Lesenswerte Wirtschaftsblogs Viel los im Affenkäfig

Sie werden mehr, sie werden besser: Eine Reihe von Blogs kommentiert die aktuelle Wirtschaftslage. Es geht tiefsinnig um Geldpolitik, um Banken mit Filialen auf Facebook und freche Kommentare. Eine Blogschau.

Von Bastian Brinkmann

John Sides sitzt im Affenkäfig und fühlt sich wohl. Der amerikanische Politikprofessor gibt Vorlesungen und veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten wie andere Professoren auch - aber er macht noch ein bisschen mehr. Er bloggt, zusammen mit Kollegen, unter dem Titel Monkey Cage.

Diskurs im digitalen Raum.

(Foto: dpa)

Warum er das macht, hat er letztens in einem Aufsatz höchst wissenschaftlich beschrieben. Kurz gesagt: In einem Blog kann ein Experte laut denken. Er wirft Themen, Thesen und Argumente in die Runde - und jeder kann ihm antworten, egal, ob ein Professor aus Japan oder ein belesener Laie aus Südafrika. Diese Rückmeldungen lässt Mister Sides in den nächsten Aufsatz einfließen.

Auch in den deutschen Blogosphäre gibt es Autoren, die sich im Sinne des Professors mit Wirtschaft auseinandersetzen. Viele haben in der Finanzkrise angefangen, im Internet zu veröffentlichen. Zwar haben einige Blogs Werbung geschaltet, große Sprünge aber kann keiner machen. Einnahmen im niedrigen dreistelligen Bereich sind schon üppig. Davon kann man gerade die Server-Kosten bezahlen. Ein Job-Ersatz ist das Bloggen im Sektor Wirtschaft in Deutschland noch für niemanden - trotzdem ist die Qualität mitunter hoch. Eine Blogschau - und ein Blick auf die angelsächsische Blogosphäre.

www.weissgarnix.de

Weissgarnix ist der Feuilletonist unter den Wirtschaftsbloggern. Hinter dem Pseudonym steckt der Österreicher Thomas Strobl, 43, der mittlerweile als Finanzmanager in Hamburg lebt. Er kommentiert die Wirtschaftslage lakonisch und mit Literatur-Zitaten, kombiniert beispielsweise Nietzsches und Hegels Analyse der Schuld im strafrechtlichen und moralischen Sinne und den wirtschaftlichen Begriff der Schulden. Täglich besuchen rund 5000 Leute die Website.

www.diewunderbareweltderwirtschaft.de

Egghat ist der Prototyp eines Wirtschaftsbloggers. Der Software-Entwickler, der nicht unter seinem echten Namen im Internet unterwegs ist, kommentiert seit fünf Jahren meist sehr pointiert die aktuellen Wirtschaftsnachrichten. Als beispielsweise die Selbstmord-Serie beim Apple-Zulieferer Foxconn die Medien beschäftigte, schaute er nach, wie die Suizidrate in China durchschnittlich aussieht. Die traurige Wahrheit: Die Rate bei Foxconn lag im landesweiten Mittel. Egghat ist auch sehr aktiv auf Twitter und verschickt viele interessante Links auf dem Kurznachrichtendienst.

www.blicklog.com

Hinter dem Blicklog steht der Unternehmensberater Dirk Elsner, 47, aus Bielefeld. Bei ihm geht es um Banken, Finanzierung und Risikomanagement - und zwar tiefgründig. Elsner zitiert zum Beispiel neue Erkenntnisse der Chaosforschung, um zu erörtern, wie Banken sich gegen Ausfälle absichern. Jede Woche schreibt er zwischen vier und fünf Beiträge, meist abends im Hotel oder am Wochenende morgens.

kantooseconomics.com

Kantoos ist ein weiterer Blogger, der nicht unter seinem echten Namen wirkt. Der Autor analysiert Wirtschaftswissenschaften und erklärt, welche Politik sich daraus ableitet. Wegen der Finanz- und Schuldenkrise steht aktuell oft die Geldpolitik im Vordergrund. Die Anonymität schadet der Akzeptanz des Blogs nicht: Letztens hat sogar Nobelpreisträger und New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman auf Kantoos verlinkt. Mit dem Übersetzungsdienst von Google hatte sich der Ökonom den Beitrag durchgelesen und für gut befunden.

lochmaier.wordpress.com

Lothar Lochmaier, 51, beschäftigt sich mit Social Banking. Den Fachjournalisten interessiert, wie der technische Fortschritt die Finanzwelt beeinflusst. Seine Hauptthese ist auch Leitthema seines Blogs: Der Kunde übernimmt die Regie. Abgeschottete Banken werden es in Zukunft schwer haben, wenn sie sich nicht auf den Dialog mit den Kunden einlassen. Warum das so ist, erklärt Fachjournalist Lochmaier in langen, ausgiebigen Einträgen. Letztens hat er eine neuseeländische Bank vorgestellt, die auf Facebook eine virtuelle Filiale betreibt.

www.finblog.de

Der Journalist Andreas Kunze, 45, Düsseldorfer, schreibt seit langem über Verbraucherthemen und Finanztipps für Private. Weil diese Themen ihm keinen Raum lassen zu kommentieren, hat er seinen Finblog gestartet, sagt Kunze. Hier beißt er auch gerne einmal zu: Die Verbraucherzentrale NRW habe die Direktbank ING-Diba zu positiv bewertet, schrieb Kunze, und erwähnte wie beiläufig, dass die Bank die Verbraucherschützer mit Spenden bedenke. In dem Fall gab die Verbraucherzentrale Kunze Recht - nur den impliziten Spenden-Bestechlichkeitsvorwurf wies man zurück.

logicorum.wordpress.com

Aloa5 ist Gründungsmitglied der Piratenpartei und für die Wirtschaftspolitik der Netzpartei mitverantwortlich. Der Internet-Spitzname gehört zu Otmar Scherer-Gennermann, 39, aus Müllheim. Er bloggt erst seit ein paar Monaten, hauptsächlich über Wirtschaftsmeldungen, die er anders bewertet als beispielsweise ein Herr Rösler im Fernsehen.

Herdentrieb

Auf Zeit-Online bloggt ein Team aus Journalisten, Doktoranden und Uni-Dozenten darüber, wie der Kapitalismus funktioniert.

Ökonomen auf Twitter

Olaf Storbeck ist Redakteur beim Handelsblatt und bloggt selbst auf Englisch. Er hat im April die deutschen Ökonomen-Twitter-Charts zusammengestellt. Auf dem Kurznachrichtendienst lesen Tausende beispielsweise die Nachrichten von littlewisehen und doener. Für den angelsächsischen Raum hat Tim Harford von der Financial Times ein Ranking aufgestellt, welche englischsprachigen Twitter-Kanäle am meisten abonniert werden - und welche außerdem lesenswert sind.

Englischsprachige Wirtschafts-Blogger

Im angelsächsischen Raum erreichen manche Blogs im Vergleich zu Deutschland ein Vielfaches an Lesern. Einige Angebote sind sehr professionell, beispielsweise Business Insider. Die Seite ähnelt bereits mehr einer Nachrichtenseite als einem Blog.

Den meistgelesenen US-Wirtschaftsblog betreibt der Nobelpreisträger Paul Krugman unter dem Dach der New York Times. Fast 200.000 Besucher hatte seine Seite im April. Das Time-Magazin hat vor kurzem eine Liste mit den Top 25 Wirtschaftsblogs zusammengestellt. Neben Krugman (Platz 1) finden sich weitere, interessante Projekte, die jeweils kurz von anderen Bloggern vorgestellt werden.

Die Businessweek hat in einer Grafik zusammengestellt, welche US-Wirtschafts-Blogs die meisten Leser haben. Der Ökonomie-Professor Tyler Cowen mit Kollegen betreibt einen Blog namens Marginal Revolution und wurde gerade von der Businessweek porträtiert. Das Magazin nennt ihn eine autistische, lexikonartige, ökonomische und elektronische Ideenmaschine.

Wenn es spannende, interessante, kontroverse Blogs gibt, die in dieser Liste nicht auftauchen: Schreiben Sie eine E-Mail, schicken Sie einen Tweet oder ergänzen Sie die Reihe in den Kommentaren.