Matching Point Mensch und Markt

Der Nobelpreisträger Alvin E. Roth erforscht, wie Märkte funktionieren und wie sie das ganze Leben prägen.

Von Jan Willmroth

Der Mann, dessen Konzepte jedes Jahr Hunderte Leben retten, hat sich eine ruhige Ecke gesucht. Unweit der kleinen Bar in einem Kölner Luxushotel lässt sich Alvin E. Roth in einem der rotgoldenen Sessel nieder, lächelt den Jetlag weg und steckt sich einen braunen Zuckerwürfel in den Mund. Seine bevorzugten halbhohen Wanderschuhe hat er an diesem Tag gegen schwarze Schnürer eingetauscht. Erst zwei Tage zuvor ist er aus Kalifornien eingeflogen, Kurztrip nach Berlin, Köln und Frankfurt, gerade ist sein neues Buch erschienen, an diesen drei Tagen spricht er auf deutschen Bühnen über sein Herzensthema: wie Märkte funktionieren.

Er meint nicht unbedingt das, was man kennt. Finanzmärkte, zum Beispiel, Rohstoffmärkte oder Supermärkte - solche Dinge fallen Menschen ein, wenn sie das Wort Markt hören; Orte, an denen der Preis die entscheidende Größe beim Ausgleich von Angebot und Nachfrage ist.

Solche Märkte funktionieren weitgehend anonym, die Produkte sind standardisiert. Viele Informationen, etwa welche Menschen und Maschinen ein Duschgel hergestellt haben, von welchem Feld das Mehl stammt, wer einem eine Aktie verkauft, sind völlig unerheblich. Al Roth, Wirtschaftsnobelpreisträger, aber gewiss kein Star unter den Ökonomen, sagt: Das sei eben nur ein kleiner Teil dessen, was Märkte sind. "Es gibt eine weitaus größere Vielfalt, als Nicht-Ökonomen denken, wenn sie von Märkten sprechen", sagt er.

Das Leben, so betrachtet, ist aus Märkten zusammengesetzt.

Überall dort, wo Menschen sich austauschen, sei es durch Sprache, Gefühle oder Dienste, entstehen Marktplätze. "Und nur in ganz wenigen Fällen macht der Preis die ganze Arbeit", sagt Roth. Er hat sein Forscherleben sogenannten "Matching Markets" verschrieben: Marktplätze, in denen man sich nicht einfach etwas aussuchen kann - man muss auch ausgesucht werden. Matching, zu Deutsch Passung, macht Transaktionen mehr von menschlicheren Dingen abhängig als von abstrakten Preisen. Bewerber können sich nicht einfach ihren Arbeitgeber aussuchen, er muss sie auch auswählen. Liebespartner müssen sich gegenseitig aussuchen. Viele Universitäten überlegen sich sehr genau, welche Studenten sie zulassen, Roths Universität Stanford gehört dazu. Solche Formen des Austauschs hängen von weicheren Kriterien ab, von Qualifikationen, Sympathien, in vielen Fällen vor allem von Informationen über die Gegenseite (wer sucht mich) oder dem richtigen Netzwerk (wen kenne ich bereits).

Oder von der Blutgruppe. Derzeit warten mehr als Hunderttausend Menschen in den USA auf eine Spenderniere. Für viele dieser Patienten ist eine Transplantation der letzte Ausweg. Es ist aus gutem Grund verboten, für Spenderorgane Geld zu verlangen. Roth war maßgeblich daran beteiligt, dass es heute Nierentauschbörsen in den USA und zahlreichen weiteren Ländern gibt: Angenommen, der Ehemann einer Frau mit Nierenversagen möchte ihr eine seiner Nieren spenden, aber sein Organ wäre nicht kompatibel. In einem anderen Krankenhaus steht ein Paar vor dem gleichen Problem. Wenn aber die jeweils fremden Ehepartner zueinander passen, können sie sich gegenseitig eine Niere spenden - und so zwei Leben auf einmal retten. Al Roth und seine Kollegen haben dieses Konzept algorithmisch systematisiert: Sie bauten komplexe Patienten- und Spenderdatenbanken auf und entwickelten mathematische Verfahren, um passende Lebendspender zueinander zu bringen. Das erste große Nierentauschprogramm startete im Jahr 2004 in der Region New England, es wurde danach oft kopiert, auch im Ausland.

Die Verteilung von Flüchtlingen auf Wohnorte. Auch das ist ein Matching-Markt

Die Disziplin, zu deren Erfindern Al Roth gehört, ist nicht viel älter: Marktdesign, der "Ingenieurszweig der Wirtschaftswissenschaften", wie er es am liebsten ausdrückt. Passt auch. Roth war ursprünglich kein Ökonom, er brach die High School ab und studierte später Operations Research, eine abstrakte Mischung aus Mathematik und Informatik, er spezialisierte sich auf Spieltheorie. Für Marktdesigner sind das gute Voraussetzungen. Sie nutzen komplexes theoretisches Wissen, um reale Probleme zu lösen. "Märkte brauchen Regeln", stellt Roth klar, "und die Regeln eines Marktplatzes bestimmen, wie gut er funktioniert und was er erreichen kann." Marktdesign sei eine jahrtausendealte Kulturtechnik. Wo sie sich austauschen, legen Menschen Regeln fest, nach denen der Tausch stattfindet. "Neu ist daran bloß, dass Ökonomen diesen Prozess der Regelsetzung besser verstehen und Fehler schneller beheben können", sagt er. Klingt bescheiden, hat die Wirtschaftswissenschaft aber so geprägt, dass er gemeinsam mit dem vor einer guten Woche verstorbenen Mathematiker Lloyd Shapley für die "Praktik des Marktdesigns" den Nobel-Gedächtnispreis erhielt.

Mit seinem Buch "Wer kriegt was und warum" öffnet Roth die Welt des Marktdesigns einem größeren Publikum. Es ist leicht zu lesen, weil Roth, ganz Amerikaner, seine Überlegungen stets mit Geschichten veranschaulicht. Er bringt seinen Lesern bei, wie lange er forschte, bis es Nierentauschbörsen gab, wie er die Zuteilung von Schülern auf High Schools in großen US-Städten wie Boston und New York optimierte, wie mit seinen Ideen der US-Arbeitsmarkt für Medizinstudenten, die ihre praktische Ausbildung beginnen, effizienter wurde. Er schreibt über Auktionen für Radio- und Funkfrequenzen, private Zimmervermietung bei Airbnb, die Prohibition und den Hochfrequenzhandel.

Alvin E. Roth, 64, ist Professor in Stanford.

(Foto: imago)

Der sei, sagt Roth an dem Nachmittag im Kölner Hotel, ein gutes Beispiel dafür, wie neue Technologien Marktplätze so verändern, dass bestehende Regeln nicht mehr zu ihnen passen. Der Wettbewerb um Schnelligkeit und der Umstand, dass die Mehrheit der Transaktionen in den USA zwischen Computern stattfinde, verlange nach neuen Regeln. "Ich glaube, die Veränderungsrate der Märkte ist gestiegen. Deshalb steigt auch die Nachfrage nach Markdesign", sagt Roth.

Für seinen Deutschland-Besuch hat er an noch etwas gedacht: die Verteilung von Flüchtlingen auf Wohnorte. Auch das, ein Matching-Markt. Derzeit funktioniert der Ausgleich zwischen den Präferenzen der Migranten, die etwa bestimmte Ziele in Schweden, England oder Deutschland haben, und den Wünschen der Regierungen denkbar schlecht. Dies sei, sagt Roth, eine große Aufgabe für Marktdesigner. Es klingt wie eine Aufforderung.