Lidl Der geheimnisvollste Unternehmer Deutschlands

Expansion, die keine Grenzen kennt - wie der öffentlichkeitsscheue 63-Jährige mit umstrittenen Methoden zum größten Konkurrenten von Aldi wurde.

Von Von Karin Steinberger

(SZ vom 29.11.03) — Fangen wir beim Joghurt an, dort, wo sich bei ein paar Grad über Null Bilanzzahlen und Komplexitätskurven in blassgrünen Plastikbechern verlieren.

In den Kühlregalen einer Lidl-Filiale, in denen sich Verkäuferinnen beim Einräumen ihre Fingernägel abbrechen und Filialleiter an der Häufigkeit der Auffüllung ihre Karrierechancen ablesen.

Gigantische Umschlagplätze so genannter schnell drehender Ware, ständig nachgefüllt und leergekauft, Gradmesser für Produkte-Rentabilität und Preispolitik.

Der Superkrämer

Hier, zwischen Delikatess-Fleischsalat und Gebirgsjäger Traditionsschinken, zwischen Milbona-Mozzarella und Erdbeer-Joghurt, kann man sich dem annähern, was das Manager Magazin den "Angriff des Super-Krämers" nennt: dem Aufstieg des Dieter Schwarz, Patriarch des Lidl & Schwarz-Imperiums, angeblich besessen von der Idee, den Kultdiscounter Aldi zu überholen.

Es ist die geheime Mission eines Unbekannten. Nur im Kühlregal erwischt man ihn. Neckarsulm steht da, eingestanzt auf jedem Joghurtbecher, auf jeder Krabbendose. Mehr ist nicht zu erfahren. Der Mann redet nicht. Niemand redet. Also fährt man hin.

Am Anfang ist Schweigen. Penetrantes, trotziges Schweigen. Die ganze Stadt hält dicht, legt sich mit sanfter schwäbischer Sturheit um ihren Helden herum, ein Kokon aus Regionalstolz. Nirgendwo erfährt man weniger über Dieter Schwarz als in Neckarsulm und Heilbronn, seiner Heimatstadt, gleich daneben.

Hier lebt er, unerreichbar, unerkannt. Einer der reichsten Männer Deutschlands, von dem es heißt, er habe die Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg abgelehnt, weil er nicht fotografiert werden wollte. Ein einziges Bild gibt es von ihm, schwarz-weiß steht er da, gepunktete Krawatte, Brille in Tropfenform. Das Foto ist schon älter. "Der kann in Heilbronn über den Marktplatz spazieren, ohne dass ihn jemand erkennt", meint einer. Mehr möchte er nicht sagen. Er ist nicht der Einzige.

Geheimste Adressen

Die Annäherung an Dieter Schwarz und sein Imperium ist ein ermüdendes Scheitern an Sekretärinnen und Vorzimmerdamen, die alle nur sagen, dass sie nichts sagen. Die Firma zelebriert die gleiche Verschwiegenheit wie der Mensch, der dahinter steckt. Ganz Heilbronn bockt.

Dieter Schwarz? Der Pfarrer tut ahnungslos und verweigert jeden Kommentar. Kein Wort dazu, ob es wahr ist, dass Schwarz bisweilen selbst in die Kanzel stieg und predigte. Nur ein paar Namenlose verraten Telefonnummern weiterer Namenloser, die auch nichts sagen. Einer kritzelt Straßenzüge auf einen Zettel.

Da wohnt der Schwarz, da arbeitet er, in einem Büro, so schmucklos wie seine Discountermärkte, gleich bei der Fleischzentrale. Geheimste Geheimadressen. Videokameras über den Eingangstüren.

Heilbronn schweigt

Eine freundliche Stimme hatte uns vorgewarnt: "Nach Heilbronn brauchen Sie gar nicht erst zu fahren, da werden Sie keine Informationen bekommen. Die Stadt hüllt sich in Schweigen." Nur der Oberbürgermeister redet. "Heilbronn wäre um einiges ärmer, wenn es Dieter Schwarz nicht gäbe, das muss man schon sagen", sagt Helmut Himmelsbach.

An der Wand hängt eine Karte von Heilbronn und Neckarsulm. Zwischen den Städten liegt mächtig und lila das Gewerbegebiet. Ein wucherndes, die Stadtgrenze verschlingendes Gebilde. 1972 zog das Unternehmen Lidl & Schwarz seine Zentrale aus Heilbronn ab und ging in das Gewerbegebiet Rötel in Neckarsulm, direkt hinter die Grenze.

Knapp daneben und steuersparend. "Leider fließt das Geld in die Nachbargemeinde. Aber da darf man nicht so engstirnig sein wegen der Gewerbesteuer, Dieter Schwarz schafft Arbeitsplätze für die ganze Region und tut alles, um die Stadt voranzubringen. Ab und zu erfährt man durch Zufall, dass er wieder geholfen hat", sagt Himmelsbach.

Vor dem Oberbürgermeister-Fenster steht eingepackt der Turm der Kilianskirche, Frührenaissance, das Wahrzeichen der Stadt. Der Bau war in einem beängstigenden Zustand, sanierungsbedürftig. Geld war nicht genug da. Also hat Dieter Schwarz geholfen mit seiner Lidl-Stiftung. Geldgeber - offiziell unbekannt. Er macht das gerne: Gutes tun und nicht darüber sprechen.

Expansiv und aggressiv

Ein 63-Jähriger, vom freikirchlichen Glauben geprägt, bescheiden, sparsam. So mögen sie das hier. Geschäftlich ist er ähnlich zurückhaltend, der Herr über ein Unternehmen, das die Lebensmittelzeitung "Deutschlands expansivsten und preisaggressivsten Großflächenbetreiber" nennt.

Auf einem Handelskongress in Berlin soll er sich das Namensschild eines Vertriebsmanagers angesteckt haben, um unerkannt zu bleiben. Das Manager Magazin zitiert einen Banker, der Dieter Schwarz für einen Lidl-Kunden hielt.

Am Heilbronner Rathaus hängt ein Transparent: "Städte in Not." Die Finanzlage der Stadt ist schwierig. Die von Dieter Schwarz eher nicht. Die Geschichte des Sohnes eines Früchtegroßhändlers ist eine 30-Milliarden-Euro-Erfolgsgeschichte. So hoch schätzen die Marktforscher bei M+M Eurodata den Jahreserlös der Schwarz-Gruppe insgesamt ein. Es sind Schätzungen, wie gesagt, konkrete Bilanzzahlen gibt es nicht. "Es ist ein bisschen besser als Kaffeesatz lesen", sagt Herbert Kuhn.

Dann lacht er, was bleibt ihm übrig. Er ist bei Eurodata in Frankfurt zuständig für den Handel in Deutschland. Die Lebensmittelbranche macht es ihm nicht leicht. "Das sind von Inhabern geführte Unternehmen. Schlecker, Schwarz, die Albrecht-Brüder bei Aldi. Da steckt bei vielen eine ganz bestimmte Denke dahinter. Die sehen sich als Familie, die draußen geht das gar nichts an."

Geheimbündlerisch

Herbert Kuhn kämpft sich durch das Ungefähre: "Mittlerweile ist Lidl schlimmer als Aldi, verschwiegener, geheimbündlerischer. Es gibt ja seit 2000 eine Publikationspflicht. Kaum war die heraus, fing Aldi an, Umsätze einzelner Niederlassungen zu veröffentlichen. Lidl hingegen hat seine Niederlassungen aufgeteilt, um der Publizitätspflicht zu entgehen." Es gibt keine Ansprechpartner, keine Öffentlichkeitsarbeit.

Anrufer landen bei Lidl-Dienstleistung, wo eine Frau nur sagt, man werde zu Zahlen nichts sagen. Auch für Kuhn war immer in Vorzimmern Schluss. Wenn er seine Fragebögen verschickt, hat er früher, als sie bei Aldi noch ähnlich verschlossen waren, immerhin die freundliche Auskunft bekommen, dass man solche Fragen nicht beantworte. "Bei Lidl klingt das sehr viel barscher. Also hole ich mir meine Informationen von da und dort und wo auch immer." Es gibt überall undichte Stellen.

Irgendwo hinter all den Unwägbarkeiten und Schätzungen entsteht ein gigantisches Imperium: 5600 Läden und 80.000 Mitarbeiter soll die Schwarz-Gruppe mittlerweile laut Manager Magazin in ganz Europa haben. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg spricht von 16 Prozent Umsatzwachstum bei Lidl in den ersten fünf Monaten dieses Jahres und von nur 5,5 bei Aldi.

Zwei Universen

Kuhn ist da ein bisschen vorsichtiger, er spricht zwar auch von 16 Prozent Wachstum bei Lidl, allerdings von 10 Prozent bei Aldi. Er sagt: "Es ist schwer, zwei Universen zu vergleichen. Aber dass Lidl mittlerweile stärker wächst als Aldi, ist unbestritten. Lidl ist ohnehin der Einzige, der Aldi Paroli bietet.

Es ist aber nicht so, dass das eine wirkliche Bedrohung darstellt. Aldi ist in Deutschland mit 25 Milliarden Umsatz immer noch fast dreimal so groß wie Lidl mit 9,5 Milliarden", sagt Kuhn, mehr Detektiv als Marktforscher.

Die Schlacht findet außerhalb Deutschlands statt. Die Expansion im Ausland läuft generalstabsmäßig ab. Lidl ist in vielen Ländern größer, Lidl ist in mehr Ländern, Lidl geht überall hin. Kuhn sagt: "Aldi ist eher zurückhaltend im Ausland, während Lidl da klotzt, richtig klotzt."

Das Unternehmen hat Filialen in 14 Ländern, breitet sich aus nach Osteuropa, Kanada, Skandinavien. Seit kurzem ist Lidl in Schweden, wo der Discounter gerade elf Läden eröffnet hat und zum Einstand für einen halben Liter Gösta-Johansson-Bier 25 Cent verlangt.

Teures Schweden

Sonderangebot. Beginn einer Preisschlacht, die revolutionär ist in einem Land, in dem Lebensmittel durchschnittlich 18 Prozent teurer sind als in Deutschland. Drei Jahre wollte die lokale Konkurrenz das Eindringen verhindern. Vergeblich.

Es ist Donnerstagmorgen. Leute rennen in die Lidl-Filiale Heilbronn. Angebotstag. Da stehen sie nicht selten eine Stunde in der Schlange, für Staubsaugerdüsen, 3,79 Euro, Kleinkinder-Schneeanzüge, 10,99 Euro, Herren-Canadian-Boots, 25,99 Euro. Ganze Familien machen sich über die Aktionsware her, obwohl die Stiftung Warentest gerade festgestellt hat, dass sich das Schlangestehen oft nicht lohnt.

Nur etwas mehr als ein Drittel der Schnäppchen aus dem Lebensmittelhandel sei empfehlenswert, jedes vierte Produkt ein Fehlkauf. Egal, es gibt Angebote nur, solange der Vorrat reicht. Wie bei Aldi. Alles ist wie bei Aldi. Selbst die gelben Fußbodenkacheln, wie bei Aldi Süd. Lidl ist auf den ersten Blick die perfekte Kopie. Billig, ohne viel Schnickschnack. Klarheit, Verzicht, Konsequenz.

Die Kopie schläft nicht

Dieter Brandes nennt das den "Weg zum Wesentlichen" oder auch "steinzeitliche Direktheit". Der Diplomkaufmann war Geschäftsführer und Mitglied des Verwaltungsrats bei Aldi und ist Autor von Büchern wie "Konsequent einfach".

Brandes sagt: "Lidl ist dicht dran. Die haben ja Manager von Aldi übernommen, die wissen, wie man so was macht. Aber ich denke nicht, dass die Kopie ein Problem für Aldi wird. Konkurrenz belebt das Geschäft. Da heißt es: Besser sein, nicht einschlafen."

Und je näher man rangeht, desto größer sind die Unterschiede. Lidl hat ein fast doppelt so großes Angebot, mehr Frisches, Lidl hat Markenartikel, zahlen kann man bei Lidl auch mit Kreditkarte. "Aber Preise und Qualität sind diffus", sagt Brandes. "Und Produktivität erreicht man nicht, indem man hinter seinen Mitarbeitern mit der Peitsche steht. Man muss das System verbessern." Denn noch einen Unterschied gibt es.

Die katholischen Albrecht-Brüder sollen zwar bei Qualitätsmängeln unangenehm werden, sonst aber fair mit den Handelspartnern umgehen, steht im Manager Magazin, bei Lidl aber werde gebrüllt wie im Zoo, Lieferanten würden geknechtet von "geklonten Einkäufern, die versuchen, die Leute fertig zu machen".

Begeisterung

Am Stadtrand von Heilbronn, gleich beim Obi, pflegt man einen anderen Umgangston. Hier finanziert die Lidl-Stiftung die Akademie für Information und Management (AIM). Geschäftsführer Harald Augenstein ist begeistert vom eigenen Projekt "Operativ eigenständige Schule". Er schiebt Zettel mit Seminarangeboten über den Tisch.

Management- und Führungstraining für SchulleiterInnen, Konflikte im Schulalltag produktiv und kreativ lösen. Man wolle aus Lehrerkollegien Lehrerteams bilden, mit dem Ziel, diese Region voranzubringen, sagt er. Von Steuergruppen, Clearingstellen, von virtuellen Plattformen und OES-Beratern ist die Rede. Alles kostenlos.

Eigentlich wollte Dieter Schwarz eine IT-Akademie finanzieren: "Da sehen Sie die Flexibilität des Stifters. Uns geht es um ein anständiges Miteinander", sagt er.

Durchblick im Chaos

Von einem anständigen Miteinander kann Christian Paulowitsch nur träumen. Er ist Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Stuttgart, Fachgruppe Handel. Sein Bart wird von unten her grau. 24Jahre lang war er Angestellter im Schwarz-Imperium, er kennt die Gegenseite.

Das macht es nicht einfacher: "Ich habe eine hohe Frustrationsgrenze, aber es ist nicht leicht." In der Großfläche des Schwarz-Imperiums, bei Kaufland und Handelshof, sehe es besser aus. Aber in der Discount-Schiene, bei Lidl, komme man nicht weiter. Einen Betriebsrat gebe es gerade mal in fünf der mehr als 2300 Filialen in Deutschland.

Das Jahr 2002 hatte Verdi zum Lidl-Jahr erklärt. Doch das Imperium schlug zurück, gliederte Filialen in eigene Vertriebs GmbH & Co KGs aus, um die Organisation von gemeinsamen Betriebsräten zu erschweren. "Ich will Sie nicht erschlagen, aber da ist ein Firmenkonglomerat von mehr als 400 Firmen entstanden", sagt Paulowitsch. "Ein bewusst geschaffenes Nirwana" nennen sie das bei Verdi.

Anonymer Informant

Allein in Neckarsulm soll es mehr als 270 Firmen der Schwarz-Gruppe geben, sagt einer, der ungenannt bleiben will. Außerdem herrsche in diesen Familienunternehmen ein Klima, "da darf man eher Frau und Kinder schlagen, als die Firma verraten. Schlecker, Lidl, dm, die arbeiten alle mit Angst und Druck, mit militärischen Hierarchien".

Bei Verdi arbeiten sie seit Monaten daran, ein Organigramm des Konzerns zu erstellen, sammeln Amtsgerichtsmeldungen und versuchen, das Chaos zu durchschauen. "Aber die Expansion ist so rasant, wir kommen da nicht hinterher", sagt Paulowitsch.

Immer wieder gab es Versuche, Betriebsräte zu gründen. "Einmal sind uns die Leute kurz vor der Wahl umgekippt. Da werden plötzlich Gespräche geführt mit Mitarbeitern. Und schützen können wir die ja erst als Betriebsräte." Von boykottierten Betriebsratswahlen erzählt Paulowitsch. Davon, wie das Unternehmen die Herausgabe von Namenslisten der Angestellten verweigerte.

Von Mitarbeiterversammlungen, bei denen kein Mitarbeiter, dafür aber haufenweise Lidl-Manager auftauchten. Zur Abschreckung. Von geheimen Treffen in Hotelzimmern mit verängstigten Angestellten spricht er, und von dem Versuch, Dieter Schwarz persönlich zum Einlenken zu bewegen. Der ließ ausrichten, er sei nicht mehr zuständig, habe sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen.

Rein rechtlich ist er aus allem draußen, aber "er ist nach wie vor der Gottvater", wie ein Verdi-Sprecher sagt. "Der hat sich noch nie die Finger schmutzig gemacht", sagt Paulowitsch. Es ist ein Kampf gegen einen Feind, der gar nicht erst antritt. Wieder scheitert man an der Dame von Lidl-Dienstleistungen. "Nein", sagt sie, auch dazu "keine Auskünfte".

Gedemütigt und bedroht

Gesprächiger gibt Lidl sich im virtuellen Raum. Auf der Internetseite gibt es Infos zur Hausphilosophie. Von Kundenzufriedenheit und Fairness ist da die Rede, von einem Klima des Vertrauens, von Lob, Anerkennung, Kritikfähigkeit.

In der Lokalzeitung Heilbronner Stimme schreibt ein Leser: "Sollten wir nicht jeden Tag sehr dankbar sein, dass es einen Dieter Schwarz gibt, der unsere Region durch seine Initiative, Risikobereitschaft und Visionen wirtschaftlich stärkt ...Hätten wir doch viele Dieter Schwarz! Wir würden leben wie im Schlaraffenland."

Das mit dem Schlaraffenland sieht die Frau, der wir jetzt gegenüber sitzen, anders. Es hat gedauert, bis sie sich bereit erklärt hat zu reden. Aber bitte, kein Name, kein Ort, nichts, woran man sie erkennen könnte. Zweimal sagt sie das Gespräch ab, dann zu. Sie hat Angst, immer noch. Mehr als zehn Jahre hat sie als Verkäuferin und Kassiererin bei Lidl gearbeitet. "Die schreien einen an wie ein kleines Kind, Leute, die vom Alter her meine Kinder sein könnten", sagt sie.

Jahrelang hat sie alles ertragen, die Demütigungen vor den Kunden, das ewige Misstrauen. Bei Krankheit musste man sich beim Bezirksleiter abmelden. Nach der Arbeit wurden in ihrer Filiale Jacken, Handtaschen und Autos durchsucht. "Ich bin dann immer ohne Jacke und Tasche gekommen, hatte Angst, sie legen mir was rein." Arbeitsantritt war 15 Minuten vor Arbeitsbeginn.

Das gehöre zum Charakter, wurde ihr gesagt. Von Gegenüberstellungen in der Filialkammer erzählt sie, von Drohungen, von Strafversetzung. "Da durfte man wochenlang 80 Kilometer bis zur Arbeit fahren." Alle hätten sie blutige, schrundige Finger gehabt, weil die Kartons so eng standen. Und dann der Druck von oben, auch auf die Filialleiter, die sich Urlaub nahmen und trotzdem arbeiteten, um das Soll zu erfüllen.

Von Akkordarbeit redet sie und zig Überstunden, die oft nicht abgerechnet wurden. Sie habe meist am Freitag noch nicht gewusst, wann sie am Montag arbeiten müsse. Von wegen Freiheit durch Teilzeitarbeit. Und ständig Kontrolleinkäufe, bei denen geprüft wurde, ob man etwas übersieht, ob man beim Abkassieren jeden Getränkekasten hochhebt, ob man dem Kunden hilft beim Einräumen, wenn er es nicht schafft, so schnell.

Überwachungsinstrument Kasse

Die Kasse sei Überwachungsinstrument gewesen. Am Kassenbon sei ja alles ablesbar. Wie oft Storno, wie schnell, wie oft Pause. Wer aufs Klo musste, hatte zu klingeln. Demütigend eingeklemmt in der Kasse. "Und bei uns war es immer arschkalt."

Sind ja fast nur Frauen bei Lidl, die meisten Teilzeitkräfte, viele geschieden, allein erziehend, ehemalige DDRlerinnen. "Da muckt keine auf. Wenn man das Geld braucht, lässt man sich viel gefallen."

Sie starrt ihre Hände an: "Ich weiß, von was der Dieter Schwarz so reich geworden ist", sagt sie. Oft habe sie nachts geträumt, vom Kühlregal, von Delikatess-Fleischsalat, Gebirgsjäger-Traditionsschinken, Milbona-Mozzarella und Erdbeer-Joghurt. Es waren furchtbare Träume, in denen blassgrüne Joghurtbecher auftauchten, Paletten, Kartons, Tiefstpreise. Angstträume, ein paar Grad über Null.