestens jetzt sind Lösungen gefragt, sonst nichts.
Dass sie kommt, hatten alle erwartet. 2009 werde es eine Rezession in Deutschland geben, das sagten die Wirtschaftsexperten unisono mit ernster Miene voraus. Das gibt guten Stoff für Auftritte in Fernsehsendungen, man kann wieder die geringe Innovationskraft der Wirtschaft beklagen und sich über die fehlende Weitsicht von Automanagern verbreiten. Wenn eine Rezession droht, ist das gut fürs Geschäft von Wirtschaftsweisen.
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Einkaufen in Deutschland: Nach wie vor ein potentieller Wachstumsmarkt (© Foto: dpa)
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Nun ist sie aber schon da, die Rezession. Nur einen Tag nach dem Auftritt des Sachverständigenrates ist dessen Prognose schon wieder Makulatur. Nicht 2009 wird die Wirtschaft schrumpfen, in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen 2008 gab es bereits Negativwachstum. Nun werden die Damen und Herren Wirtschaftsweisen natürlich zu ihrer Verteidigung sagen, sie hätten da eine andere Definition. In ihrer Lesart würde man erst von einer Rezession sprechen, wenn die Wirtschaft ein ganzes Jahr lang mit eingelegtem Rückwärtsgang unterwegs ist.
Und genau hier liegt das Problem. Nach den Zahlen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung könnte durchaus sein, dass man erst 2009 von einer ausgewachsenen Rezession sprechen kann. Das ist aber so, als würde man erst mal das Kind gemächlich in den Brunnen fallen lassen, um dann zu konstatieren, dass es in den Brunnen gefallen ist. Anders gesagt, ist es herzlich egal, ob und wann Ökonomen von einer Rezession reden. Dass sie jetzt schon klar erkennbar ist, ist nur ein weiterer Indikator dafür, dass die deutsche Wirtschaft vor immensen Herausforderungen steht, die weit über die eigene Volkswirtschaft hinausgehen.
Herausforderungen wohlgemerkt, nicht Probleme. Anstatt mit bedenklicher Miene über die real existierende Rezession zu reden, müssen jetzt sehr schnell Lösungen gefunden werden. Und diese sollten sich bei einem Exportweltmeister nicht auf die eigene Volkswirtschaft beschränken.
Die größte Herausforderung in wirtschaftlichen Krisenzeiten ist die Suche nach Vertrauen. Unternehmer müssen - ganz egal wo auf der Welt - auf Gewinn und Wachstum hoffen können, damit sie Geld investieren, Mitarbeiter beschäftigen und diese ordentlich bezahlen. Dazu brauchen sie Kunden, die Geld haben und die Geld ausgeben wollen. Die gibt es - vielleicht weniger kaufkräftig - auch außerhalb der USA und Europa im Osten. China, Indien und die aufstrebenen Schwellenländer sind derzeit weit weniger krisengeschüttelt als die großen Industrienationen. Für diese Länder prognostiziert der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2009 immer noch ein Wachstum von fünf Prozent. Weil die Industrieländer so schlecht aussehen, werden diese Volkswirtschaften nahezu allein für das Wachstum der Weltwirtschaft verantwortlich sein. Die Herausforderung und die große Chance dieser Krise ist es, solche potentiellen Wachstumsmärkte durch den Abbau von Handelsschranken weiter zu entwickeln. Gerade Deutschland ist mit seiner Stärke im Maschinenbau bestens gerüstet, Pionierarbeit zu leisten.
Ein potentieller Wachstumsmarkt ist auch Deutschland selbst. Ein Zeichen der Hoffnung war es beispielsweise, dass der Dax am Donnerstagmorgen nicht wie der Dow Jones in den Keller gerutscht ist, sondern einen moderaten Anstieg verzeichnete. Anleger nutzten offenbar gerade die attraktiven Preise, um wieder Aktien zu kaufen. Auch Panik nutze sich ab, hieß es auf dem Parkett. Das ist jetzt die richtige Haltung.
Anders als in den USA, Großbritannien oder Spanien haben sich außerdem die deutschen Konsumenten nicht finanziell übernommen. Sie haben Milliarden Euro gespart, die sie bei guten Angeboten auch ausgeben werden. Aber diese Angebote müssen auch wirklich attraktiv sein. Da reicht keine Einzelmaßnahme eines Beteiligten. Wenn der Staat beispielsweise die Kfz-Steuer für den Kauf eines Neuwagens erlässt, ist das nicht genug. Autobauer und -händler müssen dieses teils kleine Steuergeschenk mit höchst attraktiven Angeboten garnieren, damit der Kunde auch wirklich jetzt zugreift. Damit sie das tun können, brauchen sie finanziellen Spielraum. Und hier kommen wieder die Banken ins Spiel, die sich gerade jetzt ihre verspielten Milliarden nicht durch höhere Kredizinsen zurückholen dürften.
Schon anhand dieses Beispiels wird ersichtlich, wie wichtig es in Krisenzeiten ist, dass alle Akteure ihr Bestes geben, um gemeinsam die Krise zu bewältigen. Es geht um Vertrauen und dieses ist insbesondere in Krisenzeiten extrem flüchtig und damit absolut wertvoll und schützenswert. Was immer Politiker tun können, um dieses Vertrauen - beispielsweise durch Verringerung der Lohnnebenkosten - zu bestärken, sie sollten es jetzt tun. Es wäre also hilfreich, mit dem Reden über die Rezession keine Zeit zu verschwenden, sondern jetzt laut über neue Marktchancen in der Krise zu reden und Vertrauen zu schaffen, wo es nur geht.
- Wirtschaftsabschwung Industrieländer taumeln in eine Rezession 13.11.2008
- US-Konjunktur Konsumenten im Käuferstreik 12.11.2008
- Steuerschätzung Fiskalische Wahrsagerei 05.11.2008
- Deutsche Konjunktur Land ohne Wachstum 03.11.2008
(sueddeutsche.de/mel/bgr)
Großprojekte in Berlin
jetzt von der Masse die wirtschaftliche Vernunft zu fordern, die die Eliten selbst jetzt noch nicht bereit sind einzugehen. Und dass Autos das Gebrauchsgut der Zukunft sein sollen, ist auch ein relativ unsinniges Argument.
Sie zeichnen ja ein düsteres Bild. Alles was vorgeschlagen wird ist Ihrer Meinung nach unnütz. Wie lautet Ihre Strategie eine bessere Welt zu schaffen?
Manche Mitarbeiter in den Redaktionen haben noch nicht begriffen, dass Besitz von Geld nicht gleichbedeutend ist mit Konsum. Sehr gut war die Bemerkung "Mitarbeiter beschäftigen und diese ordentlich bezahlen". Etwas was die neoliberale Wirtschaftsphilosophie in Deutschland jahrelang übersehen hat. Man hat auserdem noch die staatlichen sozialen Sicherungssysteme abgebaut was ja die Unsicherheit weiter erhöht und wundert sich nun, dass weder die Besitzenden- wollen ja ihr Geld mit maximalem Profit anlegen- noch die Mitbürger die noch Nachholbedarf haben sich am Konsum beteiligen.
So kommt weder die Binnenkonjunktur in Fahrt noch hat eine an Deutschland verschuldete Welt Bedarf an unseren Exportprodukten mangels finanzieller Masse.
Über Deinen Beitrag fiel mir der Satz ein, den ich vorher nicht richtig formulieren konnte:
Wer ein neues Auto bräuchte, kann sich schon lange keines mehr leisten, und wer es sich leisten könnte, braucht keines und kauft Automobilaktien.
So einfach ist die Wirtschaft
Kai Hamann
...ist dieser Kommentar zwar blind und taub aber dafür um so lauter. Wo unabhängige Sachverständige wie Albrecht Müller oder Joachim Jahnke (-bei Interesse mit diesen Namen "googlen") seit Jahren in ihren Internetportalen und Büchern genau dieses Szenario vor dem Hintergrund einer vollkommen verfehlten Wirtschaftspolitik hingewiesen haben, kommt man hier wieder mit den alten neoliberalen Parolen. Der Verweis auf ein statistisch vorhandenes Kaufkraftpotential lässt leider dessen tatsächliche Verteilung außer Acht... Deswegen wird die Konjunktur eben nicht durch deutsche Binnennachfrage gestützt werden können. Das der Casinobetrieb des "globalisierten" Finanzmarktes plötzlich nicht mehr so elementar bedeutsam für die Realwirtschaft sein soll, ist der einzig neue Vers im Lied... Dummerweise verbrennt hier das Geld, welches man in den letzten Jahrzehnten dem produktiven Teil der Volkswirtschaft entzogen hat, um es den Banken, Versicherungen und "Heuschrecken" zum Spielen zu geben. Der Durchschnittsverdiener in Deutschland verfügt über ein Einkommen dessen Kaufkraft unter gestiegenen Energiekosten, Extrabeitägen zu Krankenversicherung u. a. und "Lohnzuwächsen" unterhalb des Inflationsausgleichs arg geschrumpft ist. Warum treibt man ausgerechnet die MwSt hoch, und faselt dann von möglichen Steuererleichterungen...? Um aus vorgezogenen Anschaffungen einen nicht-existenten Aufschwung zu kreieren...? Und natürlich darf der Lieblingspopanz des neoliberalen Mainstreams nicht fehlen: die "Lohnnebenkosten"... Ach was solls, schlagt nach bei Müller: www.nachdenkseiten.de
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