Luminale Ein Lichtlabor unter freiem Himmel

Die achte Luminale in Frankfurt bietet 200 Ereignisse und Installationen von Bauhaus bis Lichttheater. Sogar die Europäische Zentralbank macht mit ihrem Neubau mit.

Von Helga Einecke

Bald kommt noch eine Biennale, aber eine ohne roten Teppich, Schauspieler und Starrummel. Die Biennale der Lichtkultur ist etwas für kunstinteressierte Flaneure und Freunde der frischen Luft. Sie nennt sich Luminale und schlägt abends die Brücke zwischen der parallel stattfindenden Messe Light + Building und einer Stadt mit reichlich Hochhauskulisse. 200 Licht-Ereignisse sollen Frankfurt und Offenbach Mitte März in Städte des Lichtes verwandeln, wegen des vorgezogenen Termins erstmals vor dem Beginn der Sommerzeit.

Bei Kurator Helmut Bien laufen im Projektbüro Luminale die Fäden zusammen. Er ist Inhaber der Agentur Westermann Kommunikation und arbeitet seit 2002 mit der Messe Frankfurt zusammen. Damals kam die Messe auf ihn zu, um Frankfurt zu einer Lichtstadt zu machen. Er gibt zu, dieses Mal vor dem Start ziemlich nervös zu sein. Man lebe in nervösen Zeiten, die Anschläge von Paris hätten 30 Projekte zunichtegemacht. In der Frankfurter Partnerstadt Lyon wurde das einzige weitere Lichtfestival in Europa gestrichen.

"Spinnst du?" heißt ein Projekt, bei dem Besucher eine Fassade illuminieren

Als ein Jokerprojekt des Jahres 2016 bezeichnet Bien eine interaktive Lichtinstallation am neuen Parkhaus auf der Südseite des Hauptbahnhofs. Besucher fahren auf zwei Spinning-Rädern um die Wette und illuminieren so die Fassade. "Ein Lichtlabor" kommentiert Bien das Vorhaben, das den ironischen Titel "Spinnst du?" trägt.

Ohne die Kirchen der Stadt gäbe es die Luminale nicht, glauben die Veranstalter. Denn diese öffnen bereitwillig ihre Räume, sind also öffentlich zugänglich, bieten Sicherheit und Heimatgefühl. Etwa die Installation von Hartung & Trenz in der Katharinenkirche an der Hauptwache, wo ein Kraftort und Ruhepol mit meditativem Charakter entstehen soll. In der Dreikönigskirche in Sachsenhausen dagegen wird ein Traumraum mit Klängen geboten. Im Haus am Dom sollen blitzartige Entladungen vorherrschen. Das flackernde Licht soll Fragen aufwerfen, obwohl in der Schöpfungsgeschichte das Licht ganz am Anfang steht und seine fundamentale Bedeutung in der Bibel immer wieder auftaucht.

Als sein persönliches Highlight bezeichnete Bien die audiovisuelle kinetische Lichtinstallation von Christopher Bauder im Mousonturm. Dieser "Digital Artist" hat in Berlin zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls eine Lichtgrenze installiert und inszeniert in Frankfurt die Musik von Robert Henke mit Lichtröhren. Schon als Klassiker der Frankfurter Lichtspiele dient der Hauptbahnhof mit seiner Gründerzeitarchitektur. In diesem Jahr soll der Eingangsbereich der Haupthalle ausgeleuchtet werden. Hinzu kommen diverse Einzelprojekte der Hochschule Mainz.

Vorschau auf die Lichtspiele 2016: An zentralen Plätzen gibt es Installationen.

(Foto: Tjark Ihmels/FH Mainz/PR)

In den Bögen der neuen Honsellbrücke im Osten der Stadt beherbergt der Kunstverein Familie Montez eine Reihe von Lichtmodellen. Von da aus ist es nicht weit zur Nachbarstadt Offenbach, wo Fabriken und Museen mit Lichtspielen locken. Ebenfalls in Sichtweite erhebt sich der Neubau der Europäischen Zentralbank, die zu guter letzt ebenfalls ein Projekt einreichte. Weithin soll das Eurozeichen auf der Fassade erstrahlen. Bien erzählt, er habe einen Luftsprung gemacht, als sich die Banker meldeten. Denn die EZB ist ein Zugpferd für Frankfurt in mehrfacher Hinsicht. Auch der Eurotower mitten in der Stadt, in den die Bankenaufsicht einzieht, macht mit. Beide Gebäude werden in einem Dialog im Rhythmus zur Ode an die Freude, also zur Europäischen Hymne, leuchten.

Alle Projekte an den Fassaden sind von Sponsoren finanziert und deshalb kostenlos zu besichtigen, worauf die Veranstalter gerne hinweisen. Zum Kreis dieser Geldgeber zählen die Bahn, Osram und auch der Frankfurter Versorger Mainova. Ein Umspannwerk soll dieses Mal mit seinen Fenstern die räumliche Struktur für die Lichtkonzeption farbiger Flächen werden. "Bauhaus ,goes' Mondrian" lautet das Motto, denn die Inspiration für das Projekt lieferte der Architekturstil des Gebäudes aus dem Jahr 1930. Der Bauhaus-Stil ist von modularen Formen geprägt und findet sich auch in der zeitgenössischen Malerei, zum Beispiel bei Piet Mondrian. Mithilfe moderner LED-Lichttechnik werden Mondrians typische Stilelemente erleuchtet.

Wer die Hochhauskulisse schätzt, der kommt nicht nur mit den weithin sichtbaren Gebäuden der EZB auf seine Kosten. Der Messeturm leuchtet in Rot und Weiß. Das im Bau befindliche Wohnhochhaus Praedium im neuen Europaviertel lässt zwei Bambus-Pflanzen aus Licht wachsen, ein asiatisches Symbol für Glück und Wohlstand. Die auf dem Kopf stehenden Pyramide des Hochhauses Trianon wird mit Licht bespielt, auch das mit Hilfe der LED Technologie. Dass Frankfurt die Stadt des Geldes ist, wird mit dem Projekt "Scheinbares" belegt. Historische Geldscheine aus Zeiten der D-Mark beleuchten die Fassade der Filiale der Deutschen Bank mitten in der Stadt. Da darf natürlich auch das goldene Kalb nicht fehlen, das eine Kirche im Westend vor ihr Gebäude stellt, um Macht und Gier gegen Gerechtigkeit und Freiheit aufzuwiegen.

Ein zentraler Luminale-Schauplatz ist die Naxoshalle, ein Zeugnis der Industriekultur. 20 Installationen finden sich allein dort. Wer die Frankfurter Industrie lieber live mag, muss sich nach Westen wenden. Im Industriepark Höchst produzieren 90 Unternehmen rund um die Uhr. Es bedarf keiner besonderen Installation, um diese gigantische Anlage zu erhellen. Denn sie ist täglich, genauer nächtlich, in weithin sichtbares Licht getaucht. Das lässt sich bei einer Rundfahrt durch die Industrieanlage noch genauer in Augenschein nehmen. Keine Frage, es mangelt nicht an Showrooms, Galerien, Museen, Kirchen, Bahnhöfen, Parkanlagen und ungewöhnlichen Orten für diese achte Luminale.

Auch an ungewöhnlichen Orten weisen Installationen auf die Luminale hin.

(Foto: Fabian Thiele/PR)

Berater haben berechnet, wie sich mit besserem Licht die Produktivität steigern ließe

2014 kamen 240 000 Besucher, außerdem passieren 600 000 Pendler den Hauptbahnhof. In Bussen, Straßenbahnen, Schiffen werden Rundfahrten organisiert, denn trotz kurzer Wege ist die Fülle der Projekte zu Fuß kaum zu schaffen. Bien jedenfalls lobt Frankfurt schon einmal als den Ort aus, in dem man in die Zukunft schaut, auf jeden Fall in die Zukunft des Lichts.

Das sieht auch Jürgen Waldorf so, der den Fachverband Licht vertritt. Er sieht in der Luminale die schöne Facette des Lichts. Da will die Industrie natürlich nicht abseits stehen. Unter dem Stichwort Human Centric Lighting stellten auch Unternehmen den Menschen in den Mittelpunkt. Licht sei der Taktgeber der inneren Uhr. Weil sich der Mensch zunehmend in Gebäuden aufhalte, müsse das künstliche Licht bei der Biologie nachhelfen. Eine Lichtdusche am frühen Morgen mit kühlem Licht helfe beim Start in den Tag. Für den Ausklang am Abend sei warmweiß und gedimmt ideal. Zu wenig Licht könne zu einer Winterdepression führen, manchmal fehle es an Schlaf und Konzentration.

Berater haben bereits berechnet, welche Folgen besseres Licht für die Produktivität hätte. 12,8 Milliarden Euro könnte es bringen, wenn alle Arbeitnehmer in Europa immer tagsüber hellwach und konzentriert arbeiten und wegen richtiger Beleuchtung nicht krank werden. Die Industrie sorgt mit ihren neuen Entwicklungen dafür, dass die Produktion rund läuft und genau berechnete Lux-Werte den Alltag erleichtern. Die deutsche Branche allein stellt jährlich Produkte für 4,4 Milliarden Euro her.