Krematorien Der Kampf um die Asche

Eine wachsende Zahl von Bundesbürgern lässt sich nach dem Tod verbrennen, viele neue Krematorien sind deshalb entstanden - womöglich zu viele.

Von Bernd Kramer

Durch das Guckloch im Verbrennungsofen sieht man schwarze Rippenbögen. Bis Haut, Haare, Muskeln und Organe verkohlt sind, dauert es eine gute Stunde. Zweieinhalb Liter Asche bleiben durchschnittlich von einem Menschenleben.

Seit die Krankenkassen das Sterbegeld gestrichen haben, steigt die Nachfrage nach Feuerbestattungen.

(Foto: Foto: dpa)

Bis es so weit ist, heißt es für Uwe Recht: abwarten. Er holt sich eine Tasse Kaffee, nimmt vor dem Computer Platz, überwacht die Temperaturwerte und den CO2-Gehalt im Verbrennungsofen. Für den 39-Jährigen ist die Arbeit im Kölner Krematorium "ein Job wie jeder andere auch". Plakate, die für Urlaub in Südtirol werben, schmücken die Wände im Arbeitsraum. Vor den Ofenklappen warten die nächsten Särge.

Über zu wenig Arbeit können sich Recht und seine Kollegen nicht beklagen. Mehr als 6000 Verstorbene werden pro Jahr in Köln kremiert. Seit die Krankenkassen das Sterbegeld gestrichen haben, erlebt das Krematorium einen Aufschwung, denn Feuerbestattungen sind in der Regel billiger als Erdbestattungen.

Kremation im Trend

Und nicht nur in Köln liegt die Kremation im Trend. Deutschlandweit hat ihr Anteil in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Trotz der regionalen Unterschiede - die Quoten schwanken zwischen 20 Prozent im katholischen Süden und Westen bis zu teilweise 100 Prozent im Norden und Osten - steigt der Anteil unterm Strich kontinuierlich: Etwa 45 Prozent aller Verstorbenen werden inzwischen verbrannt.

Die Zahl der Krematorien steigt deshalb. "In den letzten Jahren gab es einen Boom an Neugründungen", sagt Renate Nixdorf von "Aeternitas", einer Verbraucherinitiative für Fragen rund um das Bestattungswesen. So sei ein gutes Drittel der etwa 150 Krematorien in Deutschland nicht älter als fünf Jahre.

Die Zeitschrift Friedhofskultur zählte allein im vorigen Jahr 20 Anlagen in der Planungs- und Bauphase - und sieht nicht ohne Sorge in die Zukunft: Vielerorts sei es bereits zu einer "ungesunden, ja ruinösen Dichte an Krematorien" gekommen. Toni Hanrieder von der Arbeitsgemeinschaft der Krematorien in Deutschland kann dies nur bestätigen: "Die Marktsättigung haben wir schon 2005 erreicht."

Nach einer Schätzung der Arbeitsgemeinschaft könnten alle deutschen Krematorien zusammen bis zu 800.000 Leichname im Jahr einäschern - das Doppelte von dem, was sie gegenwärtig leisten.

Private Krematorien setzen staatliche unter Druck

Kräftig Bewegung in den Markt brachten die privaten Krematorien. Das erste nahm 1997 im rheinland-pfälzischen Landau den Betrieb auf. Heute werden etwa 27 Anlagen privat betrieben, meistens von Bestattern. Zulässig sind private Krematorien inzwischen in den meisten Bundesländern. Laut Aeternitas sind die privaten oft die günstigeren Anbieter. Und nicht selten setzen sie die alteingesessenen staatlichen unter Druck.

Beispiel Hamburg: Zwei- bis dreitausend Einäscherungen jährlich hat das städtische Krematorium nach eigenen Angaben verloren, seit sich im Umland vorwiegend private Mitbewerber angesiedelt haben.

Noch härter trifft es Berlin, ebenfalls Metropole mit langer Feuerbestattungstradition. Das Sorgenkind des Senats: das Krematorium Baumschulenweg. Das vor sieben Jahren fertig gestellte Gebäude hat 31 Millionen Euro verschlungen - aber die auf jährlich 13.000 Einäscherungen angelegten Öfen laufen auf Sparflamme. Auch die zweite Anlage, die es in der Hauptstadt gibt, ist nicht ausgelastet. Im vorigen Jahr mussten die Berliner Einäscherer daher mit 700.000 Euro subventioniert werden.

Die wirtschaftliche Situation der Krematorien werde immer prekärer, klagt Hans-Georg Büchner von der Senatsverwaltung. Die Schuldigen hat er schnell ausgemacht: "In Brandenburg wird die Errichtung von Krematorien auch ohne Bedarfsnachweis freigegeben. Hintergedanke sind dabei natürlich die Berliner Toten."

Kind der Industrialisierung

Für den Kulturhistoriker Norbert Fischer, der ein Buch zur Geschichte der Kremation verfasst hat, ist das Krematorium ein typisches Kind der Industrialisierung, die auch den Tod in einzelne, optimierbare Arbeitsabläufe zerlegte. "Das Ganzheitliche am Tod entfiel damit", sagt Fischer. "Es ging um Effizienz, nicht mehr ums Ritual."

Dass im scharfen Wettbewerb die Pietät auf der Strecke bleiben könnte, befürchtet Hanrieder von der Arbeitsgemeinschaft der Krematorien in Deutschland. Durch einfache Bauweise und besonders preisgünstige Standorte, klagt er, versuchten manche Investoren, ihre Kosten niedrig zu halten. Im Gewerbegebiet "zwischen Schweineschlachter und Autofriedhof" habe ein Krematorium aber eigentlich nichts verloren, kritisiert Hanrieder. "Die Feuerbestattung sollte eine würdige Alternative sein."

Andererseits halten sich gerade viele private Anbieter hierauf etwas zugute und versuchen, die Trennung von Technik und Trauer, die der modernen Kremation seit ihrer Entstehung anhaftet, aufzuheben: So bieten viele private Krematorien den Angehörigen an, bei der Einäscherung dabei zu sein, um Abschied nehmen zu können. Die kommunalen Krematorien waren da bisher eher zurückhaltend.

"Innerhalb von drei Tagen kommt die Urne zurück"

Und auch den sonstigen Service wollen viele private Anbieter vorangetrieben haben. Karl-Heinz Könsgen, Geschäftsführer des privaten Krematoriums im rheinland-pfälzischen Braubach, setzt auf Tempo und garantiert: "Innerhalb von drei Tagen kommt die Urne zurück." Für diese zügige Lieferung per Paketpost nähmen die Bestatter beim Hintransport der Leiche bis zu 300 Kilometer weite Anreisen in Kauf.

Die Privaten scheinen aber keineswegs mehr automatisch auf der Gewinnerseite zu stehen. Als in Cottbus eine private Anlage den Betrieb aufnahm, holte die Nachbarstadt Forst zum Gegenschlag aus: Sie senkte die Preise für das kommunale Kremieren, obwohl sie es damit zum Minusgeschäft machte. Ob dieser Preissturz in Forst ausschlaggebend für das Aus war, möchte der private Einäscherer nicht kommentieren. Aber er hat Insolvenz angemeldet - nach gerade mal einem Jahr Betrieb.