Pilotprojekt Ein-Dollar-Brillen für Malawi

Die günstige Brille, die Martin Aufmuth hält, lässt sich überall herstellen.

(Foto: oh)

Ein Lehrer aus Erlangen hat bezahlbare Sehhilfen für Arme entwickelt.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Vielen Menschen fehlen bezahlbare Brillen. Es war im Jahr 2009, da hat Martin Aufmuth, 41, von diesem Problem gelesen, das in vielen armen Staaten dieser Welt zu beobachten ist. Aufmuth, ein eloquenter Mann mit grauen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren, ließ das nicht mehr los. Er wollte etwas tun und begann darüber nachzudenken, wie sich eine billige Brille herstellen lassen könnte. Die Idee der Ein-Dollar-Brille war geboren.

Einige Jahre später, im Spätherbst 2015, trifft man Aufmuth in den Räumlichkeiten der Else Kröner-Fresenius-Stiftung (EKFS). Er stellt dort sein fortgeschrittenes Projekt vor. "In den Entwicklungsländern brauchen rund 150 Millionen Menschen Sehhilfen. Bislang wurde das mit Altbrillen gelöst", erzählt Aufmuth, der schon häufig in diesen Regionen unterwegs war. "Doch die Altbrillen passten nie. Viele Kinder kommen in der Schule nicht mit. Sie wissen nicht einmal, dass sie schlecht sehen."

Aufmuth kann loslegen und seine Ein-Dollar-Brille unter die Leute bringen. Die EKFS finanziert sein Pilotprojekt in Malawi für ein Jahr mit 200 000 Euro. "Vor allem die mit der augenoptischen Ausbildung vor Ort angelegte Nachhaltigkeit des Projekts hat die Entscheidung der Stiftung positiv beeinflusst", sagt Dieter Schenk, Vorsitzender des Stiftungsrats. Aufmuth, der sich als Physik- und Mathematiklehrer vom Schuldienst beurlauben ließ, darf hoffen: Wenn das Pilotprojekt gut läuft, könnte er für seine Idee mit der nach Vermögen größten Stiftung in Deutschland einen langfristigen Förderer gefunden haben.

Aufmuth gehört zur weltweit wachsenden Gruppe der Sozialunternehmer, die neue Wege suchen, um soziale Probleme zu lösen. Wichtig ist, dass sich diese Lösungen langfristig marktwirtschaftlich tragen sollen. Doch dafür ist zunächst eine langjährige Anschubfinanzierung nötig. Die Behebung eines Missstands steht im Mittelpunkt der Arbeit, nicht die Gewinnmaximierung, so der Erlanger.

Der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus war in den 1980er Jahren einer der Ersten, die sich über eine konstruktivere Rolle der Konzerne in der Marktwirtschaft Gedanken machten. Er sagte: "Unternehmer sollten soziale Probleme lösen. Ökonomie bedeutet dienen."

In Deutschland gründen immer mehr junge Universitätsabsolventen ein Sozialunternehmen, weil es sinnstiftend wirkt. Soziale Probleme lösen - beispielsweise Arbeitslose zurück in Jobs bringen, Kranke pflegen und Integrationshilfen für Einwanderer anbieten: Das sind wichtige Aufgaben, die der Staat nicht mehr alleine stemmen kann oder will.

Aufmuth zieht das Projekt nun in Malawi auf. Das Land mit etwa 18 Millionen Einwohnern gehört zu den ärmsten Staaten der Welt. Der Bedarf an Optikern und Sehhilfen ist sehr hoch. Aufmuth stellt sich auf harte Überzeugungsarbeit ein. "Wie kriegen wir die Menschen auf dem Land dazu, sich die Sehstärke messen zu lassen", fragt er. "Die wollen alle Augentropfen."

Die Ein-Dollar-Brille besteht aus einem leichten und flexiblen Federstahlrahmen. Farbige Perlen sollen ihr ein individuelles Design geben. Die Brille wird auf einer von Aufmuth entwickelten Handbiegemaschine hergestellt. Sie funktioniert ohne Strom und ist daher überall einsetzbar. Den ersten Praxistest bestand diese Biegemaschine 2012 in Uganda, wo 500 Menschen mit Brillen versorgt wurden. Die Materialkosten liegen bei etwa ein Dollar je Stück. Nach einer Ausbildung sollen mittelfristig lokale Fachkräfte die Herstellung, den Vertrieb und auch die Sehtests übernehmen. Viele würden dann zum ersten Mal in ihrem Leben Geld verdienen.

Aufmuth erinnert sich noch gut an das prägende Erlebnis vor Jahren, das ihm Mut für seine Idee machte . "In einem deutschen Geschäft sah ich eine chinesische Lesebrille für einen Euro und überlegte: Seltsam, dass es bei uns so eine Brille gibt und in Afrika nicht."