Report Windmühen

Der Streit um die alternative Energieerzeugung spaltet Dörfer. Christoph Ewen vermittelt zwischen Befürwortern und Gegnern. Die einigen sich deshalb nicht unbedingt, aber aus Nachbarn sollen keine Feinde werden.

Von Christian Endt, Mahlstetten

Eine Frau erzählt von Kühen im Schwarzwald, die angeblich nicht mehr trächtig wurden, und Kälbern, die geschädigt auf die Welt gekommen seien. "Da wird die wirtschaftliche Existenz einer Familie gefährdet." Ein Mann hat von Nerzen auf einer Farm in Dänemark gelesen, die hätten sich gegenseitig totgebissen. Den lautesten Applaus erntet der Landwirt Volker Rieger, als er von einer "Vogelschredderanlage" spricht, die "gigantische Auswirkungen" habe.

Dabei wollen sie in Mahlstetten doch nur zwei Windräder aufstellen.

Je hitziger die Leute debattieren, desto ruhiger agiert Christoph Ewen. Er steckt die rechte Hand in die Hosentasche, schlendert langsam durch die Reihen, spricht mit leiser Stimme. "Es sollen jetzt auch mal die zu Wort kommen, die noch keine feste Meinung haben", sagt er. Ein bisschen erinnert Ewen an die besseren Zeiten von Thomas Gottschalk, als es diesem gelang, einen Abend lang zwischen dem Sofa mit Hollywoodstars und den Wettkandidaten aus Osnabrück hin- und herzugehen und überall den richtigen Ton zu treffen.

Mahlstetten, 879 Meter über dem Meeresspiegel auf der Schwäbischen Alb, 797 Einwohner, 22 Busminuten und viele enge Kurven von der Kleinstadt Spaichingen entfernt. Ein sehr kleiner und sehr freundlicher Ort; selbst die Jugendlichen, die sich mit ihren Mofas zum Rauchen an der Bushaltestelle treffen, grüßen jeden, der vorbeikommt. Das Vereinsleben brummt, die Wirtschaft auch. Neun Arbeitslose gibt es in der Gemeinde. Nicht neun Prozent, sondern neun Personen.

Alles war gut. Dann kamen die Windkraftpläne. Deshalb braucht Mahlstetten jetzt Hilfe von Christoph Ewen. Der 56-Jährige, groß, schmal, grauer Haarkranz, betreibt im hessischen Darmstadt ein Büro für Konfliktmanagement. Ewen und sein Team werden beauftragt, wenn Projekte auf Widerstand in der Bevölkerung stoßen: Irgendjemand will etwas bauen, ein anderer ist dagegen. Ewen versucht dann, zu vermitteln. Seine Firma hat bei Streit um Flüchtlingsunterkünfte moderiert, bei der seit vielen Jahren umstrittenen Güterzugstrecke durch das Rheintal, beim Bau von Straßen, Gewerbegebieten und Freizeitparks.

Besonders viel Arbeit hat Ewen seit Jahren mit Windenergie. Daher begegnen ihm immer wieder die gleichen Geschichten, von Bauruinen, verendeten Tieren und vom Infraschall, den niemand hören kann, der aber angeblich die Gesundheit schädigen soll. Belegen lassen sich die Fälle selten, aber ergoogelt sind sie schnell. Manchmal trifft er an verschiedenen Orten die gleichen Leute wieder - Gegner und Befürworter, sagt Ewen, Diskurs-Touristen, die von Ort zu Ort reisen und Stimmung machen.

Strom kommt nicht einfach aus der Steckdose und bald auch nicht mehr aus dem Atomkraftwerk. Wo der Strom stattdessen in Zukunft herkommt, das entscheidet sich in den Bürgersälen und Turnhallen der Republik. In Hetzerath in der Eifel, im mecklenburgischen Lübow, in Altendiez im Westerwald, im thüringischen Brüheim: Im ganzen Land rebellieren die Bürger gegen Windkraftpläne. Oft geht der Streit mitten durch die Ortschaft, entzweit Nachbarn und Arbeitskollegen. In Orten wie Mahlstetten steht oder fällt die Energiewende.

"Viele Bürger melden sich erst, wenn die Bagger rollen. Dann ist längst alles entschieden."

In den vergangenen Jahren wuchs die Erzeugung von Windenergie in Deutschland kräftig. Inzwischen sind viele lukrative Standorte besetzt. Für weiteres Wachstum müssen die Windräder näher an die Siedlungen heranrücken. Zugleich erschließen die Anlagenbauer auch Lagen mit schwachem Wind. Damit sich das rechnet, müssen sie entsprechend höhere Turbinen aufstellen. Zur Jahrtausendwende waren neue Anlagen im Durchschnitt 100 Meter hoch, im Jahr 2015 schon 174 Meter. Das verschärft die Konflikte.

Daher sind Moderatoren wie Christoph Ewen so gefragt. Zur Zeit ist er vor allem in Baden-Württemberg unterwegs. Die grün geführte Landesregierung will die Windkraft ausbauen, hat aber erkannt, dass sie das nicht gegen die Bevölkerung durchsetzen kann. Dass sie, wie es so schön heißt, die Leute mitnehmen muss. So entstand das Projekt "Forum Energiedialog". Bürgermeister können bei Bedarf Christoph Ewen oder einen anderen Streitschlichter hinzuziehen, die Kosten trägt das Land.

Illustration: Stefan Dimitrov

"Ich versuche, die Blockaden aufzulösen, sodass es zu einer Entscheidung kommen kann", sagt Ewen. "Egal, in welche Richtung." Ewen moderiert nicht nur Diskussionsrunden. Vor allem berät er die Kommunen, wie sie die Bürgerbeteiligung überhaupt organisieren. "Viele Bürger melden sich erst, wenn die Bagger rollen. Dann ist längst alles entschieden", sagt er. "Mein Ziel ist es, rechtzeitig eine Dramaturgie aufzubauen." Dazu gehören kleine und große Veranstaltungen, Flugblätter, Internet- und Pressearbeit.

Auf dem Gebiet der Gemeinde Mahlstetten plant die Firma Enercon den Bau von zwei Windkraftanlagen. Die infrage kommenden Grundstücke gehören der Gemeinde, Enercon möchte sie gerne pachten. Bürgermeister Helmut Götz, ein CDU-Mitglied, macht zumindest vorsichtig Werbung für das Projekt. Bevor er eine Entscheidung trifft, will er aber die Meinung der Bevölkerung hören. Darum stehen er und Ewen nun in der Turnhalle. Die wurde vor ein paar Jahren renoviert, die Spielfeldlinien auf dem Boden leuchten in kräftigen Farben. An sonnigen Tagen bringt eine Glasfassade von Südosten her viel Licht in die Halle. Doch an diesem Abend im Spätherbst ist es draußen dunkel, kalt und neblig. Die Mahlstettener stapfen in bunten Outdoorjacken durch die Tür.

Es kommen viel mehr als erwartet.

Bevor es losgeht, muss der Hausmeister zusätzliche Stühle aufstellen. Als der Bürgermeister zur Begrüßung ansetzt, sitzt jeder sechste Mahlstettener in der Halle. Ewen trägt Jeans, ein rosa Hemd, darüber Cordsakko. So will der Konfliktberater seine Neutralität betonen: nicht zu schick, nicht zu leger. Er versuche, "kulturell genau in der Mitte zu stehen".

"Man soll sagen: Das Verfahren war fair, ich kann die Argumente der Gegenseite nachvollziehen."

Mit passender Kleidung allein ist so ein Abend freilich nicht zu gewinnen. Aber was bedeutet Gewinnen überhaupt? "Die Leute werden vielleicht nie akzeptieren, dass ihnen ein Windrad vor die Nase gesetzt wird", sagt Ewen. "Das ist auch völlig okay. Aber sie sollen sagen: Das Verfahren war fair, ich kann die Argumente der Gegenseite nachvollziehen." Nachbarn sollen über den Streit nicht zu Feinden werden.

Den Hausmeister hat Ewen gebeten, für die Versammlung keine Bühne aufzubauen. Politik und Behörden stehen sowieso im Verdacht, über die Köpfe der Leute hinweg zu entscheiden. Wenigstens an solchen Abenden sollen sie dem Volk auf Augenhöhe begegnen. "In Stuttgart wird entschieden", sagt Ewen zur Begrüßung, "und im ländlichen Raum entstehen Windenergieanlagen." Die Landesregierung wisse, was sie den Leuten damit zumute.

Christoph Ewen hat Dutzende solcher Konflikte erlebt. In den 1980er-Jahren sei er "ein bisschen Teil der Umweltbewegung" gewesen. Nach dem Studium arbeitet der Bauingenieur fünfzehn Jahre beim Öko-Institut, wo er Bürgerinitiativen gegen Mülldeponien mit wissenschaftlichen Gutachten versorgt. "Da habe ich Streiterfahrung gesammelt", sagt er, "und erlebt, wie es ist, auf einer Seite des Konflikts zu stehen." Einen festen Ausbildungsweg für solche Streitschlichter gibt es nicht.

Häufig haben sie einen technischen Hintergrund, zusätzlich Erfahrung im sozialen Bereich. Seit 2003 leitet Ewen sein eigenes Büro in Darmstadt, im beschaulichen Stadtteil Bessungen. Mit seiner Familie wohnt er auf demselben Grundstück, der Innenhof dazwischen ist von Blauregen überwachsen. Drinnen knarzen die Holzböden, im Regal stehen Bücher mit Titeln wie "Wahnsinn Wachstum" und "Soziale Ökologie". Von hier aus reisen Ewen und acht Mitarbeiter zu den Konflikten der Republik.

In Mahlstetten spricht nach Ewen und dem Bürgermeister zunächst Heiko Rüppel von Enercon. Die Firma bezeichnet sich als Marktführer in Deutschland und hat weltweit 26 000 Windräder aufgestellt. Damit in Mahlstetten nochmals zwei dazukommen, wirbt Rüppel gut vorbereitet und mit viel Charme für das Projekt, spricht von einem "echten Bürgerwindrad"; die Gemeinde solle an den Einnahmen beteiligt werden, die Anwohner würden vergünstigten Strom bekommen. Rüppel zeigt aber auch Bilder, in die Enercon die geplanten Windräder hineinmontiert hat. Sie sollen zwei Kilometer außerhalb des Dorfs stehen und würden im Ortsbild dennoch den Kirchturm überragen. Rüppel redet eine Viertelstunde, im Saal rührt sich nichts. Am Ende bekommt er Höflichkeitsapplaus.

"Wer sich positiv äußert, wird oft angegriffen. Mit der Zeit entsteht so eine Schweigespirale."

Dann befragt Ewen Fachleute aus verschiedenen Behörden, um die gängigen Fragen rund um Windkraft zu beantworten: Wie funktioniert das Genehmigungsverfahren? Ist Infraschall gefährlich? Was machen die mächtigen Rotoren mit Vögeln und Natur? In Mahlstetten ist Letzteres ein Thema. Die geplanten Standorte der Windräder liegen in einem Vogelschutzgebiet.

Nach einer Dreiviertelstunde öffnet Ewen die Debatte. Die meisten Fragen leitet er an die zuständigen Fachleute weiter, fragt höchstens noch mal nach, wenn die zu kompliziert reden. Es melden sich aber nicht nur Leute, die Fragen haben, sondern auch jene, die ihren Unmut zum Ausdruck bringen wollen. Manche von ihnen sagen, sie stünden "der Windkraft eigentlich positiv gegenüber", aber verstehen nicht, "warum das ausgerechnet hier sein muss". Da fällt es auch Ewen schwer, eine konstruktive Debatte in Gang zu halten.

Als Ewen am Anfang fragte, wer schon eine feste Meinung zu den Plänen habe, blieben fast alle Hände unten. Aber jetzt melden sich fast nur entschiedene Gegner der Windkraft zu Wort. "Wer etwas verhindern will, ist immer lauter", sagt Ewen. "Wer sich positiv äußert, wird oft angegriffen. Mit der Zeit entsteht so eine Schweigespirale."

Eine Gegnerin hat Karteikarten mit in die Turnhalle gebracht, durchnummeriert von eins bis zehn und sorgfältig beschrieben mit Stichworten wie Flora und Fauna, Gesundheit, Mensch und Natur. Und doch gelangt die Debatte immer wieder zum gleichen, viel profaneren Argument. "Da oben kann man so schön spazieren gehen", sagt ein Mahlstettener. "Warum muss das hier sein?", fragt ein Zweiter. Und ein Dritter schlägt vor, stattdessen zwei weitere Windräder an der Ostsee aufzustellen, da gebe es ja eh schon Hunderte.

"Was viele Leute wirklich nervt, ist nicht genehmigungsrelevant: die Veränderung der Landschaft, die Angst, ihre Heimat nicht wieder zu erkennen", sagt Ewen bei anderer Gelegenheit, zwischen zwei Terminen in seinem Škoda. "So schafft man oft eine Scheindiskussion über Rotmilane und muss endlos Gutachten hin- und herwälzen."

Zeit, einen der Kritiker zu besuchen. Auf zu Volker Rieger, der auf der Versammlung von der "Vogelschredderanlage" sprach. Rieger hat einen Hof südlich des Ortskerns, 900 Meter von einem der geplanten Windräder entfernt. Rieger hat Angst, dass die Windräder seinen Tieren schaden. Er ist mit Frau, Tochter und Sohn auf die Versammlung gekommen. "Ich werde die Windräder nie akzeptieren", sagt er. Zu Riegers Hof führt von Mahlstetten aus eine kleine Straße in Richtung Süden. Kurz nach dem Ortsende kommen am Horizont die Alpen in den Blick. Bei einem knorrigen Obstbaum geht es dann links weg, vorbei an einem kleinen Waldstück, es riecht nach frisch geschnittenem Holz.

An Eisenketten baumelt eine Tafel mit der Aufschrift "Rieger-Hof - Bio-Rindfleisch und Pferdepension". Die 58 hellbraunen Rinder und die 12 Pferde, von ihren Besitzern gegen Gebühr auf Riegers Hof untergebracht, sind die Einnahmequellen der Familie. Nebenbei halten die Riegers außerdem: zwei Esel, zwölf Ziegen, zehn Hühner, sieben Enten, fünf Gänse, zehn Tauben, drei Pfaue, einen Truthahn, ein Lama, zwei Alpakas, drei Hunde und eine Katze. In einem kleinen Gehege grunzen zwei schwarz-rosa gescheckte Schweine vor sich, daneben wühlt ein zotteliger Eber in einem Matschloch. "Des isch unser Fritz", sagt Volker Rieger, "da hat mal ein Tierpark angerufen, die haben zugemacht und fragten, ob ich vielleicht Verwendung für ein Hängebauchschwein hätte."

Die Tiere sind für Rieger Beruf, Hobby und Lebenstraum. Er hat 22 Jahre lang im Finanzamt gearbeitet. "Das hat mir aber keinen Spaß gemacht." Landwirt war er lange nur nebenher, hat auf seinen Wiesen Heu gemacht und es an andere Bauern verkauft. Irgendwann traut sich Rieger, gibt den Beamtenstatus auf und steigt in die Viehzucht ein. Sein Traum ging in Erfüllung. Ein Traum, den er durch die Windräder bedroht sieht. Vor fünf Jahren hat er ein Blockhaus gebaut, mit Wetterhahn auf dem Dach und Whirlpool auf der Terrasse. "Ab und zu sitze ich da abends drin und schaue die Sterne an. Da würde ich dann die Windräder blinken sehen."

Der Rinderzüchter steigt in seinen Geländewagen und fährt den schmalen Feldweg entlang, zum kleinen Wald auf dem Hügel, wo das Windrad gebaut werden soll. Damit der Schwertransport mit dem Mast durchkommt, müsste die Straße auf vier Meter verbreitert werden, Dutzende Fahrmischer mit Beton für das Fundament würden am Bauernhof vorbeirattern. Oben im Wald bleibt Rieger stehen, schaut durchs Schiebedach hoch in den Himmel. Er versucht sich vorzustellen, wie weit die Windräder über die Bäume hinausragen würden, und schüttelt den Kopf.

Als Volker Rieger wieder auf seinem Hof steht, fährt ein Nachbar vorbei. "Der ist auch dagegen", sagt Rieger. Der Landwirt teilt sein Umfeld in Befürworter und Gegner der Windräder. Ein Freund sitze im Gemeinderat und unterstütze die Windenergie. "Das belastet die Freundschaft schon." Volker Rieger und seine Mitstreiter sind gerade dabei, eine Interessensgemeinschaft gegen Windkraft zu gründen.

Christoph Ewen hat sich kurz vor Weihnachten mit dem Gemeinderat getroffen, um eine Strategie zu besprechen. Nun will der Gemeinderat mit den Bürgern zu einem bestehenden Windrad in der Gegend fahren und mit den Anwohnern sprechen. "Wichtig ist, dass der Ausflug weder verharmlost noch Panik erzeugt", sagt Ewen. Später könnte es einen Bürgerentscheid geben.

Wäre es nicht das Beste, das Windkraft-Projekt zu begraben, des Dorffriedens wegen? "So einfach können wir es uns nicht machen", sagt ein Mitglied des Gemeinderats, "uns wegducken, nur weil das Thema unbequem ist. Da hätten wir gar nicht erst zur Wahl antreten brauchen."