Londoner Firmen in Berlin "The Bürgeramt, it sucks"

Hallo, Berlin. Die Stadt hat Subkultur, günstigen Wohnraum, gut ausgebildete Menschen. Aber eben auch deutsche Mentalität.

(Foto: Brand Audience/obs)

Junge Gründer hatten in London alles: Netzwerke, Investoren, Erfolg. Nach dem Brexit ziehen einige von ihnen nach Berlin - und lernen dort die deutsche Bürokratie kennen

Von Verena Mayer, Berlin

Balazs Szabo läuft über die Berliner Baustelle, die demnächst sein Arbeitsplatz werden soll. Ein Schöneberger Bürohaus, in dem die Flure knallblau gestrichen wurden, Liegen für den Mittagsschlaf herumstehen und es einen Bereich zum Nintendo-Spielen geben wird. Szabo hat eines der Start-ups gegründet, die hier untergekommen sind. Er hat eine App für Autos gebaut, die auswertet, welche Strecken man privat und beruflich zurücklegt und wie viel Benzin man dabei verbraucht, eine Art digitales Fahrtenbuch. Das Start-up heißt Konetik. Szabo, 29, kommt aus Ungarn, er hat in Belgien studiert und in London gelebt. Jetzt will er mit einem eigenen Unternehmen sein Glück versuchen, die ersten Großkunden hat er schon. Szabo spricht Englisch und erzählt eine typische Geschichte vom Gründen, die mit dem Satz beginnt: "Und dann habe ich mein erstes Start-up in den Sand gesetzt." Und damit endet, wo er sich in fünf Jahren sieht: "Da will ich den Laden verkaufen und reich werden." So weit, so typisch.

Ungewöhnlich ist nur, warum Szabo überhaupt hier ist. Und nicht in London, wo er seinen Firmensitz hatte, ein Netzwerk und seine Investoren. Jedenfalls bis zum Brexit. Da merkte Szabo, dass es in London für ihn nicht mehr weitergeht. Wegen der Unsicherheit überall. Keiner wisse, was im Mai sein wird, wenn die Verhandlungen mit der EU über den Austritt Großbritanniens beginnen sollen.

Szabo ist einer jener Start-up-Unternehmer, die lieber heute als morgen London verlassen. Das sind einige, und es zieht sie nach Berlin. Neben Frankfurt, das die Banken und die Finanzbranche aus London anlocken will, könnte Berlin der deutsche Brexit-Gewinner werden. Zwar wird das große Geld immer noch in London gemacht. Doch auf der Liste der europäischen Städte, in denen am meisten Risikokapital eingesammelt wird, steht Berlin einer Erhebung der Beratergesellschaft Ernst & Young zufolge ganz weit oben, direkt hinter London, Stockholm und Paris. Arm, aber sexy war gestern, jetzt sehen viele in Berlin eine neue Gründerzeit anbrechen.

Berlin-Partner etwa, der Vermarkter des Standorts. Da sitzt Stefan Franzke, der Sprecher der Geschäftsführung, in einem großen Besprechungsraum und erzählt, wie er die ersten Tage nach der Brexit-Abstimmung verbrachte. Mit Anrufern aus Großbritannien nämlich. "Die klingelten durch auf allen Leitungen, in allen sozialen Medien, und sagten, wir müssen nach Berlin." Franzke sagt, man solle ihn nicht falsch verstehen, er bedaure den Brexit und erwarte große Probleme für Europas Wirtschaft. Aber wenn es schon so weit komme, müsse man eben auch die Vorteile sehen.

Hier kommt man schwerer an Geld und wartet monatelang auf den Internetanschluss

Vierzig Unternehmen hätten in den vergangenen Monaten Informationen für einen Umzug nach Berlin eingeholt oder bereits Büros besichtigt, erzählt Franzke, die meisten haben mit Finanztechnologie oder Gesundheit zu tun. Demnächst fahren er und seine Leute nach London, um noch mehr junge Firmen für die Hauptstadt anzuwerben. Zudem hofft Franzke auf Unternehmer aus Asien oder den USA, die es derzeit nach Europa zieht. Die würden London ebenfalls meiden, "keiner investiert schließlich in eine unsichere Lage".

Aber warum sollten die alle nach Berlin? Frage an Anja Popp, Personalchefin beim internationalen Spieleentwickler King. Die Firma kennt man, weil sie das Spiel "Candy Crush Saga" erfunden hat, bei dem man Bonbons einsammelt. Weltweit wurde es 500 Millionen Mal heruntergeladen. Die Firma hat ihren Hauptsitz in London, seit 2014 ist man auch in Berlin vertreten. Popp, studierte Sozialpädagogin und im Osten Berlins aufgewachsen, führt durch ein quietschbuntes Büro, das aussieht wie ein überdimensionales Kindercafé. Eine Kaffeebar, bunte Zettel überall, eine lange weiße Rutsche. Um die achtzig Leute arbeiten hier, und sie habe noch nie Probleme gehabt, hochqualifizierte Leute für Berlin zu begeistern, sagt Popp. Anders als Frankfurt, über das ausländische Banker angeblich lästern, es sei halb so groß wie der Friedhof von Manhattan, aber doppelt so tot. Weil Berlin einerseits international sei, "man kommt hier super klar ohne eine Wort Deutsch zu sprechen". Man aber andererseits eine Subkultur finde, wie es sie höchstens noch im New York der Achtziger gab. "Das ist ein einziger Spielplatz für Erwachsene". Dazu ziehen im Jahr etwa 50 000 Leute zu, die meisten jung und bestens ausgebildet. Und Platz gebe es, der für eine Metropole auch verhältnismäßig billig sei.

Allerdings sieht Popp Grenzen. Von den Umzugsunternehmen, die ihre Leute betreuen, hört sie immer wieder, wie schwer es inzwischen ist, in Berlin eine Wohnung zu finden. Freiräume verschwinden oder werden verbaut. Andere Gründer beklagen zudem, dass es in Deutschland wesentlich schwerer sei, Geld zu bekommen, da die Deutschen nicht besonders risikofreudig seien. Dazu kommt die deutsche Bürokratie.

Szabo, der Gründer aus Ungarn, sagt, in London dauere es zwei Tage, und dann sei eine Firma eingetragen. In Berlin vergingen allein drei Monate, bis er einen Internet-Anschluss hatte. Und da sei noch "the Bürgeramt", sagt Szabo. "It sucks."

Bei Berlin-Partner lässt man sich davon nicht in der Euphorie bremsen. Auch nicht vom Einwand, dass noch einiges zum deutschen Silicon Valley fehle, zum Beispiel ein Flughafen. Stefan Franzke sagt, nicht zuletzt eines mache Berlin für Start-ups so attraktiv: eine Kultur des Scheiterns.