Nahrungsmittelmarkt Deutschlands Bauern verpassen den Bio-Trend

Die Nachfrage nach ökologischen Nahrungsmitteln ist riesig - doch die Landwirte scheuen die teure Umstellung auf den alternativen Anbau.

Von Marc Widmann

Im Fall von Bauer Peter kann man das Problem sogar riechen, es stinkt gewaltig nach Gülle und Ammoniak. 80 Milchkühe drängeln sich in dem schlecht belüfteten Stall, und während der Landwirt durch die düsteren Gänge eilt, murmelt er etwas von "Durchfallproblem", "Baujahr 1978" und den Liegeboxen, die wohl zu eng seien für sein Ziel.

Auf Bio will Peter seinen Hof im schwäbischen Landkreis Biberach mit jährlich 400.000 Liter Milchproduktion umstellen. Aber er ahnt schon, dass das nicht so einfach wird mit diesem Stall.

"Der Stall ist der Knackpunkt", sagt Martin Weiß. Es ist die erste Beratungsstunde, ein erstes Kennenlernen zwischen Landwirt und erfahrenem Umstellungsberater von Bioland, dem größten Öko-Anbauverband. Für den "KuhComfort", sagt Weiß, fehlen weiche Gummimatten in den Liegeboxen.

Damit die Tiere sich bewegen können, müsste ein neuer Laufhof gebaut werden, oder besser gleich ein neuer Stall mit Weide außerhalb des Dorfes. Kosten? Etwa 500.000 Euro, schätzt der Berater. "Da muss man wirklich das Bankkonto plündern und investieren", sagt Weiß. Bauer Peter spricht wenig; er will darüber nachdenken.

Biowaren aus aller Welt

Der Landwirt aus dem Schwäbischen ist derzeit eine Rarität in Deutschland. Denn obwohl die Nachfrage der Kunden nach Biokost in den vergangenen Jahren stets im zweistelligen Prozentbereich gewachsen ist, wechseln nur wenige deutsche Bauern auf die Öko-Schiene. Vergangenes Jahr legte der heimische Biomarkt um 15 Prozent zu, die biologisch beackerte Fläche stieg dagegen nur um magere fünf Prozent.

An jeder Supermarkttheke sind die Folgen längst sichtbar: Die Regale sind mit Biowaren prall gefüllt, aber die Etiketten verraten, dass sie aus der ganzen Welt herangefahren werden, aus Spanien oder der Ukraine, aus Ägypten oder China. Auf 50 Prozent schätzen Experten aktuell den Anteil ausländischer Biokost in deutschen Regalen, mit weiter steigender Tendenz.

"Wenn immer mehr Bioprodukte importiert werden, vergeben wir Chancen für die heimische Landwirtschaft", warnt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Ein Positionspapier von Bioland mahnt: "Die Potentiale dieses Zukunftsmarktes werden nicht ausgeschöpft."

Verpassen die deutschen Bauern den Biotrend? Sogar eine "Bio-Offensive" rufen Verbände in diesen Tagen ins Leben, sie versuchen die Landwirte mit kostenlosen "Betriebschecks" zu ködern und mit der Vermittlung williger Abnehmer, die dringend Rohware suchen.

Für die zögerlichen Umstellungen gibt es mehrere Gründe, alle führen sie zu einem Punkt: dem Geld. Denn nicht nur die Preise für Bioware sind in den vergangenen Jahren gestiegen, auch der Preis zum Beispiel für konventionellen Weizen hat sich zwischendurch verdoppelt. Die deutschen Ackerbauern verdienen derzeit ganz ohne Bio gutes Geld.

Forderung nach Förderung

"Da erhält man Preise, von denen man immer geträumt hat", sagt Heino von Bassewitz, Vorsitzender des Fachausschusses Ökologischer Landbau im Deutschen Bauernverband, "da bewege ich mich doch nicht aufs Glatteis in völlig neue Märkte." Dazu kommt, sagen Experten, dass die kleinen, einfach wirtschaftenden Höfe häufig schon umgestellt haben.

Jetzt wären eigentlich die größeren an der Reihe. Doch gerade für Betriebe mit intensiver Tierhaltung erfordert eine Umstellung enorme Investitionen. Eine halbe Million Euro, wie beim schwäbischen Bauern Peter, ist eher Regel als Ausnahme.

Um auch solchen Höfen den Umstieg zu erleichtern, erschallt aus der Biobranche lautstark der Ruf nach der Politik. Die zuständigen Bundesländer müssten "Anreize schaffen" und besonders die kostspielige Umstellungszeit fördern - also die ersten beiden Jahre, in denen die Betriebe schon nach Ökostandards arbeiten müssen, ihre Ware aber noch nicht mit Bio-Etikett verkaufen dürfen.

Stattdessen jedoch, klagt Uli Zerger, Vorstand der Stiftung Ökologie und Landbau, hätten die Länder die Fördersätze "ausgesetzt oder zurückgefahren". Im Bio-Boomjahr 2006 etwa stellten kaum Bauern um. Zwar wuchs die Nachfrage nach Ökokost um 18 Prozent, doch hatten zehn Bundesländer ihre Förderung für neue Biohöfe komplett gestoppt, weil die entsprechenden Töpfe bereits leer waren.

2007 lief die Unterstützung zwar vielerorts wieder an - aber in der Regel zu deutlich niedrigeren Sätzen. Mit den um ein Viertel gekürzten EU-Mitteln erklären die Bundesländer den Rückgang, aus eigener Kraft habe man das nicht ausgleichen können.

Angst vor dem Bioskandal

"Sie kennen doch die Haushaltslage in den Ländern", heißt es etwa im Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum. Für die Bioverbände ist das allerdings eine Ausrede: Die Länder könnten problemlos Agrarsubventionen auf Biobauern umleiten, wenn das denn politisch gewollt wäre.

In guten Zeiten schloss Bioland-Berater Weiß 40 Neuverträge pro Jahr ab, zuletzt waren es nur fünf bis zehn. "Vor allem von zukunftsorientierten Betrieben hätten wir uns mehr gewünscht, die langfristig denken und eine gewisse Größe haben", sagt er. Dieses Jahr laufe es etwas besser, es sei auch höchste Zeit.

Denn andernorts wachsen die Bioflächen dank großzügiger Förderung rasch, um 36 Prozent vergangenes Jahr allein in Polen. In Slowenien lag die Umstellungshilfe zuletzt bei 460 Euro je Hektar, in Baden-Württemberg zum Vergleich bei 150.

Nicht nur wegen der verlorenen Marktanteile ist die Biobranche besorgt - auch weil die neuen Lieferanten aus der Ferne kaum einer kennt. Die Angst vor einem Bioskandal wächst, der das größte Kapital der Branche erschüttern könnte: das Vertrauen der Kunden in die bessere Qualität der Lebensmittel.

"Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis falsch deklarierte Ware auf den Markt gelangt", sagt Uli Zerger. Betrüger, die mit krimineller Energie Papiere fälschen, könne man kaum aufhalten. Und während er zuvor deutliche Worte gefunden hat gegen die deutsche Förderpolitik, sagt er jetzt leise: "Ich bin ziemlich verunsichert."