Ökonomen-Serie Die Welt wird immer besser

Der 32-jährige Deutsche Max Roser erforscht in Oxford Ungleichheit. Auf einer Internet-Seite hat er massenhaft Daten veröffentlicht, die verblüffende Erkenntnisse liefern.

Von Björn Finke

Ein unscheinbares Bürogebäude statt eines alterwürdigen Colleges: Das Institute for New Economic Thinking ist sicher nicht im schönsten Haus der Universität Oxford untergebracht. Dafür ist der Blick von der Cafeteria im obersten Stockwerk dieses Instituts für neues ökonomisches Denken umso beeindruckender - über Dächer hinweg auf die Türme der Kirchen, die zu den jahrhundertealten Colleges gehören.

Touristen schätzen das historische Flair der englischen Universitätsstadt. Doch die Urlauber können froh sein, im Hier und Jetzt zu leben und nicht in der Vergangenheit. Denn zu Zeiten unserer Urahnen war das Leben viel gewalttätiger, ärmer und ungesünder als heutzutage. Das zu zeigen, hat sich Max Roser zur Aufgabe gemacht, ein junger Ökonom, der an dem Institut für neues ökonomisches Denken forscht und nun in der Cafeteria zum Gespräch empfängt. Der 32 Jahre alte Deutsche trägt Daten darüber zusammen, wie sich die Lebensverhältnisse in den vergangenen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden gewandelt haben. Die Ergebnisse präsentiert er seit Sommer 2014 auf einer eindrucksvollen Internetseite voller optimistisch stimmender Grafiken: www.ourworldindata.org (Unsere Welt in Daten).

Die Nachrichten werden beherrscht von Terror, Kriegen und Krisen; viele Bürger schauen voll Sorge in die Zukunft. Aber Rosers Blick in den Rückspiegel offenbart, wie weit die Menschheit schon gekommen ist: Die Geschichte des Homo sapiens ist überwiegend eine Geschichte gewaltigen Fortschritts und spürbarer Verbesserungen. Die Zahl der Morde? Ist dramatisch geschrumpft über die Jahrhunderte. Die Kosten für künstliches Licht, also Kerzen oder Lampen? Sinken. Die Häufigkeit von Tanker-Katastrophen? Geht zurück. "Auch die Armut nimmt weltweit gerade so schnell ab wie nie zuvor", sagt der Volkswirt, der in Innsbruck promoviert hat. Weniger erfreulich sind allerdings die Daten zum Klimawandel.

"Die Ökonomie ist zu theorielastig", sagt der Oxforder Volkswirt Max Roser. Der Deutsche stützt sich für seine Arbeit lieber auf harte Daten.

(Foto: Privat)

Fast zwei Millionen Leser hätten in den ersten anderthalb Jahren auf der Internetseite gestöbert, sagt Roser: "Dieser Erfolg überrascht mich selbst." Für den Ökonomen ist das Verbreiten der frohen Botschaft im Netz nur ein Teil seiner Arbeit. Zugleich erforscht er Einkommens-Ungleichheit und veröffentlicht hierüber wissenschaftliche Artikel. Gemeinsam mit Kollegen untersucht er dafür die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum und der Entwicklung der Einkommen von Armen, Reichen und der Mittelschicht.

Hier geht es also ebenfalls um Daten, Zahlen, Statistiken. Roser ist ein empirisch arbeitender Ökonom: Er errichtet keine großen Theoriegebäude, sondern sucht erst einmal nach Indizien, die zeigen, was wirklich passiert in unserer komplizierten

Welt. Max Roser ist der Daten-Detektiv aus Oxford.

"Die Ökonomie ist zu theorielastig", klagt der jungenhaft wirkende Wissenschaftler. Schon im Grundstudium werde zu viel Wert auf Theorie gelegt, auf Modelle, die erklären sollen, wie Märkte funktionieren, aber sich dafür unrealistischer Annahmen bedienen. Zu kurz kommt entsprechend die hohe Kunst des Datensammelns und -interpretierens. Die wichtigsten Fachzeitschriften würden ebenfalls von theoretischen Abhandlungen beherrscht, und Wirtschafts-Nobelpreise seien in der Vergangenheit ebenfalls meist an Theoretiker gegangen, sagt er.

Denk doch wie du willst

Überraschende Einblicke von Deutschlands wichtigsten Ökonomen. Die SZ-Serie.

An der großen Datenschau fürs Internet arbeitete er lange alleine, doch seit Ende vorigen Jahres wird er von einem Programmierer und einem anderen Wissenschaftler unterstützt. Allerdings wird sein Institut das Projekt nur noch wenige Wochen finanzieren, weswegen der Deutsche neue Geldgeber sucht. Und er weiß auch, dass er in Zukunft nicht mehr so viel Zeit in die Seite investieren will. "Ich war diese Woche jeden Abend bis zwei Uhr nachts im Büro. Das muss ein Ende finden", sagt Roser. Zumal der andere Teil seines Jobs, die Erforschung der Einkommens-Ungleichheit, wichtiger für seine wissenschaftliche Karriere ist. Also dafür, einmal eine feste Stelle als Professor zu erhalten.

Aufgewachsen ist Roser in der rheinland-pfälzischen Gemeinde Kirchheimbolanden bei Mannheim. Zum Studium zieht er erst nach Berlin, aber weil ihm das nicht gefällt, wechselt er nach Innsbruck. In der Nähe leben Verwandte, und er mag die Berge. Während des Studiums verdient er Geld, indem er Fahrrad-Reisegruppen leitet. "Hier in Oxford fehlen mir jetzt die Berge als sportlicher Ausgleich", sagt er. "Da bleibt nur die Arbeit." In Innsbruck studiert er zunächst Geowissenschaften und Philosophie, bevor er Volkswirtschaftslehre draufsattelt. Nach der Promotion, im Jahr 2012, holt ihn Professor Tony Atkinson, ein Fachmann für die Erforschung von Ungleichheit und Armut, nach Oxford.

Dullien ist einer der 36 Ökonomen, den die SZ in ihrem Buch „Denk doch, wie du willst“ vorgestellt hat. Erhältlich im Handel, unter sz-shop.de oder Telefon: 089/21 83 18 10.

(Foto: )

Auf die Idee mit der Daten-Webseite kommt Roser in Rio de Janeiro, wo er für die Doktorarbeit ein halbes Jahr lebt. Die rapide Entwicklung in Brasilien fasziniert ihn. Er plant ein Buch darüber, wie sich Lebensverhältnisse auf lange Sicht verändert haben, doch stellt er fest, dass es für ein Buch alleine viel zu viele spannende Daten gibt. "Ich habe mir gedacht, dass man diese positiven Trends der breiten Öffentlichkeit bekannt machen muss", sagt er. Daher veröffentlicht er statt eines Buchs lieber die Internetseite mit den leicht verständlichen Grafiken.

Früher, erinnert er sich, sei er selbst davon ausgegangen, dass sich die Welt zum Schlechteren entwickle. "Ich war pessimistisch, und das war auch die Grundstimmung in den Vorlesungen meines Philosophiestudiums", sagt er.

Aber das Wirtschaftsstudium habe sein Weltbild geändert. Er lernte auf Grundlage harter Daten, wie rasch die Armut weltweit abnimmt oder wie viel weniger gewalttätig moderne Staaten im Vergleich zu frühen Kulturen sind, trotz zweier Weltkriege im vergangenen Jahrhundert. Roser hält manchmal Vorträge über seine Daten-Sammlung. Da sei ihm wichtig, dass die Zuhörer nicht mitnähmen, alles sei gut. "Dass der Anteil der Armen an der Weltbevölkerung sinkt, ist schön, doch es leben immer noch zehn Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze", sagt er. Die Zahlen der vergangenen Jahrzehnte bewiesen aber, dass Fortschritt möglich sei.

Beim Thema Ungleichheit habe der Ökonom Thomas Piketty "herausragende" Arbeit geleistet, sagt Roser. Der Franzose erregte viel Aufsehen mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert", das anhand historischer und heutiger Daten zeigt, wie sehr die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergeht. Allerdings kritisierten einige Wissenschaftler seine Berechnungen oder Schlussfolgerungen.

Roser faszinieren die großen Unterschiede zwischen Staaten bei der Einkommensentwicklung. "Es gibt die falsche Wahrnehmung, dass Globalisierung und technischer Wandel überall automatisch zu mehr Ungleichheit in den Gesellschaften führen", sagt er. "Aber das stimmt nicht, und das belegt, dass die Politik die Verteilung der Einkommen stark beeinflussen kann."

Für seine Internet-Datensammlung kämpft sich der Deutsche durch wissenschaftliche Artikel verschiedenster Fachgebiete. Um etwa aufzubereiten, wie Gewalttätigkeiten über die Jahrtausende abnahmen, las er archäologische Studien darüber, wie viele Skelette in Ausgrabungsstätten Spuren von Gewaltanwendungen zeigten. Oder er studierte völkerkundliche Abhandlungen über Fehden zwischen Stämmen.

Dass zahlreiche Menschen überzeugt seien, die Welt werde schlechter und nicht besser, liege auch an den Medien, klagt der Ökonom: "Sie berichten darüber, was passiert, zum Beispiel Bürgerkriege oder Hungersnöte, aber nicht darüber, was alles ausbleibt oder nicht mehr passiert."

Da hilft dann ein Blick auf Rosers Datensammlung für Optimisten.