Münchner Seminare Nicht übermütig werden!

Claudia Buch, Vizepräsidentin der Bundesbank, warnt die Banken davor, in wirtschaftlich guten Zeiten leichtsinnig zu werden.

Von Felicitas Wilke

Die Vizepräsidentin der Bundesbank, Claudia Buch, ist im Präsidium auch für die Stabilisierung der Finanzmärkte zuständig.

(Foto: Martin Leissl/Bloomberg)

Wenn eine Ökonomin kurz vor Frankfurt auf der Autobahn im Stau steht, stellt sie sich die gleiche Frage wie andere Autofahrer auch. Wieso geht plötzlich nichts weiter, obwohl sich nirgends ein Unfall ereignet hat? Also wirft Claudia Buch eine Folie an die Wand, auf der erklärt wird, wie Staus aus dem Nichts entstehen. Nämlich dann, wenn ein Verkehrsteilnehmer zu abrupt und aggressiv die Spur gewechselt hat und die anderen Fahrer daraufhin abbremsen müssen. Nun ist Buch nicht ins Ifo-Institut gekommen, um über Frust im Straßenverkehr zu sprechen. "Doch in seiner Entstehungsweise erinnert so ein Stau aus dem Nichts an eine Finanzkrise", findet die 51-Jährige. Mit Finanzsystemen wiederum beschäftigt sich die Volkswirtin von Berufs wegen seit vielen Jahren. Als Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank hat sie die Aufgabe, die deutschen Finanzmärkte stabil zu halten - und eine Krise wie vor zehn Jahren zu vermeiden.

Gehen große Banken zu große Risiken ein und vergeben zum Beispiel zu leichtfertig Kredite, dann verhalten sie sich wie das Auto, das übermütig die Spur wechselt. "Solche Schocks können negative Auswirkungen auf das ganze Finanzsystem haben", sagte Buch bei den Münchner Seminaren, einer Veranstaltungsreihe der Süddeutschen Zeitung und des Ifo-Instituts. Doch Finanzkrisen werden auch dadurch begünstigt, dass Banken eng miteinander verflochten sind, etwa weil sie einander Geld leihen. Und indem viele kleine Banken ähnlich riskant agieren.

Vor zehn Jahren zeigte sich, wie sich eine Finanzkrise negativ auf die Realwirtschaft auswirken kann. Wenn hoch verschuldete Banken keine Kredite mehr vergeben können, bricht die Wirtschaftsleistung ein und Menschen verlieren ihre Arbeit. Heute ist davon in Deutschland nicht mehr viel zu spüren, dem Land geht es wirtschaftlich wieder gut, das betont auch Buch. Nie seit der Wende waren weniger Menschen arbeitslos, die Zahl der Firmenpleiten ist niedrig wie niemals zuvor. "Ich will auch gar kein Wasser in den Wein schenken", sagt die Ökonomin. Doch gerade wegen der hervorragenden konjunkturellen Lage bestehe die Gefahr, dass Banken die Tragfähigkeit ihrer Schuldner überschätzen. Zuletzt hätten die Institute vermehrt Kredite mit langen Zinsbindungsfristen vergeben. "Für die Kunden ist das natürlich angenehm, aber für die Banken möglicherweise problematisch, wenn die Zinsen wieder steigen", sagt Buch.

Damit Warnhinweise nicht untergehen, gehört es inzwischen auch zu den Aufgaben der Bundesbank, die Finanzmärkte stabil zu halten. Im Präsidium der Bundesbank ist das der Job von Claudia Buch, die bereits Ende der Neunzigerjahre die Forschungsgruppe Finanzmärkte am Kieler Institut für Weltwirtschaft leitete. Später wurde sie Präsidentin des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle und Wirtschaftsweise, ehe sie zur Bundesbank wechselte. Die Banken, sagt Buch, verfügten heute über mehr Eigenkapital als vor der Finanzkrise - für sie ein Indiz, dass die G-20-Finanzmarktreformen, die nach der Krise beschlossen wurden, greifen.

Neben den Bilanzen der Banken beobachtet Buch derzeit auch den Wohnimmobilienmarkt in Deutschland genau. "Nicht nur bei Ihnen sind die Preise zuletzt stark gestiegen", gab sie dem leidgeplagten Münchner Publikum schmunzelnd mit auf den Weg. Auch in den kleineren Städten werden Immobilien immer teurer. Buch muss abwägen, was davon auf die niedrigen Zinsen und die steigenden Einkommen zurückzuführen ist und welche Indikatoren für eine Blase sprechen. "Die Überbewertungen nehmen zu", sagt sie. Gleichzeitig würden die Banken aber nicht extrem viel mehr Kredite vergeben als noch vor einigen Jahren. Das deute eher nicht auf eine übertriebene Spekulation hin, zeige die Erfahrung: "In Irland ist die Anzahl der vergebenen Finanzierungen massiv gestiegen, bevor die Blase platzte."

Falls sich in Deutschland die Anzeichen für eine Blase verdichten sollten, kann der Staat künftig Mindeststandards für das Eigenkapital und die Kreditlaufzeit vorgeben, um eine allzu lockere Kreditvergabe zu vermeiden. Das sieht ein 2017 vom Bundestag verabschiedetes Gesetz vor, das auf den Empfehlungen der Bundesbank, des Bundesfinanzministeriums und der Finanzaufsichtsbehörde Bafin basiert. "Ich glaube, solche Mechanismen gehen in die richtige Richtung", sagt Buch.

Ob solche Maßnahmen die nächste Finanzkrise vermeiden werden, fragt am Ende des Vortrags ein Mann aus dem Publikum. Claudia Buch lächelt, in die Glaskugel kann auch sie nicht schauen. Doch sie hat ein Auge darauf, dass künftig keine Bank so aggressiv die Spur wechselt wie mancher Fahrer auf der Autobahn.