Mindestlöhne für Forstarbeiter Im Wald der Billiglöhne

Die IG Bau fordert für Forstarbeiter eine gesetzliche Lohnuntergrenze. Große Waldbesitzer sind dagegen. Ihr oberster Lobbyist ist der Bruder von Karl-Theodor zu Guttenberg.

Von Thomas Öchsner

Wenn es um den deutschen Wald geht, können Politiker schöne Sonntagsreden halten. Vom Wohlergehen der Wälder, verkündet Bundespräsident Christian Wulff, hänge "unser aller Zukunft ab". Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), selbst Besitzerin einer Waldparzelle in Bayern, sagt: "Der Schutz und die Nutzung des Waldes müssen miteinander in Einklang stehen." Die Appelle der beiden waren vor ein paar Tagen nicht ohne Grund zu hören: Die Vereinten Nationen haben 2011 zum "Internationalen Jahr des Waldes" ausgerufen.

Solche Gedenktage sind aber immer eine gute Gelegenheit, um auch andere Botschaften öffentlich zu platzieren, etwa für die Gewerkschaft IG Bau und den Deutschen Forstunternehmerverband. Sie fordern einen Mindestlohn für die 20.000 Forstarbeiter im deutschen Wald - und stoßen dabei auf den Widerstand der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände mit einem Freiherrn an der Spitze: Philipp zu Guttenberg, dem jüngeren Bruder von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). "Es ist unglaubwürdig, für den Wald zu werben und gleichzeitig die Forstarbeiter im Stich zu lassen", sagt IG-Bau-Vorstandsmitglied Harald Schaum.

Das Recht auf eine faire Bezahlung dürfe nicht "hinter die Belange weniger, aber einflussreicher Großgrundbesitzer untergeordnet werden". Schaum denkt dabei nicht zuletzt ans Ausland: Von Mai an gilt innerhalb der Europäischen Union die volle Freizügigkeit. Dann dürfen auch Beschäftigte aus den meisten neuen osteuropäischen EU-Beitrittsländern in Deutschland arbeiten. Dagegen hat Schaum nichts. Er fürchtet aber eine neue Billigkonkurrenz, etwa aus Polen, mit Stundenlöhnen von 3,50 oder vier Euro. Zumindest große Waldbesitzer könnten solche neuen Anbieter zum Fällen und Schleppen von Holz engagieren.

Die nächste Branche für Mindestlöhne

Die privaten Arbeitgeber der Forstarbeiter haben deshalb, besorgt um ihre Aufträge, eine Art große Koalition mit der Gewerkschaft gebildet. Herausgekommen ist dabei ein Tarifvertrag, der einen Mindestlohn vorschreibt. Danach bekommt ein Forstarbeiter wenigstens 10,52 Euro pro Stunde in West- und Ostdeutschland. Damit sich von Mai 2011 auch Anbieter mit Sitz im Ausland daran halten müssen, muss Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Mindestlohn für allgemeinverbindlich erklären.

Die Forstarbeiter wären dann nach dem Wach- und Sicherheitsgewerbe die elfte Branche, für die Lohnuntergrenzen nach dem Arbeitnehmer-Entsendegesetz gelten. In einem Schreiben an die Tarifparteien zeigt das Ministerium dafür durchaus Sympathie. Es weist aber darauf hin, dass eine Entscheidung "nur im parlamentarischen Verfahren mit den notwendigen Mehrheiten getroffen werden" könne. Es sei deshalb notwendig, "dass Sie als Tarifvertragsparteien im politischen Raum nachdrücklich für eine Aufnahme der Branche werben." Doch dort macht auch Philipp zu Guttenberg seinen Einfluss geltend.

Der Freiherr dürfte mit 1000 Hektar Wald in Deutschland zu den 300 größten Waldbesitzern der Republik gehören. Sein Verband vertritt zwei Millionen Eigentümer, viele haben nur winzige Baumbestände, die sie selbst pflegen. Ein Mindestlohn kann ihnen egal sein. Die großen aber, die private Firmen für Arbeiten im Wald engagieren, haben durchaus kein Interesse an einer gesetzlich verbindlichen Lohnuntergrenze. Bei den Hartz-IV-Gesprächen, in dem es auch um Mindestlöhne ging, waren die Forstarbeiter für die Union jedenfalls schnell kein Thema mehr. Freiherr zu Guttenberg könnte wissen, warum. Aber er war am Donnerstag nicht zu sprechen.