Problemlöser "Der Red Adair von VW"

Auf das drohende Unheil in den USA hat Bernd Gottweis hingewiesen, der sich um die größten Probleme im Konzern kümmerte.

Von Klaus Ott

Als bei Volkswagen im September vergangenen Jahres die Affäre um manipulierte Abgastests losging, da saß in den Chefetagen in der Wolfsburger Konzernzentrale plötzlich wieder jemand mit am Tisch, der sich das alles wahrscheinlich gar nicht mehr hätte antun müssen. Der nach Angaben aus Unternehmenskreisen schon im Ruhestand weilte, nun aber helfen sollte, die Krise zu bewältigen. Bernd Gottweis, früherer Leiter des Ausschusses für Produkt-Sicherheit (APS) bei VW. Der APS gilt betriebsintern als "Feuerwehr" für Notlagen fast aller Art, und Gottweis wird in Wolfsburg der "Red Adair von VW" genannt.

Red Adair, das war jener legendäre Texaner, die spektakuläre Großbrände in aller Welt gelöscht hatte und dessen Leben mit Hollywood-Star John Wayne in der Hauptrolle verfilmt wurde. Gottweis als Retter in der Not, diese Aufgabe war aber selbst für den vermeintlichen Red Adair von VW eine Nummer zu groß. Kaum war der ehemalige APS-Chef reaktiviert worden, da musste Martin Winterkorn auch schon zurücktreten wegen der Abgas-Affäre. Mehr als elf Millionen Diesel-Fahrzeuge, bei denen Schadstoff-Messungen manipuliert worden waren, das war einfach zu viel. Da konnte selbst der Volkswagen-Feuerwehrmann Gottweis, der zuvor noch fast jedes Problem in den Griff bekommen hatte, nichts mehr ausrichten, nichts mehr löschen.

In dem mit Technikern und anderen Spezialisten besetzten APS landet alles, was größere Schäden zur Folge haben und den Wolfsburger Autokonzern mehr als nur ein paar Euro kosten könnte. Von reihenweise klemmenden Türschlössern bis hin zu Sicherheitsmängeln. Werden VW-Fahrzeuge in erheblicher Zahl in die Werkstätten beordert, um nachträglich Mängel zu beheben, dann war in der Regel der APS eingeschaltet.

Winterkorn beteuert, nichts von Manipulationen gewusst zu haben. Das ist aber wohl nicht der Punkt

Das sei alles "auf dem Schreibtisch von Gottweis gelandet", heißt es aus Konzernkreisen. Auch um die Abgas-Probleme beim Diesel, um die viel zu hohen Schadstoff-Emissionen, hat sich der APS gekümmert, wie sich nun herausstellt. Der Ausschuss für Produkt-Sicherheit und dessen Chef waren die richtige Instanz, um diese Missstände anzugehen. Gottweis wird bei Volkswagen als "offener, robuster Typ" charakterisiert. "Der riecht, wenn Unheil droht." Der APS-Chef habe Winterkorn immer offen auf Missstände angesprochen, und der Konzernchef habe eigentlich immer nachgehakt. Nur beim stark überhöhten Schadstoffausstoß bei den Diesel-Fahrzeugen soll dieses Zusammenspiel nicht funktioniert haben, und das soll nicht die Schuld von Gottweis gewesen sein. Der hatte Winterkorn schließlich schon im Mai 2014 auf die Probleme in den USA und mutmaßliche Nachforschungen der dortigen Behörden hingewiesen.

Da liefen die Manipulationen allerdings schon jahrelang, ohne dass die Notfall-Truppe vom der APS die drohende Gefahr erkannt hätte. Das Problem liegt, wie sich heute zeigt, noch eine Ebene tiefer. VW hat, wie das fast alle großen Unternehmen nach dem Schmiergeldfall Siemens getan haben, seine Compliance-Abteilung vorangebracht. Compliance, das bedeutet: Systematische Gesetzesverstöße wie Korruption, Betrug und ähnliches mehr zu verhindern oder zumindest schnell aufklären und dafür sorgen, dass dies nicht mehr vorkommt. Compliance, das bedeutete bei VW: Geldströme kontrollieren, um Finanzdelikte zu verhindern. Was die Techniker machten, war lange Zeit kein großes Thema bei Compliance.

Ein einziger Satz mit großer Sprengkraft. Wurde er einfach nur übersehen?

Eine der Lehren bei Volkswagen aus der Abgas-Affäre lautet: "Wir brauchen eine Technik-Compliance, wir brauchen Experten, die verstehen, was ein Defeat Device ist und so etwas erkennen können." Defeat Device, das ist die Software, mit der die Abgas-Messungen manipuliert worden waren. Als die internen Ermittler bei VW den Aufsichtsräten mit viel Geduld und vielen Schaubildern zu erklären versuchten, was da vorgegangen war, verstanden viele Kontrolleure nur Bahnhof. Nun sollen Experten her, denen niemand ein X für ein U vormachen kann. Diese Art von Compliance aufzubauen, das ist eine der Aufgaben der ehemaligen Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt. Sie war von Daimler nach einer Schmiergeldaffäre in den Vorstand geholt worden, um aufzuräumen. Jetzt sitzt sie bei Volkswagen im Vorstand. Auch so eine Art Feuerwehr-Job.

Der altgediente Feuerwehr-Mann bei Volkswagen, Gottweis, hat um seine Einsätze offenbar nie ein Trara gemacht, sondern ist lieber im Hintergrund geblieben. Große Veröffentlichungen über ihn, oder gar ausführliche Porträts: Fehlanzeige. Über seine Arbeit bei VW ist bislang kaum etwas nach draußen gedrungen. Wenn Gottweis mal fern von Wolfsburg in größerer Runde das Wort ergriff, dann wohl nur, um sein Wissen und seine Erfahrung weiterzugeben. Um im Konzern das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass manches auch schief gehen könne und wie man dann reagieren solle.

Gottweis ist zusammen mit vielen anderen Experten, vor allem Juristen, im eigenen Konzern wiederholt als Referent bei Seminaren für Führungskräfte aufgetreten, in seiner Eigenschaft als Leiter Umweltschutz und Verbraucherfragen der Volkswagen AG. Es ging um "Produkthaftung in der Praxis des Unternehmens" und die "kostenbewusste Minderung" von Risiken. Themenschwerpunkte waren die Haftung in "Hochrisikoländern" wie den USA, das Verhalten im Falle einer Krise, oder: "Der Staatsanwalt steht vor der Tür - was tun?" Das geht aus den Einladungen für solche Seminare hervor.

Das sind Themen, auf die es nun ankommt bei Volkswagen. Alles Themen für einen Problemlöser wie Gottweis, auf den man bei Volkswagen vielleicht nicht rechtzeitig gehört hat. Deshalb stellt sich bei dem Wolfsburger Autokonzern nun die Frage nach der zivil- und strafrechtlichen Haftung und Verantwortung von Managern und Mitarbeitern.

Auch das waren Themenschwerpunkte bei Seminaren, bei denen Gottweis als Referent verzeichnet war.