Radikaler Sparkurs Eon plant Stellenabbau

Fukushima brachte die Wende: Seit der Katastrophe in Japan hat sich für den Energiekonzern Eon die Welt dramatisch verändert: Das Ende der Atomkraft in Deutschland wird den Konzern Milliarden kosten. Jetzt plant der Konzern einen strikten Sparkurs: Hunderte Stellen sollen gestrichen, Standorte aufgelöst und Unternehmensteile verkauft werden. Schon hat der russische Energiegigant Gazprom Interesse angemeldet.

Von Markus Balser

Das Datum hat sich eingebrannt. Wenn Johannes Teyssen vom 11. März spricht, ist die Tonlage tief, die Stimme angespannt. Es ist der Tag, der die Welt des Eon-Chefs in davor und danach spaltet. Als über dem japanischen Unglücksreaktor von Fukushima die ersten Rauchsäulen aufstiegen, begann jene Kettenreaktion, die seine Welt binnen Tagen aus den Angeln hob. Es war der Tag, an dem gleich mehrere Bundesminister als Atomkraftbefürworter aufstanden und als Atomkraftgegner einschliefen.

Wie sehr sich der Wind für die deutschen Energiekonzerne seither gedreht hat, wird in diesen Tagen in der Düsseldorfer Eon-Zentrale klar: Während der Streit um den Atomausstieg noch in vollem Gange ist, treibt Vorstandschef Johannes Teyssen hinter den Kulissen eine Zeitenwende voran. Der größte Energieversorger Deutschlands geht auf Sparkurs und verschreibt sich einen so radikalen Umbau, wie es ihn bei Eon noch nicht gegeben hat.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung sollen die einflussreichen Töchter Eon Ruhrgas in Essen, Eon Energie in München und das von Hannover aus gesteuerte Kraftwerksgeschäft als eigenständige Unternehmen aufgelöst werden. Der seit dem Atomausstieg zum Sparen gezwungene Konzern will so viele hundert Stellen streichen.

Die Eon-Spitze drängt aufs Tempo

Doch das könnte erst der Anfang sein. Eon plane zudem den Verkauf von Unternehmensteilen und sei bereit, Geschäftsfelder in Partnerschaften einzubringen, heißt es weiter. Interesse am Einstieg bei Eon hatte zuletzt der russische Rohstoffriese Gazprom angemeldet. Was nach dem Umbau bei den Töchtern übrig bleibt, wird in der Zentrale in Düsseldorf konzentriert.

Für Beobachter und selbst für hochrangige Manager kommt die Dimension des im Eilverfahren angekündigten Umbaus überraschend. So hatte die Gastochter Eon Ruhrgas mit 1800 Beschäftigten erst 2010 in Essen eine 200 Millionen Euro teure neue Zentrale bezogen. Doch die Pläne sind weit fortgeschritten, die Eon-Spitze drängt aufs Tempo. Das Konzept sei bereits im Vorstand beraten worden, ist zu hören. Ein Konzernsprecher wollte dies nicht kommentieren. "In Folge der erheblich veränderten Rahmenbedingungen prüfen wir mögliche Anpassungen der Strategie und der Aufstellung des Unternehmens", sagte er. "Entscheidungen sind noch nicht gefallen."

Doch der Druck wächst. Denn Eon wird doppelt in die Zange genommen durch den geplanten Atomausstieg der schwarz-gelben Bundesregierung und den Preisverfall bei Erdgas. Im einst sehr profitablen Gasgeschäft droht ein Milliardenverlust. Verhandlungen über Preisnachlässe mit dem mächtigen Lieferanten Gazprom blieben bislang erfolglos. Erst vor einer Woche hatte sich Eon-Chef Teyssen nach Informationen der SZ erneut mit der Gazprom-Führung getroffen, um die Eskalation des Streits vor einem Schiedsgericht in letzter Minute zu verhindern. Offenbar vergeblich.

Internationalisierung gerät ins Stocken

Das Aus für traditionsreiche Sparten wie die Tochter Ruhrgas, Westeuropas größten Erdgashändler, wäre ein historischer Einschnitt. Mit der Trennung von weiteren Bereichen würde sich das Unternehmen zudem endgültig vom Leitbild des integrierten Energiekonzerns verabschieden, der alles kontrollieren will - vom Kraftwerk bis zur Steckdose. Weiter benötigte Geschäftsbereiche der deutschen Töchter sollten auf bestehende oder neue Gesellschaften in der Konzernzentrale übertragen werden. Ähnliche Modelle seien auch für ausländische Töchter geplant, heißt es aus dem Unternehmen. Schon in dieser Woche solle der Aufsichtsrat des Konzerns auf einer Sondersitzung über die Pläne beraten.

Auch die im Herbst als Befreiungsschlag gefeierte Internationalisierung von Eon gerät offenbar ins Stocken. Teyssen hatte den Einstieg in zwei globale Wachstumsmärkte angekündigt. Bis 2015 solle Eon mindestens 25 Prozent seines Ergebnisses außerhalb Europas erwirtschaften. Möglicherweise werde sich Eon nun auf einen neuen Markt konzentrieren, heißt im Konzern. Aus dem Aufbruch werde wohl ein Umbruch.

Für die einstigen Börsenstars der Energiebranche brechen harte Zeiten an. Noch im Herbst galten Teyssen und Co. als die einflussreichsten Manager des Landes. Mit öffentlichen Appellen trieben sie die Bundesregierung in der Debatte um längere Laufzeiten vor sich her. Seit Fukushima ist es umgekehrt. Von 17 deutschen Atomkraftwerken ist nur noch die Hälfte am Netz. Bis 2022 werden alle stillstehen. 22 Milliarden Euro Gewinn entgehen der Energiebranche.

Bei Eon sorgen die Umbaupläne bereits für große Unruhe. Dem seit Jahren auf Konsens bedachten Großkonzern droht erstmals heftiger Streit zwischen Management und Mitarbeitern. Gewerkschaften melden bereits Widerstand an: "Wir kennen keine konkreten Pläne. Aber es ist schwer vorstellbar, dass ein solches Konzept eins zu eins den Aufsichtsrat passieren kann", sagte ein Verdi-Sprecher am Sonntag.