Porsche-Chef Matthias Müller "Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen"

Der Vorstandschef von Porsche will in diesen Zeiten nicht nur über Autos reden. Als einer der ersten Top-Manager ergreift er Partei für Flüchtlinge.

Interview von Thomas Fromm und Max Hägler

Es ist ein, na ja, eigenartiges Gebilde, das diese Woche in Stuttgart-Zuffenhausen enthüllt wurde: Drei Stelen, die in den Himmel ragen, ganz oben jeweils ein weißer Porsche. Ein Denkmal für den Überflieger unter den Autobauern? Oder Kunst? Matthias Müller, 62, grinst ein wenig und sagt, mit bairischem Zungenschlag: Er habe nachgeschlagen, wie man Kunst definiere. Das da draußen falle auch darunter. Der Porsche-Chef, ein Informatiker, der zuletzt auch als VW-Vorstandsvorsitzender gehandelt wurde, ist so humorig wie nachdenklich. Er möchte über mehr sprechen als über Autos.

SZ: Herr Müller, als Sie Kind waren, mussten Ihre Eltern mit Ihnen aus der DDR in den Westen fliehen. Denken Sie manchmal daran, wenn Sie heute die Bilder Tausender Menschen sehen, die sich in Richtung Deutschland aufmachen?

Matthias Müller: Ich war damals drei Jahre alt, und die Flucht war schlimm, aber immerhin waren wir ja noch im selben Kulturkreis. Die Menschen, die bei uns ankommen, sind meist vollkommen aus ihrer Kultur gerissen, das finde ich richtig schwierig. Da müssen wir helfen.

Viele Menschen in unserem Land unterscheiden gerne zwischen politisch Verfolgten und sogenannten Wirtschaftflüchtlingen.

Ich wünsche jedem Menschen auf der Welt, dass er einmal am Tag warm essen und ruhig schlafen kann. Kein Mensch gibt doch freiwillig und leichten Herzens seine Heimat auf! Mich beschäftigt das "Flüchtlingsthema" als Porsche-Chef und als Mensch. Wissen Sie, ich war gerade in Schwarzenberg im Erzgebirge, bei einem Werkzeugbauer, den wir übernommen haben. Da habe ich mir schon erlaubt, einen Satz zu dem zu sagen, was gerade in Sachsen los ist. Dass ich es überhaupt nicht in Ordnung finde, wenn Menschen angegriffen und beleidigt werden, und wenn Politiker davor auch noch einknicken.

Das sind ungewöhnliche Worte für einen Porsche-Chef.

Finden Sie? Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Wirtschaftslenker zu bestimmten Dingen ihre Meinung sagen. Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen und Haltung zeigen. Bei Porsche arbeiten Menschen aus 56 verschiedenen Ländern - damit ist doch wohl alles gesagt.

Von Ihren Manager-Kollegen hört man da aber nicht so viel . . .

Das fände ich aber wichtig und richtig. Beim Freihandelsabkommen TTIP haben wir uns auch alle zusammengetan und dafür geworben. Das Thema jetzt ist genauso dringend.

Schweigende Kollegen haben wahrscheinlich Angst um ihren Aktienkurs oder vor persönlichen Angriffen. Und wenn sie reden wollen, wiegeln ihre Berater oft ab: Gesellschaftliche Debatten seien doch nicht Aufgabe der Manager.

Man geht ein Risiko ein, wenn man sich äußert. Ich werde nach diesem Interview wahrscheinlich wieder E-Mails von irgendwelchen Fehlgeleiteten bekommen, die mich beschimpfen oder bedrohen. Erinnern Sie sich, wie einige Typen dem Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel beinahe die SPD-Zentrale eingerissen hätten vor einigen Tagen? Aber soll ich mich aus Angst zurückhalten? Das darf die Wirtschaft nicht, wir sind schließlich Teil der Gesellschaft - und kein ganz unwichtiger. Aktienkurs hin oder her, wir haben Verantwortung!

Wie kann denn die Wirtschaft praktisch helfen?

Mit neuen Arbeitsplätzen! Auch deshalb müssen Wirtschaft und Politik mehr miteinander reden. Wir tun es zu selten, bei Auto-Branchenthemen wie strengeren Abgasvorschriften, aber auch bei gesellschaftlichen Herausforderungen wie der aktuellen Flüchtlingskrise.

Diese Krise kommt ja nicht von ungefähr. Unsere westlichen Gesellschaften sind im Laufe der Jahrzehnte auch auf Kosten der arabischen und afrikanischen Länder zu Wohlstand gekommen.

Ein Mann und sein Auto: Porsche-Chef Müller bei der Frankfurter Automesse IAA.

(Foto: Thorsten Wagner)

Wir müssen versuchen, die ärmeren Regionen - den Nahen Osten, den afrikanischen Kontinent - mehr am Wohlstand teilhaben zu lassen. Aber das ist leicht gesagt von mir. Die Frage ist ja: wie denn? Da sehe ich keine politischen Initiativen.

Für einen Wirtschaftsboss sind Sie ziemlich offen. Führen Sie so auch Porsche?

Ach, da denke ich gar nicht so drüber nach. Ich bin ein umgänglicher Teamplayer, der versucht, seine Entscheidungen einigermaßen kollegial und harmonisch durchzusetzen. Ich kann dann aber auch ziemlich konsequent sein: Ich mag es nicht, wenn die Dinge zerredet werden.

Seit dem Frühjahr sind Sie auch Vorstand beim Porsche-Mutterkonzern Volkswagen. Funktioniert das dort genauso?

Wir sind ein beinahe familiäres Unternehmen mit 20 000 Mitarbeitern, in Wolfsburg muss man weltweit 600 000 Leute führen. Führungsstil hat schon etwas mit Größe zu tun, und was hier bei uns in Stuttgart funktioniert, muss nicht unbedingt auch in Wolfsburg funktionieren.

Sie haben ja auch noch die mächtigen Eigentümerfamilien über sich - die Porsches und die Piëchs. Wie sehr spüren Sie den Einfluss?

Die beiden Eigentümerfamilien helfen uns, unser Unternehmen mit ruhiger Hand zu führen. Vor allem: Wir bei Porsche haben unseren Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Wolfgang Porsche, er verkörpert quasi unsere Auto-Tradition.

Sie werden in diesem Jahr wohl erstmals deutlich mehr als 200 000 Autos verkaufen. Gibt es eine Grenze des Wachstums, damit die Modelle exklusiv bleiben?

Wachstum ist in unserem Wirtschaftssystem auch ein Selbstzweck. Ein Unternehmen, das nicht wächst, beginnt im Grunde schon zu sterben.

Luxusgüter brauchen eine Verknappung, sonst sind sie keine Luxusgüter mehr.

Nur drei von 1000 verkauften Autos weltweit sind derzeit von Porsche, das finde ich schon knapp genug.

Es gibt Gegenden, da sieht das anders aus - in Stuttgart zum Beispiel.

O.k., und wenn ich auf der Münchner Maximilianstraße bin, dann habe ich da einen Porsche-Anteil von 50 Prozent. Aber gehen Sie nach München-Großhadern, da normalisiert sich das ganz schnell.

VW hat Toyota neulich als größten Autobauer abgelöst. Jahresverkauf: zehn Millionen Autos. Warum ist das so wichtig?

Wie gesagt, Größe ist wichtig, aber für mich spielt Qualität eine noch wichtigere Rolle. Und Qualität spiegelt sich zuerst bei den Ergebnissen wider: Größe bringt mir nichts, wenn ich nicht profitabel bin.

Und trotzdem reden alle immer vom großen Dreikampf der Autoindustrie: Audi, BMW, Mercedes - wer sind die Größten? Sind diese Vergleiche im Grunde nicht die Spiele von großen Jungs?

Ja, ich glaube schon. Ich verstehe nicht, warum sich Kollegen mit Nachlässen das Leben gegenseitig schwer machen, nur um den Absatz zu befeuern. Wobei ich ehrlich gesagt nicht weiß, was ich machen würde, wenn ich in einer vergleichbaren Situation wäre. Für Beobachter mutet das jedenfalls manchmal ziemlich absurd an. Wir sollten alle etwas souveräner sein.

Sie schielen nie auf andere Autobauer?

Natürlich schauen wir auf BMW, Tesla, Ferrari, Jaguar, Land Rover, Audi, Volvo, Mercedes. Was machen die, von denen wir glauben, dass sie gut sind? Aber schauen heißt nicht, dass man gleich nervös wird.

"An der amerikanischen Westküste tut man so, als wäre ab morgen alles ganz anders." Matthias Müller, 62, Vorstandschef von Porsche.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Der kalifornische Elektroautobauer Tesla müsste Sie eigentlich nervös machen. Der Tesla Model S ist doch so was wie der neue Porsche.

In manchen Gegenden ist der Wagen angesagt. Ich habe neulich Andre Agassi getroffen, der findet den Tesla auch cool. Aber viele von diesen Leuten haben mehr als ein Auto - oft auch einen Porsche.

Google und Apple, die weltgrößten IT-Firmen, arbeiten an eigenen Autos. Könnte ein selbstfahrendes Google-Mobil nicht einmal den 911er als Ikone ersetzen?

Ach wissen Sie, an der amerikanischen Westküste tut man so, als wäre ab morgen alles ganz anders. Als würde morgen der Bagger kommen und alles neu machen: Industrie-4.0-Fabriken und Roboterautos überall! So einfach wird das nicht sein. Dieser Digitalisierung und Automatisierung werden auch wir uns nicht völlig verschließen, aber ein 911er-Fahrer wird auch in Zukunft gerne selber fahren, Gas geben, bremsen, lenken, schalten.

Der Porsche-Müller hat also keine Angst vor Google und Apple?

Angst? Ach was! Aber wir nehmen die Unternehmen selbstverständlich ernst! Wenn die Autos bauen wollen, werden die das auch hinkriegen. Dann haben wir eben mehr Wettbewerber. Die haben den Vorteil, dass sie unbelastet an das Thema rangehen. Wir dagegen haben seit Jahrzehnten Fabriken, starke Kulturen und ein sehr ausgeprägtes Qualitätsverständnis.

Was ja kein Nachteil sein muss. . .

Schauen Sie sich den Tesla an, da haben wir schon andere Vorstellungen von der richtigen Gestaltung und vor allem der Anmutung. Sollten wir so ein Auto bauen, wäre das anspruchsvoller.

Bis vor Kurzem waren Sie der Meinung, dass es Elektroautos nicht bringen. "Die kommen doch nicht mal von München zum Gardasee", haben Sie mal gesagt.

Da hat sich viel getan in der Chemie und der Elektronik, die Reichweiten steigen. Wir beschäftigen uns auch mit einem Elektroauto. Aber glauben Sie mir, eine siebte Baureihe muss trotz allem ein sehr Porsche-typisches Fahrzeug sein.

Dumm nur, dass die Menschen solche Autos noch nicht kaufen.

Dafür müsste der Staat mehr tun: Steuererleichterungen und Kaufanreize. Das Angebot an Elektroautos existiert, jetzt müssten sie nur gekauft werden.

Staatliche Subventionen für Porsche-Fahrer - ernsthaft jetzt?

Es geht um Anreize für Elektrowagen in allen Preiskategorien, nicht nur für Porsche. Und außerdem will die Bundesregierung eine Million Elektroautos bis 2020 auf den Straßen haben. Eine Milliarde Euro müsste man da investieren, von nichts kommt nichts. Die Autoindustrie in Deutschland steckt etliche Milliarden in die Elektromobilität, und die Bundesregierung schaut dabei zu. Andere Länder wie die Niederlande zum Beispiel bieten da neben Kaufanreizen auch ein Netz an Schnellladestationen.

Und warum passiert hier nichts?

Wenn sich der Bundesverkehrsminister mal dafür interessieren würde. . .

Alexander Dobrindt von der CSU. . .

. . .dann ginge da vielleicht auch mal etwas weiter, das Ministerium überlässt aber solche Themen gerne dem Umweltministerium, das dann wiederum sehr grüne Vorstellungen von der Sache hat.

Sie haben Ihren Interessenverband, den VDA. Der macht doch eine ziemlich starke Lobbyarbeit in Berlin und Brüssel.

Der VDA kann aber auch nicht völlig über seinen diplomatischen Schatten springen. Der sollte etwas mehr Zähne zeigen.

Da sind jetzt wieder mal sehr offen. . .

Deswegen bin ich ja auch kein Politiker geworden, sondern arbeite in der Industrie.